Eisa Jocson

Interview mit Nick Power


Jodie McNeilly im Gespräch mit Nick Power
  • Foto: THOEUN Veassna
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Kannst du für die Leserschaft der TanzConnexion einmal erzählen, wie du zum Tanzen gekommen bist und deinen Hip Hop Stil beschreiben?

Ich bin in Toowoomba aufgewachsen, einer kleinen Stadt in Queensland, und habe als Kind immer Hip Hop im Fernsehen gesehen. Für Schulveranstaltungen habe ich dann mit dem Tanztraining begonnen, aber das Breakdancen musste ich mir schon selbst beibringen, denn Mitte der 90er gab es nur ein Dutzend Leute, die diesen Tanz überhaupt ernstgenommen haben - und einer davon war ich. Ich bin ein B-Boy, ein Breaker. Ich war auch als Graffiti-Sprayer unterwegs und hatte eine eigene Radioshow. Hip Hop ist ja eigentlich kein Tanz, sondern eine Kultur, zu der auch Rappen bzw. Mcing, Djing, Graffiti und Breakdance gehören. Als ich älter war, bin ich von Toowoomba nach Brisbane gezogen und stieß dort zu einer Crew, die eine ganz eigene Energie versprühte. Ich war immer in Breakdance-Crews und habe viel gebattelt, und diese ganze Kultur hat auch meine Arbeit als Choreograf maßgeblich geprägt.

Wie genau ist deine Show CYPHER entstanden?

Bei einer Breaking Jam steht man im Kreis, in dessen Mitte getanzt wird. Diesen Kreis nennt man CYPHER. Die Teilnehmer gehen der Reihe nach in die Mitte und tanzen ihr Set, es ist ein ständiger Austausch. CYPHER ist aber alles andere als ein Showcase oder ein Battle. In Europa sind das riesige Events mit 10.000 Menschen auf den Tribünen. So etwas habe ich mal in einer Arena in Paris gesehen, wo schon die Rolling Stones aufgetreten sind. Am Anfang fand ich es toll, dass so viele Leute zuschauten, aber nach einer Weile habe ich mich gefragt, wieso die Leute nicht im Kreis tanzen. Normalerweise hat man ein paar Battles, und dann füllt sich die Tanzfläche mit ein paar Kreisen. So wie ich die Hip Hop Kultur bis dahin kennengelernt hatte, war es eine Szene, bei der jeder mitmachen konnte, aber genau diese Charakteristik schien hier zu fehlen. Einen Tag später wurde ich zu einem Jam auf einem Basketballplatz in einem Pariser Vorort eingeladen. Man wollte keine Zuschauer, nur die Community. Und es bildeten sich sofort überall Kreise: In einigen ging es hitzig zur Sache, in einigen wurde nur gefeiert, wieder andere tanzten Funk. In diesem Moment ist mir klar geworden, dass genau dies das dem Hip Hop eigene Ritual darstellt. Niemand bekommt Geld dafür, dass er in so einem Kreis mittanzt, keiner gewinnt einen Preis, es geht nur um das gemeinschaftliche Erlebnis. Ein öffentliches Publikum kann nie Teil einer solchen Kreisformation sein, weil auf einer Großveranstaltung noch so viele andere Sachen passieren und die Gemeinschaft dort nicht im Vordergrund steht. Dieses Ritual gibt es nur bei uns. Und genau darum ging es mir: Ich wollte dem Publikum die Breakdance-Kultur einfach näherbringen. Die Leute sollten aktiv vor Ort an dem Projekt mitwirken und die gleichen Elemente, Umgangsformen, Symbole und Gesten benutzen, die auch in einem echten CYPHER vorherrschen.

Als weißer Junge aus Toowoomba, der über zehn Jahre lang mit Menschen aus dem Volk der Warlpiri im abgelegenen Lajamanu an dem Projekt Tracks Dance Darwin gearbeitet hat, habe auch ich eine bestimmte Kultur. Als ich den Jungs so zuschaute, wie sie ihre Dreamings tanzten und ihre Songs sangen, begann ich, mich zu fragen: Was ist eigentlich das Charakteristische an meiner Kultur, welche Tänze und Rituale haben mich geprägt? Das war der Grundgedanke, aus dem heraus schließlich CYPHER entstand.

Was bedeutet es, wenn jemand in einem CYPHER mitmacht? Welche kulturelle Bedeutung steckt dahinter, ist es eine Transformation oder gar ein Initiationsritus?

Es ist schon eine ziemlich beängstigende Sache, am Rand eines solchen Kreises zu stehen, selbst wenn man schon 25 Jahre Breakdance macht! Sich an den Rand zu drängen ist an sich schon ein Statement. Ich habe dabei viel gelernt: über Gemeinschaft, den Austausch mit Gleichgesinnten und den Mut, schließlich in die Mitte zu treten. Der Kreis bietet quasi die Basis für das gemeinsame Erlebnis, das einfach nur eine Party sein kann oder auch mal dazu dient, bestimmte Dinge untereinander zu klären. Du hast eine Stimme, du bist ein Teil des Geschehens, der ganzen Gemeinschaft und kannst einfach das tun, was dir gerade wichtig ist – entweder klärt man einen Streit unter Kontrahenten oder man genießt einfach das tolle Gefühl, das hier herrscht, wenn keiner mit tollen Moves prahlen will, sondern alle einfach gemeinsam den Beat und den Funk spüren. Egal, was du gerade willst, im Kreis kannst du es einfach tun.

Wie hast du das Festival Tanz im August erlebt? Und wie hast du dein Publikum für CYPHER gewinnen können?

Es war fantastisch, die Sophiensæle sind wirklich eine tolle Location: Eine riesige Halle mit hohen Decken, deren weiten Raumeindruck wir dramaturgisch super nutzen konnten. Das Publikum war toll, und obwohl die Show ausverkauft war, wurden es jeden Abend mehr Zuschauer.

Als jemand, der Hip Hop aus den verschiedensten Teilen der Welt kennt - würdest Du sagen, dass es eine gewisse universale Bewegungssprache gibt oder doch eher starke kulturelle Unterschiede?

Durch das Internet ist der Hip Hop wohl etwas gleichförmiger geworden, früher herrschten noch deutlichere Unterschiede. Da konnte ich gleich erkennen, aus welchem Land bzw. welcher Gegend ein Breaker kam. In Australien gibt es etwa einen sehr interessanten Mix; jeder muss über ein großes Repertoire an Skills verfügen, weil es hier beim Breakdance sehr viele verschiedene Elemente gibt: Power Moves, Spins und Footwork. Jedes Land hat sozusagen eine bestimmte historische Abstammung: In Brisbane sieht man viele Power Moves aus dem Los Angeles der 80er Jahre, in Melbourne ist eher die traditionelle Rock Steady Crew aus der Bronx angesagt. In Sydney findet man einen Mix aus Power, Footwork und Funk, und Darwin hat sogar seinen eigenen Style entwickelt. In Frankreich spürt man in jedem Move den Funk und Soul, während die Breakdancer in Korea extrem präzise, kraftvoll und virtuos sind.

Warum spricht deiner Meinung nach Hip Hop so viele Menschen an, vor allem Migranten, die derzeit in Großstädten ankommen? Und wie kann der Hip Hop auf die globale Krise der eingeschränkten Bewegungsfreiheit reagieren?

Während des Tanz im August Festivals habe ich einen dreitägigen Workshop mit vier jungen weiblichen Geflüchteten durchgeführt. Das war eine fantastische Erfahrung. Zwei junge Frauen kamen aus Afrika, zwei aus Berlin. Wir haben eine fünfminütige Tanzperformance entwickelt, die sie im Foyer gezeigt haben, bevor CYPHER aufgeführt wurde. Das Ganze war eine tolle Gemeinschaftsarbeit zwischen diesen Mädchen und den Jungs von CYPHER. Es war toll, dass Tanz im August diese Erfahrung möglich gemacht hat, mit der ich viele Einblicke in die europäische Kultur bekommen habe: Ich konnte direkt mit Leuten von hier arbeiten und mir aus erster Hand ein Bild von den oben genannten Geschehnissen machen.

Ich glaube, Hip Hop hat schon immer all denen eine Stimme verliehen, die sich auf andere Weise nicht ausdrücken können. Er wurde in der South Bronx geboren, in einer Zeit, als die Polizisten sich nicht dorthin trauten, weil man dort ständig Häuser abbrennen ließ, um die Versicherung zu betrügen und die Gangs dort das Sagen hatten. Der Breakdance schreit seine Botschaft quasi heraus: „Da bin ich. Schaut her, was ich mache. Ich komme aus einer finsteren Gegend, also handle dir lieber keinen Ärger mit mir ein.“ Beim Rap ist das ähnlich, das Spektrum reicht dort von Texten über Schnürsenkel bis zu Botschaften wie Don’t Push Me Cause I’m Close To The Edge („Zieh mich nicht noch weiter runter, ich stehe sowieso schon am Abgrund“). All das kann Hip Hop sein. Und wer braucht diese Ausdrucksform am meisten? Minderheiten und Geflüchtete. Und man braucht kein großartiges Zubehör, um damit anzufangen. Als Breaker brauchst du kein Geld. Das einzige, was du brauchst, ist ein Boden, auf dem du tanzt, und ein paar Dinge für die Grundausstattung.

Die künstlerische Leiterin von Tanz im August 2016, Vivre Sutinen, hat mal in einem Interview gesagt: „Choreografen wollen das Rad nicht neu erfinden. Sie versuchen vielmehr, mit allen Mitteln aus dieser Obsession, stets etwas Neues schaffen zu müssen, zu entfliehen, um damit innerhalb der Historie des Tanzes neues Wissen zusammenzutragen.“ Wie ist deine Meinung dazu?

Wenn man Hip Hop von der Straße wegholt, ihn also aus dem Kontext nimmt und ins Theater bringt, dann stellt sich mir als erstes immer die Frage: Wieso tut man das überhaupt? Und als nächstes: Wie tut man es? Bei CYPHER geht es um die Geschichte des Hip Hop, darum, wie alles anfing, nämlich bei den Block Partys in New York, wo alle möglichen Leute zusammenkamen; Afro- und Latein-Amerikaner, die alle ihre ganz eigenen Dance Styles hatten. Der Tanz wurde immer ausgelassener, bis irgendwann einer unten am Boden blieb und sich um diesen herum ein Kreis bildete – das war die Geburtsstunde des Breakdance. Mit CYPHER möchte ich genau diese Entstehungsgeschichte nachzeichnen. In Europa habe ich B-Boy Shows gesehen, die sehr dynamisch und virtuos waren. Dann gibt es noch Contemporary Breaking, das schon in Richtung Contemporary Dance geht. Ich wollte aus unserer Kultur heraus agieren, aus unserem eigenen Breakdance-Hintergrund. Für mich war es wichtig, den Kontext beizubehalten, schließlich kann man den Tanz nicht einfach aus seiner Umgebung reißen und auf die Bühne bringen. Bei einem Jam in einem Pariser Vorort wird sich das Publikum wohl nicht so leicht zum Rand des CYPHER vorwagen. Darum wollte ich den Leuten einfach auf diese Weise die Möglichkeit geben, echte Einblicke in unsere Kultur zu erlangen.

Dein neuestes Projekt Between Tiny Cities mit Aaron Lim (Darwin) und Erak Mith (Phnom Penh wird bald in Melbourne bei Dance Massive zu sehen sein. Kannst du uns Näheres darüber erzählen?

Das Ganze fing 2014 an, als der Produzent Britt Guy einige Breakdancer von Tiny Toones (tinytoones.org) in Phnom Penh zum Darwin Festival holte, wo ich gerade mit der Darwin Crew von den D-City Rockers zusammenarbeitete. Wir haben zwei Wochen lang intensiv zusammengearbeitet, uns gegenseitig Skills und Moves gezeigt und das Ganze in einer fünfminütigen Show auf dem Festival gezeigt. Auch CYPHER hatte in diesem Jahr Premiere, und als Höhepunkt des Festivals habe ich eine große Block Party organisiert. Danach haben wir zwei Wochen lang mit Tiny Toones überlegt, ob wir nicht weitere gemeinsame Projekte machen könnten. Zwei der Tänzer hatten Interesse, und wir wollten nicht fünf Tänzer aus der Schule nehmen, weil sonst niemand mehr übrig geblieben wäre, den wir hätten unterrichten können. Es war ein sehr natürlicher Entstehungsprozess, wir haben nicht überlegt, wen wir für die Show auswählen könnten, sondern die Zusammenarbeit ist aus einer Situation heraus entstanden, in der extrem freundschaftliche Verhältnisse herrschten. Hier in Darwin sind wir gerade dabei, das Stück fertigzustellen, danach wird es beim Dance Massive Festival in Melbourne zu sehen sein, im April in Phnom Penh, im August in Helsinki und dann geht es wieder zurück nach Darwin bzw. dem Festival.

Ich habe mir Filmmaterial der ersten acht Tage in Darwin angeschaut und darin einige Einflüsse der Kontaktimprovisation entdeckt. Nun frage ich mich, welche Rolle die eigene Handschrift beim Prozess des Choreografierens spielt und ob du die Regeln des ständigen Austauschs, die normalerweise in einem CYPHER oder Battle herrschen, mit dieser Arbeit eigentlich in Frage stellen willst?

Es gibt sowohl Elemente des Zusammenkommens und dem Verbinden zweier ganz eigener Stile. Es geht also sowohl um Unterschiede, die hier sichtbar werden, aber auch um Ähnlichkeiten, wobei ich die Unterschiede am interessantesten finde. Ich möchte herausfinden, was passiert, wenn zwei sehr persönliche Stile aufeinandertreffen, wie man auch über den Battle hinaus Wege findet, miteinander zu kommunizieren und wo einen das hinführt. Da wir erst am Ende der ersten Probewoche der Abschlussarbeiten sind, müssen noch einige Dinge geklärt werden, die mit dem verschiedenen kulturellen Hintergrund der Teilnehmer zu tun haben. All diese Aspekte werden in dem Stück sichtbar sein, sich aber im Lauf der Zeit verändern. Tiny Cities ist das Ergebnis vieler Improvisationen und der Reduktion auf die Körpersprache. Wir wollten ganz einfach improvisieren und daraus die nächsten Schritte erwachsen lassen. Mir scheint es, dass ich ganz viel Potential für diese beindruckenden körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung habe. Wenn ich dies jedoch auf die Choreografie übertrage, nehme ich genau dieses doch so enorm wichtige Potential wieder heraus. Es gibt darum eine Struktur, innerhalb derer die Tänzer dieses Potential beibehalten können, anders als in CYPHER ist hier nicht jeder Schritt choreografiert. Das Publikum kann genau dieses Potential spüren, und das macht das Projekt so spannend.

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