Pichet Klunchun

Interview mit Pichet Klunchun


Pawit Mahasarinand, Vorsitzender der International Association Of Theatre Critics (IATC) - Thailand Centre, im Gespräch mit Pichet Klunchun.

Im Jahr 2014 haben Sie Fördergelder vom Office Of Contemporary Art And Culture (OCAC) des Kulturministeriums erhalten, um eine Forschungsarbeit über das weltbekannte Phi Ta Khon Festival im Bezirk Dan Sai in der Provinz Loei im Nordosten Thailands auszuführen. Damit haben Sie gleichzeitig Ihre neue Arbeit Dancing With Death vorbereitet. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Hauptsächlich wollte ich die Frage erörtern, wie diese Dorfbewohner vor mehr als einem Jahrhundert ohne jegliche vorherige Ausbildung eine solche Kunst erschaffen konnten. Ich habe festgestellt, dass im Zentrum dieser einzigartigen Gemeinschaft ein spiritueller Führer stand, ein Zauberer namens Chaopo Khuan. Zu ihm gehen die Dorfbewohner, wenn sie krank sind, und er bestimmt, wann das Phi Ta Khon Festival stattfindet, nicht der Stadtteilvorsitzende oder die Touristen. Anhand dieses dreitägigen Festivals kann man übrigens sehr schön aus politischer Sicht das Kräfteverhältnis von Spiritualität, Religion sowie den Volks- und Regierungsvertretern ablesen.
Die wichtigste Antwort auf meine zentrale Frage lautet „Intuition”. Ich habe mich auch intensiv mit zwei Forschungsarbeiten französischer Anthropologen befasst, allerdings sind deren Ergebnisse nicht so tiefgehend wie das, was ich in Dan Sai herausgefunden habe und eher mit Buddhismus zu tun hat. Wir alle werden mit intuitiven Fähigkeiten geboren, aber sobald wir bestimme Bildungssysteme mit ihren ganzen Einschränkungen durchlaufen, werden diese unterdrückt und sind damit nicht mehr sichtbar bzw. von Nutzen für uns. Menschen, die in der Stadt wohnen, können ihre Intuition also nicht in dem Maße nutzen wie Dorfbewohner es können. Diese widmen sich sehr intensiv bestimmten Tätigkeiten; sie pflanzen etwa Reissetzlinge um oder züchten Wasserbüffel. Sie sehen dann unmittelbar, was sie tun, führen ihre Handlungen also nicht einfach automatisch aus. Darüber hinaus haben sie auch stets viele andere Handlungsmöglichkeiten im Blickfeld.
Ich will damit nicht sagen, dass gebildete Menschen keine Intuition haben. Sie können durchaus über intuitive Fähigkeiten verfügen, aber ihnen muss bewusst sein, dass das Wissen, das sie innerhalb ihres Bildungssystems erworben haben, lediglich ein Gerüst ist. Wir sind aber von Geburt an noch mit viel mehr Fertigkeiten ausgestattet.

Wie haben Sie diese Theorie in die Praxis umgesetzt bzw. diese Ideologie in die Choreografie und das Set Design von Dancing With Death mit eingearbeitet?

Ich habe zum Thema Intuition mehrere Workshops mit 30 Künstlern aus Dan Sai durchgeführt. Die Teilnehmer hatten die unterschiedlichsten sozialen Hintergründe und keinerlei Erfahrungen im Bereich Kunst. Die Ergebnisse haben die Existenz von Intuition bestätigt. Am Ende fand ich dieses Bild eines „Kreises mit Ausgängen zu allen Seiten. Dies ist zum zentralen Motiv meiner Choreografie zu Dancing With Death geworden. Es geht um unsere Vorfahren, um Themen wie den Geist von früher oder auch Opfergaben. Bei der Arbeit mit meinen Tänzern habe ich gemerkt, dass sie alle gut ausgebildet waren – dadurch aber auch in einem bestimmten System gefangen waren. Darum war es mir am Anfang sehr wichtig, ihnen erst einmal ein Gefühl für Intuition zu vermitteln, auch für Kreativität. Ich musste sie quasi langsam aus ihren Vorgeschichten herausschälen.

Ich habe zum Beispiel eine kurze Choreografie für die Tänzer erarbeitet, die sie sehr oft wiederholen sollten. Dann haben wir geschaut, in welche Richtung das Ganze geht, welchen Beitrag jeder einzelne leistet und welchen Ausgang man nimmt.
Als ich vor ein paar Jahren das Stück Tam Kai gemacht habe, habe ich immer mit dem Begriff „Improvisation“ gearbeitet, hatte dabei aber das Gefühl, dass meine Tänzer diesen Begriff aus der westlichen Welt nicht ganz nachempfinden konnten. Jetzt, wo wir uns mit der Intuition beschäftigt haben und diese mit Buddhismus und lokal überlieferten thailändischen Weisheiten in Verbindung gebracht haben, verstehen sie sehr viel mehr.
Für mein Set Design habe ich mich auch von einem älteren Mönch namens Luang Pu Dun Atturo aus der Provinz Surin inspirieren lassen, der gesagt hat, dass wir Kraft unserer Gedanken alles definieren und wieder lösen können. Der Raum in der Bühnenmitte symbolisiert unsere Gedankenwelt, die Tänzer, die sich auf verschieden hohen Ebenen auf und ab bewegen, den Geist. Ihre Bewegungen sind an die Arbeiten legendärer Choreografen wie Vaslav Nijinsky, Kazu Ono, Martha Graham und Pina Bausch angelehnt.

In welcher Beziehung steht das Ganze zu den bisherigen Stücken der Pichet Klunchun Dance Company, die ja meist auf dem klassischen thailändischen Maskentheater Khon basieren?

Es ist etwas völlig anderes. Wer eine Khon Darbietung erwartet, wird sehr enttäuscht sein. Ich stelle immer wieder fest, dass viele Choreografen aus Südostasien nach 10, 15 Jahren mit ihrer Arbeit aufhören. Ich glaube, sie sind zu sehr in ihren Traditionen verhaftet und schauen nicht genug über den Tellerrand, um ihre Arbeit aus dem klassischen Korsett zu befreien. Es scheint fast, als heirateten sie ihre Tänze und präsentierten sie als wunderschöne Bräute, statt sie zu lieben und Kinder mit ihnen zu machen, die ruhig auch mal anders aussehen dürfen als sie selbst. Dancing With Death ist für mich als Choreograf das größte Risiko, das ich je eingegangen bin.
Ich würde es nicht bereuen, wenn es scheitert - bereuen würde ich nur, dieses Risiko nicht auf mich genommen zu haben. Mein Ensemble feiert gerade seinen 10. Geburtstag. Mit diesem Stück möchten wir unser Vokabular erweitern, um uns in Zukunft neu ausrichten zu können und uns von anderen Ensembles in der Region zu unterscheiden. Als Tänzer möchte ich auch nicht mehr auf den Stereotyp „klassischer Thai“ reduziert werden.

Die Weltpremiere von Dancing With Death fand im Feburar im Kanagawa Arts Theatre (KAAT) im Rahmen des Tokyo Performing Arts Market (TPAM) 2016 statt. Die Premiere in Südostasien geht Anfang Mai im Esplanade – Theatres On The Bay über die Bühne. 2017 wird das Stück auch auf zwei Festivals zu sehen sein, beim Asia-Pacific Triennial Of Performing Arts (Asia TOPA) im Arts Centre in Melbourne und dem Adelaide Festival Centre’s OzAsia Festival.

Pawit Mahasarinand ist ebenfalls Vorsitzender des Department Of Dramatic Arts an der Universität von Chulalongkorn und künstlerischer Leiter des Sodsai Pantoomkomol Center For Dramatic Arts, wo Pichet Klunchuns Tanzensembles Nijinsky Siam, Tam Kai, Black And White und The Gentlemen ihre Thailand-Premieren feierten.

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