Interview Tran Ly Ly

Interview mit Trần Ly Ly


„Ich versuche nicht, gesellschaftlichen Normen zu genügen. Nur wer unangepasst ist, kann Pionierarbeit leisten.“

Kameliya Petrova sprach im September 2014 in Hanoi mit Trần Ly Ly, der Choreographin von 7x.

© Trinh Xuan HaiTrần Ly Ly im Interview


Sie kitzelt unsere geheimen Ängste heraus, dringt tief in unser Innerstes ein und zwingt uns zu neuen Sichtweisen: In den Arbeiten von Trần Ly Ly erleben wir den vietnamesischen Tanz von einer anderen Seite.

Die in einer Tänzerfamilie groß gewordene Trần Ly Ly machte schon früh ihren Abschluss am Vietnam Dance College, studierte und arbeitete daraufhin in Australien und Frankreich. Inzwischen ist sie nach Vietnam zurückgekehrt, wo sie ein eindrucksvolles Repertoire an Contemporary Dance Produktionen erarbeitet hat. Mit Choreographien wie One Day, Living In A Box, Zen und 7x hat sie sich international einen Namen gemacht. In Vietnam zählt sie wohl zu den spannendsten Künstlern im Bereich des zeitgenössischen Tanzes.
Mit dem Stück 7x haben Trần Ly Ly und ihre Tänzer des HCMC Dance College die vierte Ausgabe des Festivals Europe Meets Asia In Contemporary Dance Festivals zu einem krönenden Abschluss gebracht. Das Stück thematisiert das Aufwachsen des Einzelnen in einer sich rasant ändernden Gesellschaft. Der Protagonist sieht sich ständig neuen inneren Konflikten ausgeliefert und entfremdet sich langsam immer mehr von der eigenen Umwelt.

Wie kommt es, dass Sie in Australien und Vietnam studiert haben?

Bei meinem Studium in Vietnam hatte ich auch Unterricht bei einigen Tanzdozenten aus dem Ausland. Bei der Arbeit mit ihnen habe ich gemerkt, dass es außerhalb Vietnams irgendwie anders sein muss als hier. Ich war schon immer der Meinung, dass ein Auslandsstudium eine wichtige Erfahrung ist. Und ich hatte Glück: In Australien gab es damals erstmals einige Stipendien in diversen künstlerischen Studiengängen für vietnamesische Studierende. Einen Platz zu bekommen, war schwer, aber nicht unmöglich. So habe ich also in Australien meinen Bachelor gemacht und bin dann zurück nach Vietnam gegangen. Kurz darauf habe ich dann am Hue Dance Festival teilgenommen, wo ich die französische Choreographin Regine Chopinot traf. Sie wollte gerne mit vietnamesischen Tänzern zusammenarbeiten und lud mich zu diesem Zweck nach Frankreich ein.

Haben Sie im Ausland neue Erkenntnisse gewonnen?

Ja, ich habe vor allem gelernt, dass man sich einfach öffnen muss: gegenüber neuen Denkweisen, neuen Arbeitsmethoden, neuen Arten der Wahrnehmung seiner Umwelt. Damit hat sich mir quasi eine ganz neue Richtung des Tanzes eröffnet, die ich so noch nicht kannte. Ich wusste plötzlich, wie meine Arbeiten beschaffen sein sollen. Seit diesem Moment kam für mich nur noch der zeitgenössische Tanz in Frage. Bis dahin hatte ich ja nur eine klassische Ballettausbildung genossen. Als ich mit Contemporary Dance anfing, habe ich gleich gemerkt: Ja, genau das ist es. Mit dem zeitgenössischen Tanz kann ich einfach meine Persönlichkeit ausdrücken.

Wie definieren Sie genau den Begriff Contemporary Dance?

Contemporary Dance bedeutet Freiheit und kennt keine Grenzen. Es geht um den gegenwärtigen Moment, um das Jetzt. Zeitgenössisch, das bedeutet menschlich, lebhaft, abstrakt, emotional – und für mich ist es etwas sehr Persönliches.

Wie erleben Sie es, beim Festival Europe meets Asia In Contemporary Dance in Hanoi dabei zu sein?

Sehr aufregend! Ich fühle mich sehr geehrt, hier mitmachen zu dürfen und so viele Menschen aus allen Teilen der Welt kennenzulernen, die allesamt eine eigene Persönlichkeit mitbringen und auf ihre Weise etwas Besonderes sind. Das ist einfach toll! Bei einem solchen Festival dabei zu sein, bedeutet aber auch Verantwortung. Ich glaube, wir müssen immer noch ein Stück besser sein als andere. Wir gehören einerseits zu den geladenen internationalen Gästen, repräsentieren auf der anderen Seite aber auch die Tanzszene Vietnams. Wir müssen also eine besonders aussagekräftige Produktion vorlegen, auf die wir mit Fug und Recht stolz sein können.

Wie beurteilen Sie die Situation des Contemporary Dance in Vietnam? Mit welchen Problemen haben Profitänzer hier zu kämpfen?

In Vietnam müsste es noch viel mehr internationale Tanzveranstaltungen wie Europe meets Asia In Contemporary Dance geben, wo wir Kontakte zu ausländischen Choreographen, Tänzern und Kuratoren knüpfen können. Es gibt hier in Vietnam Tänzer mit exzellenter Technik, die, wenn sie sich weiterentwickeln wollen, unbedingt eine motivierende Atmosphäre brauchen, in der sie sich selbst verwirklichen und offen für Neues sein können. Festivals wie diese sind wichtig für unsere Künstler, weil sie lernen, mit einem festen zeitlichen Ziel vor Augen hart an sich zu arbeiten. Viele vietnamesische Tänzer arbeiten gleichzeitig in den Bereichen klassisches Ballett, zeitgenössischer und traditioneller Tanz. Das ist zu viel. Wenn man erstklassige Ergebnisse erzielen will, muss man sich auf eine Sache konzentrieren. Ich glaube, dass das Publikum in Vietnam inzwischen gute und vielfältige Tanzproduktionen zu schätzen weiß. Die Zuschauer sind offener geworden und interessieren sich generell für viele Dinge, nicht nur für Tanz. Sie möchten etwas sehen, an etwas teilhaben und erleben. Dieser neue Trend ist in Vietnam derzeit deutlich zu spüren.

Einige Ihrer Projekte haben eine heftige Diskussion zum Thema Contemporary Dance in Vietnam ausgelöst. Sind Ihre Produktionen Zen und Burning Man’s Figure beim Publikum gut angekommen?

Einige mochten die Stücke sehr, vielen hat es aber auch nicht gefallen. Für einige war es wohl einfach zu neu. Die Zuschauer haben eine andere Denkweise als ich. Mir ist die Meinung des Publikums sehr wichtig, aber ich lasse mich davon nach Möglichkeit nicht herunterziehen. Ich muss mein Ziel im Auge behalten und darauf hinarbeiten. Ich versuche nicht, gesellschaftlichen Normen zu genügen. Nur wer unangepasst ist, kann Pionierarbeit leisten. Und Pioniere haben keine Angst vor dem Unbekannten. Wenn ich eine neue Idee habe, vertraue ich immer meinem Instinkt. Ich versuche immer mit allen Mitteln, aus einer Produktion das meiste herauszuholen. Technisch muss alles perfekt sein. Den Rest kann ich nicht beeinflussen.
Und wenn ich selbst in einer schlechten Verfassung bin, ist es wichtig, dass ich ein paar Menschen um mich herum habe, denen ich vertrauen kann. Nicht nur im privaten Bereich, auch die kompetente und objektive Meinung von Kollegen und Künstlern aus verschiedenen Bereichen hilft mir in solchen Fällen enorm. Wenn Leute vom Fach meine Arbeit loben, bedeutet mir das sehr viel.

Welchem Tanzprojekt widmen Sie sich als nächstes?

Ich konzipiere gerade ein neues Projekt, das mich gerade rund um die Uhr beschäftigt. Dafür arbeite ich mit einem Dutzend Tänzern aus Vietnam und hoffe, dass das Stück im April 2015 fertig sein wird. Der Arbeitstitel lautet 60 Minutes. Es soll das Folgestück zu meiner Produktion Zen sein. Ich möchte darin die verschiedenen Phasen einer Lebensgeschichte zeigen. Meine Botschaft: Es ist nicht wichtig, was man im Leben möchte, sondern wie man es erreicht.

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