Jodie McNeilly

Jodie McNeilly im Gespräch mit Shaun Parker


Jodie McNeilly im Gespräch mit Shaun Parker

Könnten Sie unseren Lesern erst einmal einen grundlegenden Einblick in Ihre Arbeit bzw. choreografischen Werdegang geben? Was inspiriert Sie? Glauben Sie, Ihre Arbeit ist typisch australisch? Wenn ja, warum?

Also, um es direkt auf den Punkt zu bringen: Ich interessiere mich für Themen, die menschliches Verhalten untersuchen, unsere Instinkte und alles, was uns antreibt. Damit kann ich das menschliche Bewusstsein direkt ansprechen, wie auch immer dieses geartet ist. Was meinen Werdegang betrifft, so muss ich feststellen: ich bin nicht zur Choreografie gekommen, sondern die Choreografie ist zu mir gekommen. Als Choreograf strebe ich danach, eine Reihe von Motiven und Körperbewegungen zu schaffen, die im Rahmen der Dramaturgie einer 90-minütigen Show das Publikum Grenzen überschreiten lassen: Der Zuschauer soll neue Wege des Fühlens und Denkens erfahren; irgendetwas in ihm soll sich mit einem Mal verändern. Die Fragen nach der Zerbrechlichkeit, der Komplexität, der Rohheit und der endlosen Freude, die das menschliche Leben ausmacht – das sind die Dinge, die mich bei der Arbeit motivieren.
Das typisch Australische an meiner Arbeit ist die betonte Körperlichkeit der Tänzer – ein weit verbreitetes Merkmal in der hiesigen Tanzszene. Schließlich wächst man in diesem Land draußen auf; man treibt Sport, verbringt Zeit in der Sonne und ist von endlosen Weiten umgeben. Unsere Tanzstudios sind groß, und man kann sich enorm ausbreiten. Darum ist unser Tanz auch so ausladend, um sich greifend und extrem körperlich. Wir Australier können uns wirklich glücklich schätzen, denn unsere Tänzer bekommen hier die beste und vielfältigste Ausbildung. Eben diese Technik zeigt sich auch in der körperbetonten Ausdrucksweise, die den australischen Tanzstil ausmacht.
Es gibt auch ein paar bescheidene humoristische Züge, die etwas von meiner Persönlichkeit in meine Arbeit einbringen. Wir Australier machen uns eben gerne über andere lustig, decken die Wahrheit mit all ihrer Lächerlichkeit und Absurdität auf - und lachen darüber.

Wie ist AM I („BIN ICH“) entstanden? Welche Inspirationen haben den Anstoß für dieses Projekt gegeben?

Die Grundidee hatte ich vor fünf oder sechs Jahren nach den gewalttätigen Krawallen in Cronulla in Sydney. Dabei kam es erstmals zu Massenausschreitungen von weißen Australiern gegen bestimmte Migranten und religiöse Gruppen. Ich wollte mich näher mit dem in uns allen innewohnenden Instinkt beschäftigen, alles niederzumachen, zu verletzen oder zu töten, was anders ist als wir. Alles in allem sind wird doch nur Tiere, die im Angesicht eines anderen Tieres entweder erstarren oder angreifen. Doch es gibt anscheinend irgendetwas in unserem Hirn oder unserem Gedächtnis, das uns im Lauf der Zeit gezeigt hat, dass wir eben dies nicht tun sollten.
AM 1 war zunächst ein soziopolitisches Stück rund um die Frage nach der australischen Mentalität. Als ich mich jedoch näher mit dem Thema beschäftigte, wollte ich auch die Zeit erforschen, als Australien noch keine Nation war. Ich habe also einmal die Wiege der Zivilisation betrachtet und mich gefragt, welche Hauptmerkmale eigentlich vorherrschten, bevor Gesellschaft, Politik und Religion uns einer Gehirnwäsche unterzogen haben. Plötzlich waren die ganzen soziopolitischen Fragen gar nicht mehr wichtig. Ich wollte etwas Universelles betrachten, und zwar ganz rein und unverfälscht.

Die Frage nach dem Ich hat Philosophen und Theologen jahrhundertelang beschäftigt, seit dem 17. Jahrhundert widmen sich auch Wissenschaftler dem Thema. Seit dem 20. Jahrhundert wird dieser Bereich weniger metaphysisch erforscht. Momentan erleben wir eine neue Betrachtungsweise, bei der es weniger um das eigentliche Subjekt geht, sondern vielmehr um ein objektorientiertes Verständnis, in dem die Welt eher in einem aus vielerlei Materie bestehenden Gesamtzusammenhang gesehen wird. Inwieweit bringt sich Ihr Werk AM I, in dem ja auch der Mensch im Mittelpunkt steht, in diesen Diskurs ein?

Das Werk beschäftigt sich mit dem Begriff der Quantenphysik und ihrer Kollision mit der Struktur des Ichs. Die Vorstellung des Ichs wurde von Menschen gebildet, um zu überleben. Überleben kann man allerdings auch ohne diesen theoretischen Begriff.

AM I beginnt mit „Es war einmal”, wie ein Märchen, das beschreibt, das vor der Zeit nichts war und die Zeit sich in dieser Phase darauf vorbereitet hat, etwas zu werden. Wir Menschen ersinnen Geschichten, das haben wir schon immer getan. Ich mag den kindlichen Charakter des Ganzen, schließlich sind wir alle Kinder des Universums, die nach der einen großen Antwort suchen. Vielleicht werden wir sie niemals finden oder erkennen, dass es keine Antwort gibt. Vielleicht ist die Antwort auf das Leben das Leben selbst, das man einfach lebt.
Das visuelle Grundmuster der Hand- und Stockbewegungen in AM I soll die Komplexität des Universums widerspiegeln. Bei einigen der 10-minütigen Sequenzen dauerte es drei oder vier Wochen, um sie choreografisch zu erarbeiten. Die Arbeit ist extrem dicht, jede Nanosekunde ist das Resultat monatelanger Arbeit. Die Handbewegungsszene am Anfang erzählt in nur fünf Minuten die Reise vom Urknall bis zur modernen Gesellschaft. Für mich ist das aussagekräftiger als eine detaillierte Beschreibung.

Mit welchen Künstlern haben Sie für AM I zusammengearbeitet, warum ausgerechnet diese und wie hat sich die Zusammenarbeit gestaltet?

Ich arbeite schon seit sehr langer Zeit mit dem Komponisten und Musiker Nick Wales zusammen. Wir haben etwas gemeinsam, denn wir beide untersuchen ja, inwieweit die musikalische und theatralische Komponente des Tanzes zueinanderfinden können. Am Anfang unserer Zusammenarbeit für AM I stellte ich Nick vor die Frage: Wenn man die gesamte Gesellschaft dekonstruieren würde, nur noch die Anarchie regiert und sich eine Gruppe ganz unterschiedlicher Individuen, die das gesamte Wissen der Vergangenheit in sich vereinen, zu einem Stamm zusammentun würden, aber keine Musik mehr existiert – wie würde das wohl klingen?“
Nick und die Musiker haben dazu viele Instrumente der Weltmusik genutzt und mit elektronischen Elementen und von armenischen und religiösen Kultgesängen inspirierten Gesängen gemischt. Das Scoring folgt einer bestimmten Form, die von hier (deutet auf seine Brust) kommt. Es ist keine Avantgarde, sondern wunderschön arrangiert. Wenn wir alle gemeinsam einen solchen Stamm bilden würden, würden wir das sicher auch aus dem Bauch heraus tun, es würde genau aus diesem Ort heraus entstehen.
Ich wollte natürliches Licht haben, kein LED – das ist viel zu modern. Damien Cooper hat mir deshalb eine Lichtmauer mit 1000 elektrischen Lämpchen geschaffen, die, ähnlich wie die Blindenschrift, ein ganz eigenes Kommunikationssystem für sich darstellt. Solche Konstellationen fand ich spannend. Ich wollte das Prinzip der Quantenphysik analog darstellen. Man konnte eine riesige Menge High-Tech-Informationen mit einfließen lassen, darunter auch Videografiken, die sich wie viele kleine Pixel verhielten. Neben Musik, Tanz und Text ist die Lichtwand zu einem wichtigen Teil der Dramaturgie geworden. Zu jedem Zeitpunkt wird die Handlung also von einzelnen Elementen oder einem kollektiven Ganzen vorangetrieben.
Shantala Shivalingappa ist die Stimme des Schicksals, des Universums, die Geschichtenerzählerin aus einer anderen Welt. Sie spricht sieben Sprachen, allerdings kein Deutsch. Dies wollte sie aber für die Show in Wolfsburg im April dieses Jahres unbedingt lernen.
Die aktuelle Tournee ist mit 20 Beteiligten ziemlich groß. Wir sind sieben Tänzer (mit denen ich schon jeweils fünf bis sieben Jahre zusammenarbeite), sieben Musiker für die Live-Begleitung und ein sechsköpfiges Produktionsteam.

Hat AM I bereits den Weg für weitere Produktionen geebnet? Sprich, haben Sie neue Ideen im Kopf, die Sie uns schon verraten möchten?

Da unser Ensemble projektgebunden finanziert wird, können wir nur alle drei Jahre eine neue Produktion auf die Beine stellen. Viele meiner Arbeiten sind sehr aufwendig, meist sind 10 bis 14 Personen auf der Bühne. Im Dezember fange ich an, mich mit einem neuen Projekt zu beschäftigen. Es geht um das XY Chromosom. Dazu werde ich mit neun männlichen Tänzern arbeiten und dabei die gleichen Fragen stellen wie weiblichen, also mit dem XX Chromosom geborenen Teilnehmern. Darüber hinaus plane ich mit zwei Tänzern, mit denen ich schon seit vielen Jahren zusammenarbeite, eine Produktion namens Project Duo. Sie haben in all den Jahren gemeinsam viel erlebt und gelernt, und ich möchte einfach mal schauen, was sich von diesem Startpunkt aus alles entwickeln kann. Als drittes steht noch das soziopolitische Ballettprojekt Little Black Swan („Kleiner schwarzer Schwan“) auf dem Programm. Darin zeige ich den Weg der an akrosomeler Dysplasie erkrankten Kiruna Stamell zur Ballerina, obwohl dieser Beruf ihr aufgrund ihres Aussehens eigentlich verwehrt ist.

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