Medien

Druck für Kleine – der Boom der Kindermagazine

Cover von ´Dein Spiegel`; © Spiegel VerlagCover von „Dein Spiegel“; © Spiegel VerlagNach den Tageszeitungen entdecken nun auch die Wochenmagazine die Kinder als neue Zielgruppe für sich. Im Jahr der Finanzkrise sind gleich mehrere Blätter entstanden, die sich an Mädchen und Jungen im Grundschul- und sogar im Kindergartenalter wenden. Wie viel dürfen sie den Kindern zumuten?

„Eigentlich hätten die 14 Schweinchen bald das Schlimmste überstanden“, schreibt Redakteurin Julia Bonstein in Dein Spiegel: „Dicht aneinandergekuschelt haben sie eisige Nächte überlebt“. Die 14 Schweinchen leben im Wildgehege der Stadt Bochum, und dort gehen angesichts der Finanzkrise die Einnahmen aus der Gewerbesteuer stark zurück. Der ganze Betrieb des Wildgeheges wird letztlich daraus finanziert: Allein das Futter kostet jährlich 8.000 Euro, das Gehalt der Tierpfleger nicht mit eingerechnet. Müssen die Windschweine umziehen? Müssen sie gar getötet werden?

„Sparen, bis das Licht ausgeht“, lautet das Feature von Julia Bonstein, das in der dritten Ausgabe 2010 von Dein Spiegel erschienen ist. Das neue Kindermagazin wendet sich an Mädchen und Jungen ab acht Jahren. Sparen am Wildpark, an Spielplätzen oder Büchereien: Anhand der Wildschwein-Story veranschaulicht Dein Spiegel, wie sich die Finanzkrise auf die Städte auswirkt.

Das erste politische Kindermagazin

Cover von „Dein Spiegel“; © Spiegel VerlagDer neue Ableger des Nachrichtenmagazins Der Spiegel mit einer Auflage von 150.000 Heften erscheint monatlich. Entstanden ist das Magazin anlässlich der Bundestagswahl 2009. Aber: Kann man Kindern Nachrichten über verlogene Politiker oder über die Finanzmisere zumuten? Oder, anders gefragt: Kann man ihnen die Wahrheit zumuten?

Man kann, wenn es nach den Chefredakteuren des Spiegel, Matthias Müller von Blumencron und Martin Doerry, geht: „Kinder interessieren sich für nahezu alle Themen aus Politik, Geschichte, Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport.“ Laut Doerry hat eine kleine Gruppe von Redakteuren das Kindermagazin entwickelt. Die Redakteure hatten dabei ihre eigenen Kinder als Leser vor Augen. Mittlerweile besteht die Kernredaktion aus vier Mitarbeitern. Diese schreiben selbst für Dein Spiegel, beauftragen aber auch Redakteure aus einem Pool von über 20 Mitarbeitern des großen Bruders.

„Ein eher politisch orientiertes Magazin gab es für Kinder bisher nicht“, erläutert Doerry. Das neue Redaktionskonzept weckt das Interesse einer sehr gebildeten Schicht: Die Mehrheit der Eltern kauft nicht nur das Magazin, sondern liest es gleich mit. Für Doerry liegt es nahe, „dass Eltern das Heft schon deswegen in die Hand nehmen, um mitreden und ihre Kinder auf einzelne Geschichten hinweisen zu können“.

Trendsetter Geolino

Cover von „Geolino“; © Gruner + JahrMit Dein Spiegel nimmt der Spiegel Verlag einen Trend auf, der mit Geolino begann. Letzteres war zunächst als einmaliger Titel vorgesehen. Heute ist es das auflagenstärkste Kindermagazin: Die Zeitschrift des Verlags Gruner + Jahr erscheint monatlich, kommt auf 240.000 Hefte und richtet sich an Acht- bis Vierzehnjährige.

Entstanden ist das Heft laut Chefredakteur Martin Verg 1996 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF. Ursprünglich sollten Redakteure der Erwachsenenzeitschrift Geo im Auftrag des Kinderhilfswerks nur Artikel über Kinder verfassen. Doch die Autoren wollten nicht über Kinder, sondern lieber für Kinder schreiben. „Das Magazin hat sich so gut verkauft, dass der Verlag es regelmäßig veröffentlichte“, sagt Verg. Die Beiträge werden von rund 20 Textredakteuren, Bildredakteuren, Grafikern und Blattmachern laut Verg mit hohem Aufwand produziert: „Für jede einzelne Geschichte arbeiten die unterschiedlichen Redakteure eng, mitunter symbiotisch, zusammen.“

Cover von „National Geographic World“; © Gruner + JahrEin weiteres Magazin des Verlags Gruner + Jahr ist National Geographic World. Es wendet sich an Mädchen und Jungen zwischen sieben und dreizehn Jahren. „Das Magazin ist ein bilinguales Wissensmagazin mit einem Hörbuch für junge Entdecker“, erläutert Chefredakteurin Andrea Schwendemann. Es setzt auf herausragende Fotos in der Qualität des Muttermediums, Reportagen, Mitmach-Elemente sowie auf die Comicfigur Marvi Hämmer. Und seit März 2009 erscheint sogar monatlich Geomini, ein Magazin für Kinder ab fünf Jahren.

Die Nachwuchskäuferschicht

Cover von „Geomini“; © Gruner + Jahr„Kinder werden als Zielgruppe immer wichtiger“, belegt eine Umfrage unter Chefredakteuren, die der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) Ende 2008 durchführte. Über 150 Verlage haben sich daran beteiligt. Laut BDZV versuchen 76 Prozent der Verlage, Kinder mit redaktionellen Angeboten wie Kindernachrichten, Kinderseiten, Vorlesegeschichten und Comics zu locken.

Wie können gedruckte Kindermagazine einen solchen Auftrieb erfahren, wenn doch das Internet in den Kinderzimmern immer weiter um sich greift? „Weil Eltern von dem Förderwillen getrieben werden, ihren Kindern so viel Bildung wie möglich angedeihen zu lassen“, meint Kathrin Kommerell, Autorin des Ratgebers Journalismus für junge Leser. Der wirtschaftliche Druck wiederum zwingt die Verlage, sich auf die Abonnenten zu besinnen. Daher versuchen sie die Kinder so früh wie möglich an ihre Produkte zu binden.

Was die Aufmerksamkeit erregt, wird dabei thematisiert – auch Krisen, Katastrophen und Kriege. „Tabuthemen gibt es nicht, im Gegenteil“, sagt Kommerell. „Wichtig ist immer, einen lebensbejahenden und vorwärts schauenden Aspekt zu finden, der es den Kindern ermöglicht, Mitgefühl zu zeigen, aber nicht darin zu versinken.“ Je mehr Kinder von der Welt verstünden, umso weniger Angst hätten sie. Nur langweilig oder schwer verständlich dürften Magazine für die Kleinen nicht sein.

Und die Frischlinge? Die Wildschweine im Bochumer Gehege müssen nicht weichen oder sterben. Ein Freund des Geheges, Thilo Elsner, kennt das Gehege von Kindesbeinen an. Er hat mit 120 anderen Bürgern einen Verein gegründet, der sich um die Pflege der Tiere kümmert – freiwillig und ohne Bezahlung.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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