Melati

Zerbrechlichkeit, Arbeit, Belastbarkeit und Heimat



Melati Suryodarmo auf dem OzAsia Festival von Ben Brooker

Melati Suryodarmo transportiert eine große weiße Matratze durch einen mit 15 Zentimeter hohem Sand überschütteten Raum. Sie trägt sie auf ihrem Kopf, ein Symbol für die schwere Bürde, wie sie die Menschen in den Ländern des Globalen Südens tragen. Oder sie legt sich auf den Bauch und benutzt die Matratze als eine Art Schutz vor den Elementen. Als weiteres Objekt dient ein alter Spaten, mit dem Suryodarmo ohne erkennbaren Sinn sisyphusartig den Sand schaufelweise von einer Ecke in die andere bewegt.

Manchmal sieht man sie auch einen Graben oder einen Wall anlegen, doch auch solche nützlichen Arbeiten lassen immer das Gefühl der Niederlage aufkommen – immer wieder wendet sie sich von der Landschaftsgestaltung ab, und statt ihre Arbeit zu beenden, hantiert sie wieder lustlos mit dem Spaten herum oder sucht wieder unter der Matratze Schutz.

Wir sehen einige recht eindeutig kulturelle Signale. Das erdfarbene Gestrüpp erscheint gewollt neutral. Der rote Sand, der förmlich die Geschichte und die Landschaft der australischen Ureinwohner symbolisiert, ist, wie Suryodarmo mir im Gespräch erklärt, allerdings eine zufällige Anspielung und sollte eigentlich nur die roten Ziegel darstellen, mit denen die Häuser hier gebaut werden. Auch die europäische Flüchtlingskrise hat Suryodarmo mit diesem Thema unbewusst thematisiert. Eine glückliche Fügung, wie die Künstlerin erzählt, die sich über die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten ihres Stücks sehr erfreut zeigt. „Ob bewusst oder unbewusst“, so Suryodarmo, „die Sichtweise des Publikums reflektiert dessen persönliches Gepäck, den eigenen Hintergrund und das ganz eigene Umfeld. Das macht für mich Kunst aus. Man muss den Leuten nicht vorgeben, was sie zu denken haben. Oftmals wird vergessen, dass der Künstler nur einen kleinen Impuls oder vagen Anstoß geben sollte. Die Leute möchten einfach einmal in eine Welt fern ihres eigenen Alltags eintauchen.“

Mit der vom OzAsia Festival in Auftrag gegebenen Arbeit 24.901Miles hat Suryodarmo zum ersten Mal eine Live-Performance in Australien aufgeführt. Angesichts ihres bedeutenden Werkkatalogs im Bereich Live-Performance und Videokunst ist der Zeitpunkt längst überfällig. Die meist dauerhaft angelegten Werke der Künstlerin, die zwischen ihrem Geburtsland Indonesien und ihrer Wahlheimat Deutschland, wo sie an der Universität Braunschweig studiert, hin- und herpendelt, haben inzwischen international Beachtung gefunden. Zweifelsohne hat ihre Tutorin Marina Abramović ihr dabei einige Türen geöffnet, doch den Großteil ihres Erfolges hat sie sich selbst zu verdanken. Suryodarmo trägt eine sehr eigene Handschrift, ihre Synthese europäischer und indonesischer Einflüsse und Methodik, getragen von einer exzentrischen und charismatischen Persönlichkeit, definiert sich jenseits gängiger Kategorien. Dabei stellt die Künstlerin die Grenzen der Form immer wieder in Frage: „Es gibt für mich keine Barrieren, meine Kunst ist durchlässig”.

Angesprochen auf die unterschiedlichen Reaktionen auf ihre Arbeit in Europa und Asien erklärt sie: „Ich repräsentiere nicht die öffentliche Meinung über meine Arbeit. Allerdings merke ich an der Tatsache, dass ich auf immer mehr Festivals und Ausstellungen engagiert werde, dass das Interesse an Performances im Bereich Contemporary im Asien-Pazifik-Raum deutlich wächst. In Europa dominieren bei der Programmgestaltung immer noch stark ethische Gesichtspunkte – es geht um politische Aussagen, um Kulturpolitik. Ich gelte hier leider als Repräsentantin Asiens, nicht einfach als die Person Melati. So lange diese Vorstellungen auf dem europäischen Kunstmarkt vorherrschen, sage ich lieber: „Nein, danke.“

Als Gegenbeispiel führt Suryodarmo die zeitgenössische Bildkunstszene an. Hier sei man ihrer Meinung nach offener für formelle Experimente und zwinge den Künstler nicht in die Rolle des Botschafters seines Landes. „Die Leute interessieren sich hier mehr für meine Kunst, sowohl im Performance- als auch im Videobereich. In den vergangenen Jahren habe ich jedoch auch viel mit Tänzern, Choreografen, Schauspielern und Videokünstlern zusammengearbeitet. Ich möchte einfach die Beziehung zwischen Theater und Tanz, zwischen ganz verschiedenen Ansätzen verstehen. Es geht nicht darum, die Performancekunst weg von den Galerien und hin auf die Theaterbühne zu transportieren, sondern vielmehr um Begegnungen und Austausch zwischen Publikum und Künstler.“

Suryodarmos Arbeiten haben weder emotionale Beweggründe, noch sind sie konfrontierend oder streitlustig. Anders als die meisten anderen Künstler, die sich der international gerade wieder vielbeachteten auf dem Körper basierenden Performancekunst widmen, zeigt sie ihren Körper zwar in einer Stresssituation, jedoch nicht einer enormen Gefahr ausgeliefert. Ihre Arbeit hat eher meditativen Charakter, sie präsentiert uns eine Reihe ganz subtiler, sich wiederholender Gesten, die das Verrinnen der Zeit symbolisieren. Dies kann ein so kurzer Zeitabschnitt sein wie sechs Minuten, wie im Fall ihrer bekanntesten Arbeit Exergie - Butter Dance (2000), meistens handelt es sich jedoch um ein paar Stunden oder gar einen ganzen Tag oder mehr. In I Love You (2007) trug Suryodarmo bis zu sechs Stunden lang eine 35 Kilo schwere Hartglasscheibe durch einen Raum und wiederholte dabei so lange den Satz „I love you”, bis er bedeutungslos erschien „Ich musste mich ganz vorsichtig bewegen“, erinnert sich Suryodarmo, „mein Körper musste immer dem Objekt folgen. Eben wie im richtigen Leben, wo einen die Dinge in eine bestimmte Richtung drängen.“ Wie in vielen ihrer anderen Arbeiten zeigt Suryodarmo in I Love You einen Körper, den sie nur in Teilen beherrscht und erzeugt eine lebhafte Spannung zwischen ihrer Fähigkeit, ein schweres und sperriges Objekt zu (er-)tragen und den körperlichen Grenzen, die sowohl das Objekt als auch das Performance-Umfeld mit sich bringen.

Die einzelne Matratze aus 24.901 Miles ist ein Überbleibsel der 20 Matratzen, mit denen Suryodarmo in Dialogue With My Sleepless Tyrant („Dialog mit meinem schlaflosen Tyrannen) im Jahr 2013 gerabeitet hatte. In der von Hans Christian Andersens Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ inspirierten Arbeit lag Suryodarmo zwischen Matratzen, nur ihr Kopf schaute heraus und ihr langes Haar baumelte an der Seite herunter, was wiederum an ein anderes Märchen erinnerte: „Rapunzel“ der Brüder Grimm. Sobald sie das Gewicht nicht mehr tragen konnte, drehte sie sich um und drückte so lange nach oben, bis die Matratzen, die von oben auf sie drückten, zu Boden fielen. So wie I Love You die Bürde der Worte und abgedroschener Phrasen, hier in der allgemeinen Vorstellung von romantischer Liebe, durch den dauerhaft inszenierten unter Druck stehenden Körpers thematisierte, arbeitet auch Dialogue mit einer ähnlich erdrückenden Materialität als Metapher für die sozialen Erwartungen, mit denen Frauen heute konfrontiert sind. In 24.901Miles (der Titel bezieht sich auf den Erdumfang am Äquator) wird die umherwandernde Matratze dagegen zum Symbol für Heimat und die Suche nach unseren Wurzeln in extrem bewegten Zeiten. „Am Anfang der Arbeit habe ich mich mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass sich Menschen und Kulturen im Lauf der Geschichte stets kreisförmig bewegt haben“, erzählt Suryodarmo: „Die Beziehung zu unseren Vorfahren ist ein stetiger Kreis, und das finde ich sehr spannend.“ In meiner eigenen Heimat kann man etwa sehr genau sehen, wie die indonesische Kultur von der indischen oder auch von den Aborigines beeinflusst worden ist: Sie wuchsen auf, zogen fort und kamen wieder. Ich finde es faszinierend, dass dieser Kreislauf nie zum Stillstand kommt – bis zu dem Punkt, an dem wir sagen: „Jetzt such ich mir ein Zuhause“. Ein Zuhause zu haben, das ist der grundlegende Mythos der Menschheit. Manche Menschen behaupten „Ich brauche kein Zuhause“ und glauben, ihr Körper könne dieses ersetzen. Das ist aber nicht möglich.“

Um ein gutes Leben zu führen, brauchen wir alle eine Zuflucht, sowohl im spirituellen als auch im materiellen Sinne. Das ist die Kernbotschaft von 24.901Miles. Suryodarmo zeigt uns eine einerseits von Durchhaltevermögen geprägte Person, die aber auch sehr zerbrechlich wirkt. Obwohl sie kraftvoll erscheint, wirkt sie inmitten der vielen Rillen aus rotem Sand, die durch vier aufleuchtende Warnlichter sehr düster wirken, sehr klein. Wir sehen, wie sie das Herumtragen der Matratze und das Hantieren mit dem Spaten ermüdet, ihr Haar wird immer zerzauster und ihr Gesicht immer farbloser, während sie versucht, ihren Weg durch die widrige Sandlandschaft zu finden.

Unmöglich, bei dieser Darstellung körperlicher Entkräftigung, die sich über zwei mal fünf Stunden erstreckt, nicht an die Zehntausende syrischer Flüchtlinge zu denken, die zusammengedrängt in der Winterkälte in fremden Ländern ausharren und sich nichts sehnlicher wünschen, als dass der Kreislauf sie endlich nachhause führt.

Für Suryodarmo ist dieses Bild keine bloße Abstraktion. Obwohl sie kein Flüchtling ist, hat sie ihre eigene Erfahrung mit dem Thema Migration gemacht. In ihrer Arbeit Der Sekundentraum von 1998 ließ sie uns an ihren Zweifeln zu den Begriffen Identität und Zugehörigkeit teilhaben, indem sie hunderte von Kleidungsstücken, die sie während ihrer Zeit im Ausland gesammelt hatte, faltete und aufstapelte. Nachdem sie alles wieder in Unordnung gebracht hatte, zog Suryodarmo sich einzeln jedes Teil an, bis sie sich durch die Schwere und Enge der Kleider nicht mehr bewegen konnte. Sie symbolisierte damit einen archetypischen Traum, in dem der eigene Körper durch die zunehmende Macht von außen starr und unbeweglich wird.

Zum Schluss frage ich Suryodarmo, ob sie ihre Geburtsstadt Solo in Java immer noch als ihre Heimat betrachtet. „Ja“, antwortet sie, und fügt aus vollstem Herzen hinzu: „und Deutschland!“ Eine Antwort, wie sie für Melati Suryodarmo typisch ist, zeigt sie doch wieder einmal, dass das Geflecht von Zeit und Raum für die Künstlerin mehr zählt als ein geografischer Ort.

OzAsia Festival, Melati Suryodarmo, 24.901 Miles, Artspace Gallery, 25. bis 26. September, ausgewählte Arbeiten, Contemporary Art Centre Of SA (CACSA), 9. bis 30 September, Artspace Gallery, Adelaide, 9. September bis 4. Oktober

Melati Suryodarmo wird ihre 12-stündige Performance I'm a Ghost in My Own House („Ich bin ein Geist in meinem eigenen Haus”) aus dem Jahr 2012, in der die Künstlerin mehrere hundert Kilo Kohlebriketts zerdrückt und zerreibt, bis nur noch Puder und Staub übrig bleibt, bei der 8. Asia Pacific Triennial of Contemporary Art (APT8) in der Queensland Art Gallery | Gallery of Modern Art, Brisbane vom 21. November 2015 bis 10. April 2016 aufführen.

Dieses Interview ist eine Koproduktion von RealTime Australia.

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