Amy Len

Interview mit Amy Len


Amy Len im Gespräch mit Bilqis Hijjas

Wie sind Sie mit dem Tanz in Berührung gekommen?

Ich habe mit 16 Jahren angefangen zu tanzen. Damals waren die Einrichtungen der chinesischen Gemeinschaft in Malaysia in diesem Bereich sehr aktiv. Die Kwang Tung Association bot etwa Kurse von Liang Li Juan im modernen chinesischen Tanz an, die in Taiwan ausgebildet wurde. Die meisten meiner Mittänzer waren schon erwachsen, ich war mit Abstand die Jüngste. Bevor ich mit dem Tanzen angefangen habe, war ich keine gute Schülerin. Ich glaube, durch das Tanzen hat sich etwas in mir geöffnet, vielleicht eine neue Art des Verstehens.
Mit 18 war die Leidenschaft fürs Tanzen endgültig in mir entfacht. Ich fing an, Choreografien für Wettbewerbe im chinesischen Tanz zu entwickeln. Ich habe Liangs Arbeiten genau studiert und dadurch viel gelernt. Ich konnte mich mit ihr auch über Grundlagen, Ideen und Musik austauschen.
Mitte der 90er traf ich dann viele andere junge Leute aus Malaysia, die ebenfalls begeisterte Tänzer waren: Loke Soh Kim, Choo Tee Kuang, Judimar Hernandez, Aida Redza, Anthony Meh, Ng Mei-Yin. Mit ihnen habe ich dann gemeinsam Projekte entwickelt. Einige waren gerade erst aus dem Ausland zurückgekehrt und hatten viele neue Ideen im Kopf. In diesen Jahren habe ich sehr viel gelernt.

Wie haben Sie dann zu Ihren Choreografien im Bereich Contemporary gefunden?

Mein erstes Werk, das man eher dem Contemporary Dance als dem modernen chinesischen Tanz zuordnen könnte, war Another Day, Another Night („Ein weiterer Tag, eine weitere Nacht“) aus dem Jahr 2004. Außerdem habe ich 2006 ein Solostück für mich konzipiert, es hieß Wall („Mauer”).
2011 wurde ich schwanger, 2012 kam dann mein Sohn zur Welt. In diesen Jahren habe ich also nicht sehr viel choreografisch arbeiten können. Aber das Kind wird ja langsam größer, so dass ich mich langsam wieder mehr und mehr dem Tanz zuwenden kann. Für 2016 plane ich wieder eine abendfüllende Produktion, die ich in diesem Jahr vorbereite. Ich möchte die Choreografiearbeit richtig auskosten, ganz wie ein Filmregisseur, der jahrelang an einem einzigen Film arbeitet. Und ich möchte auch nicht nur eine Choreografie erarbeiten, weil es mein Beruf ist, sondern einmal ganz neue Ansätze ausprobieren, von denen ich noch gar nicht weiß, ob sie überhaupt funktionieren werden. Außerdem möchte ich viel mehr Zeit für Forschungsarbeiten haben.

Haben Sie unter Ihren eigenen Werken ein Lieblingsstück?

Bei jedem Stück gibt man ja sein Bestes, und jede Produktion ist quasi wie ein eigenes Kind. Da fällt es schwer, einen Favoriten herauszupicken. No Exit („Kein Ausgang“) ist stets am besten angekommen. Bei der Aufführung beim No Ballett Wettbewerb in Ludwigshafen 2010 hat Jurymitglied Susanne Linke gesagt, dass ihr das Stück gefallen hat. Wir haben es allerdings nicht ins Finale geschafft, was einerseits an der mangelnden Erfahrung der Tänzer gelegen haben könnte, aber vielleicht auch an den Kostümen. Diese sahen aus wie Tutus, und die Jury hat sich wohl gefragt, warum ich meine Tänzer bei einem Wettbewerb namens „Kein Ballett“ so etwas tragen lasse. Diesen Einwand konnte ich jedoch nicht nachvollziehen, denn in unserer Kultur sind Tutus keine Tradition. Als wir No Exit in Guangzhou aufgeführt haben, fanden die Zuschauer, dass die Tänzer aussähen wie Strauße!

Welche anderen Begegnungen hatten Sie mit Contemporary Dance aus Deutschland?

Im Jahr 2007 lud das Goethe-Institut Kuala Lumpur den deutschen Choreografen Ben Riepe zu einer Zusammenarbeit mit Kwang Tung ein. Ich habe ihm bei den Proben zu seiner Choreografie assistiert, er war dafür Mentor bei meiner Choreografie. Ben ist sehr kreativ. Er trifft Entscheidungen immer auf den Punkt, und er kann sich auch schnell auf die Fähigkeiten der weniger erfahrenen Tänzer einstellen. Als wir über meine Arbeit sprachen, fragte er stets: „Funktioniert das? Gefällt es dir? Wenn nicht, dann lass es weg. Mann muss immer etwas wagen. Probiere alles aus, was du willst! Man muss sich am Anfang noch gar nicht festlegen.”
Es ist eine sehr angenehme Form des Arbeitens, wenn man genug Zeit hat, noch Dinge zu verändern. Viele der Stücke, die ich für Kwang Tung mache, sind nicht so streng festgelegt, sprich, die Tänzer bewegen sich innerhalb einer vorgegebenen Struktur, können darin aber immer auch auf den Moment reagieren. Wie auch in No Exit gibt es hier eine Kampfszene. Dazu habe ich den Tänzern aber lediglich gesagt, wie sie ihre Energie aufbauen sollen, um die erforderliche Dynamik zu erzielen, habe ihnen aber keine direkten Bewegungen vorgegeben. Im Jahr 2013 hatten wir mit Unterstützung des Goethe-Instituts einen weiteren Künstler bei Kwang Tung zu Gast im Artist-in-Residency-Programm: Brigel Gjoka von der Forsythe Company. Seine Arbeit zeichnet sich durch enorme Präzision aus, sowohl was Bewegung als auch Timing angeht. Ich habe erlebt, welche Effekte eine derartige Präzision mit sich bringt und wie gut Licht und Ton aufeinander abgestimmt waren. All das hat sich auch auf das Stück ausgewirkt, das ich danach gemacht habe, Beyond the Blue („Jenseits des Blaus”). Obwohl ich mit dem Ende dieses Stücks nicht gerade zufrieden war, wollte ich nach der ganzen Präzisionsarbeit wieder zurück zu meinem alten organischen Stil, weil ich erkannt hatte, dass ich mich noch deutlich weiterentwickeln musste.

Ich finde, Kwang Tung hat einen sehr eigenen Stil. Was sind Ihrer Meinung nach die unverwechselbaren Merkmale von Kwang Tung?

Haben wir wirklich einen eigenen Stil? Wenn man so lange Zeit mit denselben Tänzern zusammenarbeitet, weiß man genau, was sie können und die Arbeit entsteht aus der Chemie, die zwischen uns besteht. Ich habe mir nie einen theoretischen Überbau des Tanzes angeeignet, weil ich mir das Tanzen Stück für Stück erarbeitet habe. Später habe ich aus Büchern mehr über Tanztheorie erfahren, wie man mit Raum, Bewegungsfluss und Zeit arbeitet. Für mich entsteht Kunst jedoch immer im Herzen. Es geht allein darum, was der Künstler ausdrücken möchte. In No Exit ging es darum, Identitäten zu erforschen. In Wall ging es um etwas, das im Verborgenen liegt. Ich denke nicht über Linienführung und Design nach. Ich möchte Emotionen erzeugen, keine vorgegebenen Schrittmuster.

Wie genau entwickeln Sie in den Proben Ihre Stücke?

Am Anfang steht meistens eine Idee, die ich meinen Tänzern aber nicht immer verrate. Ich geben ihnen vielmehr Aufgaben: Zeige eine Phrase, in der du deine Schuhe anziehst; finde heraus, wie oft du dir selbst ins Gesicht schlagen kannst. Ich lasse ihnen jeden gestalterischen Freiraum, und dann greife ich wieder auf meine Idee zurück. Ich lehre sie auch Phrasen aus meinem eigenen Tanzrepertoire, aber ich ermutige sie gleichzeitig, dabei ihren eigenen Stil zu behalten.
Früher habe ich auch oft mit dem Independent-Filmregisseur James Lee gearbeitet. Er hat mir viele Vorbereitungsübungen aus dem Schauspielbereich verraten, die meine Arbeitsweise maßgeblich beeinflusst haben. Ich finde es spannend, welche Wirkung diese Übungen auch auf Tänzer ausüben.

Wie hat sich Ihr Künstlerdasein verändert, seit Sie Mutter sind?

Ich fange leichter an zu weinen – allein schon bei dem Wort „Leben“! Ich habe es sehr genossen, meinen Sohn aufwachsen zu sehen – all diese Bewegungen und Reaktionen sind einfach total spannend. Es ist eine tolle Gelegenheit, auch die kleinsten Bewegungen wieder wertzuschätzen – als Tänzer nimmt man diese oft gar nicht mehr wahr. Und was meine Arbeit als Choreografin angeht: Wenn Sie meinen, dass Kwang Tung bislang düster war – nun, das wird sich vielleicht bald ändern.
Jetzt, wo ich Mutter bin, weiß ich auch die Freiheiten zu schätzen, die ich selbst in meiner Kindheit hatte und die mein künstlerisches Schaffen enorm beeinflusst haben. Um die Dinge zu sagen, die man sagen will, braucht man viel Raum. Diesen Raum habe ich bisher immer gehabt und ich habe ihn immer noch, auch wenn mein Kind mir davon momentan immer wieder einen Teil wegnimmt.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Ihrer Arbeit als Choreografin und als künstlerische Leiterin, die für ein ganze Ensemble verantwortlich ist?

Neulich hat mir mal jemand geraten, doch Kwan Tung zu verlassen und stattdessen mein eigenes Projekt zu machen. Aber ich muss sagen, dass es mich erfüllt, Kwang Tung zu managen. Außerdem hätte ich es als unabhängige Künstlerin sicher viel schwerer, ich müsste Tänzer finden und Auftrittsmöglichkeiten organisieren. Ich könnte zwar auch mit Tänzern außerhalb des Kwang Tung Ensembles arbeiten, aber dafür bräuchte ich mehr Zeit. Obwohl, in der Kunst braucht alles sehr viel Zeit bzw. sollte viel Zeit brauchen dürfen. Schließlich machen wir ja kein Fast Food. Wenn man als Künstler etwas macht, sollte man seine ganze Aufmerksamkeit darauf richten.
Ich möchte mit Kwang Tung außerdem Choreografen und Tänzer in Malaysia unterstützen, weil ich finde, dass sie hier nur eine begrenzte Plattform haben. Ich habe eine Chance bekommen, und die möchte ich auch gerne nutzen.

Sie befinden sich in der Mitte Ihrer Karriere – was glauben Sie ist für Sie zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig?

Ich möchte gerne ein internationales Publikum erreichen. Nicht, weil es mehr Prestige verspricht, sondern weil ich glaube, dass ich mittlerweile eine internationale Sprache spreche. Es gibt einem viel Bestätigung, wenn das Publikum aus Menschen mit verschiedenem Hintergrund besteht, die allesamt die eigene Arbeit wertschätzen. Ich glaube, auf einer internationalen Bühne und im Kontext vieler anderer Künstler könnte ich einfach meine Grenzen noch weiter ausloten. Außerdem wäre es schön, durch internationale Anerkennung endlich mehr Aufmerksamkeit seitens der malaysischen Regierung und Gesellschaft zu erfahren!

Übersetzungsassistenz: Tan Bee Hung

    Mehr Interviews

       

      Archiv