Eri Mefri

Interview mit Ery Mefri


Katrin Sohns, Leiterin der Programmabteilung des Goethe-Instituts Indonesien, im Gespräch mit Ery Mefri. Padang: © Jala Adolphus / Katrin Sohns

Eri Mefri über das Ensemble Nan Jombang Dance


Erzählen Sie doch etwas ausführlicher, wann und wie Sie dieses Ensemble gestartet haben

Nan Jombang wurde am 1. November 1983 gegründet. Aber ich selbst bin bereits im Alter von drei Jahren mit der Kunst in Berührung gekommen, weil mein Vater Tänzer war und meine Mutter Goldweberin. Wenn mein Vater zwei Mal pro Woche trainierte und Tanzstunden gab, war ich immer dabei. Mein Vater spielte Musikinstrumente und trainierte die Tänzer seiner Gruppe. Abends schlief ich auf dem Schoß meiner Mutter, um ihrem Summen beim Goldweben zuzuhören. Deshalb war ich so empfänglich für die Kunst in West-Sumatra. Ein west-sumatranisches Sprichwort sagt: Sehen und genau beobachten ist besser als selbst etwas zu tun oder zu lernen. Vielleicht ist es dieses Sprichwort, das mich beherrscht. Als ich die Mittelstufe abgeschlossen hatte, ging ich auf das Musische Gymnasium in Padang Panjang, die SMKI (Sekolah Menengah Karawitan Indonesia). Danach zog ich nach Padang und arbeitete dort am Kulturpark.

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Und als was waren Sie dort tätig?

1982 war ich in der Tanzabteilung am Kulturpark zuständig. Am 1. November 1983 rief ich daher Nan Jombang ins Leben. Männer werden oft Jombang genannt. Nan bedeutet ‘der/die/das Beste‘, jombang bedeutet ‘charismatisch, ein wenig frech aber charismatisch, beliebt‘.

Ich entschloss mich dazu, Choreograf und Tänzer zu werden, obwohl meine ländlich geprägte Familie das nicht unterstützte. Ich wollte Tänzer und Choreograf werden, egal wie hoch das Risiko war, und ich würde es nicht bereuen. Jahr für Jahr verbrachte ich jeden Tag mit meinen Tänzern, ohne dass sich eine Gelegenheit bot. Bis 1988 erhielten wir nur gelegentlich Engagements in West-Sumatra. Ich dachte, wenn uns keine Gelegenheit geboten wird, die Regierung uns keine Gelegenheit gibt, warum schaffe ich mir dann nicht meinen Auftritt selbst? Deshalb rief ich 1988 ein Festival mit dem Titel „Gelanggang Tari Sumatera“ (Bühne für die Tänze Sumatras) ins Leben. Ich machte mich auf die Suche nach Sponsoren und bat um persönliche Spenden. Das Startkapital erhielt ich, indem ich ein wertvolles Dokument, das mir gehörte, verpfändete. Das Festival organisierte ich sodann alle zwei Jahre. Als man mich daraufhin in Jakarta, Solo und Jogja kannte, wurde ich allmählich zu Auftritten dort und beim Indonesian Dance Festival, der früheren „Pekan Koreografi Indonesia“, in Jakarta eingeladen. Seit 2001 bin ich nicht mehr in der Lage, das „Gelanggang Tari Sumatera“ zu veranstalten, weil ich mich jedes Mal dafür verschulden musste. Und die Schulden hatten sich nun angehäuft. Das ehemals verpfändete Dokument gehörte schon lange der Bank. Verrückt. Unser Leben geht manchmal ganz eigenartige Wege. 2004 wurde ich zum IPAM (Indonesian Performance Art Market) auf Bali eingeladen. Dort führte ich das Stück Sarikaik Pangka Sangketo auf. Sarikaik Pangka Sangketo bedeutet so viel wie Zusammenkunft, die Abschied oder Durcheinander mit sich bringt, die Streit verursacht. Auf Bali begann für Nan Jombang unsere Karriere nach 21 Jahren harter Arbeit. Und 2004 traf ich Andrew, den Leiter der Esplanade in Singapore. Andrews erstes Geschenk kam 2005: “Du und Angga fahrt nach Brisbane, um euch Aufführungen anzusehen und zu reisen”. Zu der Zeit fand das Queensland Music Festival statt, das wir beide besuchten. Außerdem konnten wir noch zwei Wochen umherreisen.

Dann kam Andrew hierher und sah, unter welchen Bedingungen wir hier lebten. Damals hatte ich noch ein Haus gemietet, da hatten wir dieses hier noch nicht. Andrew kam dorthin und übernachtete, obwohl das Haus in einem jämmerlichen Zustand war. Erst 2007 brachte er unsere Stücke nach Australien, nach Brisbane. Dort wurde zum ersten Mal ein Stück von Eri Mefri im August 2007 gezeigt. 2009 wurden wir dann wieder zur IPAM in Solo eingeladen, wohin viele Auftraggeber kamen. Wir führten Rantau Berbisik auf – ein voller Erfolg! Die Zuschauer gaben standing ovations und in den Umkleideraum kamen einige Produzenten und Auftraggeber. Dort bekamen wir die Verträge für Aufführungen beim Festival Theater der Welt in Essen, für das Berlin Festival, für Asian Pacific in Deutschland und schließlich für die Esplanade.

In welchem Jahr war das?

An der Esplanade traten wir 2009 auf. Erst 2010 ging es dann nach Essen. Im gleichen Jahr nach Australien, nach Brisbane, Cairns, Adelaide und Darwin eingeladen. 2010 bekamen wir Angebote aus Korea und Japan. Von den Gagen unserer Auftritte kauften wir Land und bauten dieses Haus hier.

Am 18. Juni 2011 rief die Amerikanische Botschaft an und teilte mit, dass wir beim Center State Programm dabei wären. Wir würden in vier Städten auftreten, in LA, Washington, New York City am Broadway und in Rhode Island. 2012 tourten wir lange mit unserem neuesten Stück Tarian Malam in der Esplanade, dem Darwin Festival und dem Brisbane Powerhouse.

Und die IPAM ist für Ihre Stücke interessant, die die Grenze zwischen Musik und Tanz verwischen? Gründen sich Musik und Tanz auf das gleiche Fundament, wie Sie sagen?

Ich bin Choreograf, Tanz und Musik stammen aus meiner Feder, es gibt keinen Komponisten. Ich bin sozusagen Choreograf und Komponist von Nan Jombang in einem. An der SMKI erlernten wir nur drei Jahre lang Tanz und Musik. Als ich die Schule abschloss, wollte ich nicht weiter auf eine Kunsthochschule gehen, weil ich meine Ausbildung mit dem Schulabschluss für beendet hielt. Ich dachte, ich könnte schon alles. Ich hatte schon einige Grundlagen über Tanz und Musik an der SMKI und viel von meinem Vater gelernt. Tanz und die Traditionen meines Vaters beherrschte ich allesamt, und auch die Musik. Ich wollte nicht, dass die Musik für eines meiner Tanzstücke von jemand anderem kommt, weil ich meinte, dass es dann besser übersetzt werden könnte. Ich dachte, dass meine Schmerzen, meine Tränen niemals von jemand anderem zum Ausdruck gebracht werden könnten. Denn wenn ich krank bin, bin ich es, die schreien muss. Wenn ich krank bin, kann nicht ein anderer schreien. So war damals mein Gedankengang. Deshalb habe ich die Musik für meine Tänze immer selbst geschrieben. Ich habe viel von erfahrenen indonesischen Musikerfreunden gelernt. Ich habe mir auch das, was mir Rizaldly Siagian, ein Musikexperte aus Nord-Sumatra, einmal gesagt hat, zu Herzen genommen. 1989 kam ich zu ihm nach Medan und ich fragte: „Bang Rizal Siagian, welche Musik eignet sich besonders gut für Tanz?” Er antwortete mit nur einem Satz: „Musik, die sich gut für Tanz eignet, ist Musik, die man nicht hört.“ Das habe ich mir seitdem gut gemerkt. Aber erst im Jahr 2000 konnte ich es adäquat umsetzen. Seither habe ich keine Musiker mehr für meine Auftritte genutzt. Meine Tänzer sind gleichzeitig meine Musiker und meine Theaterschauspieler. Sie müssen tanzen, Musik machen und Theater spielen können. Das nenne ich darstellende Kunst, die nicht mehr entweder Tanz oder Musik oder Theater ist. Ich konzentriere mich auf die Produktion darstellender Kunst. Und das auf der Grundlage von Rizaldi Siagians Satz: „Musik, die sich gut für Tanz eignet, ist Musik, die man nicht hört.“ Wie sehr man auch auf die Trommel oder das Schlagzeug schlägt, man kann nichts hören, aber man sieht einen Tanz, der hilft zu verstehen.

Wollen Sie Nan Jombang als Familientradition erhalten?

Ja sehr. Es muss eine Familientradition, aber auch Teil der Gesellschaft werden. Diese Familientradition werde ich allen meinen Tänzern einpflanzen. Ich selbst habe sie von meinen Eltern in Empfang genommen, jetzt gebe ich sie an meine Tänzer weiter. Wenn sie dann später selbst einmal Kinder haben, müssen sie die Tradition ebenfalls weitergeben. Wir hätten ja nie gedacht, dass wir einmal ein Unternehmen wie dieses haben würden. Dies alles haben wir durch unseren Tanz erreicht, wir konnten Land kaufen, ein Haus bauen. Das war ein Geschenk Gottes.

Hat das Erdbeben in Padang 2009 Ihr Werk beeinflusst?

Ja, das Erdbeben hat mich wütend gemacht. Die Westseite Sumatras – Aceh, Padang, Bengkulu – alles wurde vom Erdbeben zerstört. Alle Menschen weinten und schrien. Und auch ich war wütend und schrie. Aber ich äußerte meine Wut in einem Stück: Tarian Malam. Ich konnte niemandem helfen, aber hoffentlich wird die Welt mir und Padang aufgrund dieses Stückes helfen. Und wird Japan helfen, das immer wieder von Erdbeben heimgesucht wird. Ich stehe oft im Kontakt mit Freunden in Japan. In Hiromi, Japan, gab es ein Beben, in Padang und Aceh bebte ebenfalls die Erde. Wir gehen immer in uns selbst und fragen uns, was passiert sei. Und das ist unsere Schuld. Manchmal ist unsere schöne Natur kaputt. Diese Zerstörung geschieht vielleicht, weil Gott wütend ist. Dann müssen wir an uns arbeiten. Und ich bin wütend auf mich selbst, auf die Menschen, die sich nicht verbessern wollen, die die Natur nicht erhalten. Die Natur ist die Schöpfung Gottes, die wir erhalten müssen, so wie wir uns selbst pflegen. Aber wir Menschen zerstören sie und deshalb ist Gott vielleicht wütend.

Über den internationalen Erfolg haben wir bereits gesprochen, wie beeinflussen die Reisen oder Touren Ihre Werke?

Das Reisen hat meine Stücke in jedem Fall beeinflusst, denn dadurch konnte ich die Welt des Tanzes, der Musik und des Theaters besser wahrnehmen. Und sehen, dass in anderen Ländern viele unserer Kollegen erfolgreich sind mit ihrer Choreografie, ihren Tänzen, ihrem Theater und ihrer Musik. Ich zog daraus die Schlussfolgerung, dass die Kultur eines Landes nicht nur diesem Land selbst gehören darf, sondern allen Ländern auf der Welt. Die indonesische Kultur gehört damit auch anderen Ländern. Die amerikanische und deutsche Kultur gehört auch den Indonesiern, genauso wie die indonesische Kultur auch den Deutschen gehört. Der größte Reichtum besteht in Kunst und Kultur, denn nur sie können die Menschen einen, nicht Geld, nicht Politik. Auf meinen Reisen sage ich immer zu Freunden: “Die indonesische Kultur gehört auch euch, nicht nur uns. Und die Kultur hier gehört auch mir, weil die Kultur die Menschen eint, die ein Gewissen haben und menschlich sind, Kultur eint uns, nicht Waffen, nicht Patronen, nicht politischer Dialog, sondern nur der Dialog der Kulturen und Künste können uns einen.” Wir Künstler betrachten die aktuellen globalen Zustände als sehr wirr. Das betrübt uns sehr. Gerade gestern haben wir angesichts der Ereignisse in Ägypten geweint. Aber weinen andere Regierungen? Regierungsbeamte und Politiker, weinen die deshalb? Wir Künstler weinen immer. Ägypten, Jemen, Libyen machen uns sehr traurig. Ist die Kultur und Kunst dort nicht in der Lage, die Menschen zu einen, obwohl gerade diese beiden Dinge außergewöhnliche Kraft besitzen, uns alle zu einen?

Eine letzte Frage: was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft

Ich erhoffe mir nur sehr wenig. Wir werden immer Stücke kreiieren und die damit verbundenen Prozesse durchlaufen. Aber unser Anliegen ist es eigentlich, dass unser Schaffen hier in Padang an diesem Ort hoffentlich von Nutzen ist für die darstellende Kunst weltweit, dass unsere Dasein vielen Menschen etwas bedeutet und nutzt. Mit der Kunst können wir der Welt unsere Energie und Denkweise zur Verfügung stellen. Also werden wir immer weiter Tanzstücke schaffen, egal was passiert, wo wir sind, wer uns braucht, wir werden da sein, egal wie hoch das Risiko. Wenn es um die Kunst geht.

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