Del Amo

Über das Gehen, das Werden und tanzende Tiere



Martin Del Amo im Gespräch mit Martin Nachbar

Der deutsche Choreograf Martin Nachbar hatte sich für seinen Drei-Städte-Trip nach Australien viel vorgenommen: In Brisbane forschte er für seine Doktorarbeit, in Sydney hielt er Workshops ab und in Melbourne führte er schließlich eins seiner Tanzstücke auf. Ich traf Nachbar in Sydney, wo er mir erzählte, dass dies nicht sein erster Australienbesuch war: Seine Frau, die Choreografin und Tänzerin Zoë Knights ist hier geboren, und er hatte unlängst hier ihre Familie besucht. Dies war allerdings sein erster berufsbedingter Aufenthalt, bei dem er sich aktiv in die lokale Tanzszene einbrachte. Wohlgemerkt in drei verschiedenen Großstädten.

Nachbar, der inzwischen in Berlin lebt, hat an der School For New Dance Development (SNDO) in Amsterdam, in New York und am PARTS Institut in Brüssel studiert. Seit 2001 hat er mehr als 20 Tanzstücke erarbeitet, einige davon haben erfolgreiche Auslandstourneen hinter sich. Seit ein paar Jahren liegt sein künstlerisches Hauptaugenmerk auf der Untersuchung verschiedener Gangarten, was auch das Thema seiner interdisziplinären Doktorarbeit ist, die er gerade an der Universität Hamburg verfasst.

Brisbane

Der Hauptgrund für seinen vom Goethe-Institut unterstützten Aufenthalt in Brisbane waren d Forschungsarbeiten zu eben jenem Thema. Nachbar stellt die These auf, dass gemeinschaftliches Gehen eine Möglichkeit ist, das Miteinander zu stärken, das städtische Leben zu verändern und den Kontakt der Menschen untereinander zu intensivieren. An der State Library Of Queensland hat Nachbar Texte zu diesem Forschungsfeld studiert, außerdem hat er an Walking Tours des Aboriginal Cultural Centre in der Innenstadt von Brisbane teilgenommen. Diese sind vor allem an Touristen gerichtet, aber Nachbar hatte vorher bereits solche Geh-Aktionen mit Performance-Charakter in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Essen durchgeführt. „Wir möchten mit den Teilnehmern verschiedene Arten des Gehens ausprobieren: vorwärts, ganz langsam, sehr schnell, homolateral, also entweder nur rechts- oder linksseitig, stampfend. Die Leute um uns herum können gerne mitmachen oder einfach zur Seite treten und uns zusehen“, erklärt er das Projekt. Anhand von Fragebogen werden im Anschluss die Erfahrungen der Teilnehmer ausgewertet.

Eine der ungewöhnlichsten Übungen dieser Geh-Projekte ist der Quick Facade Walk, der schnelle Fassadengang: „Hierbei muss man sich so nah an der Fassade eines Gebäudes bewegen wie möglich. Jedes Mal, wenn man auf eine offene Tür trifft, muss man hineingehen, das Gebäude oder das Geschäft kurz erkunden und dann wieder hinausgehen.“ Wie reagieren die Leute, die zufällig Zeugen dieses Experiments werden, darauf? Und dürfen die Teilnehmer mit den Zuschauern kommunizieren? „Die Übungen sollen eigentlich ganz in Ruhe ausgeführt werden, um ein Bewusstsein für die Geräuschkulisse der Stadt zu entwickeln“, so Nachbar. „Aber wenn ein Teilnehmer angesprochen wird, dann kann er ruhig antworten.“

Sydney

In Sydney widmete Martin Nachbar sich dagegen einem anderem Thema, den Animal Dances. Er unterrichtete fortgeschrittene Studierende im Pre-Professional Year (PPY) an der Sydney Dance Company in diesen „Tiertänzen“ und bot einen Workshop im Choreografieforschungszentrum Critical Path an. Die Workshops gehören zu einem 2013 bereits in Berlin aufgeführten Projekt, das sowohl ein Solo- als auch ein Gruppenstück beinhaltet. Wie er überhaupt auf das Thema gekommen war, erklärt er folgendermaßen: „Es gibt in dem Buch von [Gilles] Deleuze und [Félix] Guattari A Thousand Plateaus (‚Tausend Plateaus‘) ein wichtiges Kapitel, das Becoming Animal, Becoming Woman, also ‚Tier werden, Frau werden‘ überschrieben ist. Es geht darum, dass „werden“ nicht „imitieren“ bedeutet. Der Prozess des Imitierens mag zwar dazugehören, ist bei dem Vorgang aber nicht das Wichtigste.“ Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „Und das stimmt. Es geht eben viel um Fantasie, um Gefühle und Sinneseindrücke. Seit jedoch Leute wie Xavier Le Roy und einige andere Choreografen das Buch gelesen haben, ist es in Europa anscheinend verboten, in der konzeptionellen Tanzszene mit dem Prinzip der Imitation zu arbeiten. Ich dachte mir also, ‚Okay, ich versuche das jetzt. Ich fing an zu forschen, imitierte zunächst Gottesanbeterinnen, Pferde und Vögel.“ Wie sich das anfühlte? „Ganz schön lustig“, lacht Nachbar. „Denn die Unmöglichkeit des Imitierens wird einem ja sofort klar. Man muss seine ganze Fantasie einsetzen, und das Ganze ist sowohl körperlich als auch geistig eine echte Herausforderung.“

Nachbar räumt ein, dass das Projekt gerade aus dem Grund, dass hier Menschen Tiere imitieren, zu Recht kritisiert worden ist. Seiner Meinung liegt dies an der derzeit vorherrschenden Meinung, dass solche Darstellungen innerhalb der Kunst tunlichst zu vermeiden sei. Obwohl er die Grenzen dieser Darstellungen durchaus versteht, ist ihm nicht wohl dabei, dass einige Kritiker und andere Künstler in diesem Bereich quasi Verhaltensvorschriften aufstellen. „Es ist doch total undemokratisch, einem Kunstwerk vorzuschreiben, was es zu tun und zu lassen hat. Das ist ideologisch motiviert und bringt der Kunst überhaupt nichts.“ Der Choreograf ist offenbar fest entschlossen, gängige Meinungen darüber, was in der Kunst erlaubt ist und was nicht, infrage zu stellen.

Worin liegt nun die Verbindung zwischen seinen Geh-Performances und dem choreografischen Anspruch der Animal Dances? „Früher habe ich immer gedacht, dass ich mich mit jedem Projekt einem neuen Thema zuwende und konnte dabei gar keine choreografische Handschrift oder ein alles überspannendes Interesse ausmachen. Aber so langsam erkenne ich, was dahintersteckt“, lacht er. Das Konzept des Werdens ist ihm dabei ein zentraler Punkt. „Das ist ein sehr wichtiger Aspekt meiner Arbeit, sogar bei den Performances zum Thema Gehen. Man könnte quasi sagen, dass es dabei darum geht, wie die Menschen Menschen werden. Auf zwei Füßen zu gehen ist das, was uns von allen anderen Tieren unterscheidet.“

Melbourne

Das Prinzip des Werdens spielt auch in Nachbars Projekt in Melbourne, einer Neuinterpretation des berühmten Tanzzyklus Affectos Humanos der deutschen expressionistischen Tänzerin Dore Hoyer, eine wichtige Rolle. Begleitet wurde seine an zwei Abenden vorgeführte Version des Stücks von einem fünftätigen Workshop in den Räumen des Tanzensembles Lucy Guerin Inc im Rahmen des dortigen Hot Bed Programms, das die Tanzszene vor Ort mit den Arbeiten internationaler Choreografen in Berührung kommen lassen möchte.

Schon seit 1999 hatte Nachbar an der Neuinterpretation von Hoyers bahnbrechendem Tanzzyklus gearbeitet; der Höhepunkt war das Stück Urheben Aufheben aus dem Jahr 2008, mit dem er immer noch auf Tournee geht. Das Original hatte im Jahr 1962 Premiere, ein Film dazu entstand 1967. Sich mit dem Film auseinanderzusetzen war für Nachbar die Grundvoraussetzung für das, was er als „Begegnung“ zwischen Dore Hoyer und sich selbst beschreibt, eine Begegnung, die einen Zeitraum von 40 Jahren umfasst und an der zwei Körper unterschiedlichen Geschlechts beteiligt sind. Hoyer selbst hat ihn angeblich zu diesem Prozess ermutigt. Bei seinen Studien fand er nämlich heraus, dass sie bei diesem Stück eine „nicht geschlechtsspezifischen Choreografie“ befürwortete. Die Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erfüllen, hat ihn erst recht motiviert: „Ich wusste, dass ich die Unterschiede niemals verschwinden lassen konnte. Also habe ich sie akzeptiert und schätzen gelernt.“

Nachbar räumt ein, dass Hoyers Choreografie aus moderner Sicht „seltsam und hermetisch“ erscheinen mag. „Man muss eben überlegen, wie man das Stück auf die Gegenwart und auf seinen eigenen Körper beziehen kann. Der Vorgang der Neuinterpretation ist dabei eher eine Begegnung als der Versuch einer perfekten Imitation“. Genau dieser Ansatz sollte auch Thema der darauffolgenden Workshops sein. „Ich werde die Teilnehmer bitten, einen von Hoyers Tänzen aus dem Zyklus in der Form, wie man sie im Film sieht, auszuwählen und ihnen dann zeigen, wie man sich für diesen bestimmten Tanz aufwärmt“, verriet er seine Vorgehensweise. Damit soll den Teilnehmern ermöglicht werden, sich Hoyers Werk ganz persönlich zu nähern und dabei ihre ganz eigenen Fähigkeiten zu nutzen. Es war das erste Mal, dass Nachbar diese Workshops außerhalb von Europa gegeben hat, und so zeigte er sich sehr gespannt, was die Teilnehmer wohl daraus machen würden – vor allem, weil Dore Hoyer im australischen Kulturbewusstsein gar nicht verankert ist. „Am Ende geht es doch darum“, so sinniert er „welche ganz eigenen Strategien des ‚Werdens‘ jeder einzelne Teilnehmer an den Tag legt.“

Animal Dances Workshop, Critical Path, Sydney, 2. bis 3. Mai, Hotbed Workshop #1, Lucy Guerin Inc, 4. bis 9. Mai 2015; Urheben Aufheben, Konzept & Tanz Martin Nachbar, Choreografie Dore Hoyer, Martin Nachbar bei Lucy Guerin Inc, Melbourne, 8. und 9. Mai. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts.

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