Lesetipps 2004

04/04  Judith Hermann: Nichts als Gespenster

© S. Fischer

"`Manchmal`, sagte meine Mutter zu mir, `sagt dein Vater stundenlang gar nichts, wenn ich ihn nicht nach diesem oder jenem frage. Aber du mußt mal sehen, wie er die Augen schließt, wenn ich Barock sage, und es ist nicht Barock. Er weiß alles und ich weiß nichts', ihre Stimme klang fast triumphierend. Ich dachte `So ist das, wenn meine Eltern reisen`". Und etwas weiter heisst es: "Ich dachte an das unbehagliche Gefühl, das ich sonst oft habe, wenn ich mit meinen Eltern unterwegs bin, das Gefühl, aufzufallen, merkwürdig auszusehen, beobachtet und belächelt zu werden, Freaks, ich wartete auf dieses Gefühl, aber es kam nicht." In der Erzählung Aqua Alta beschreibt die Protagonistin einen kurzen Aufenthalt in Venedig gemeinsam mit ihren Eltern und wie nebenbei auch die unangenehme erotische Begegnung mit einem unbekannten Venezianer.

In den meisten der sieben neuen Erzählungen von Judith Hermann geht es um das Reisen, fast alle spielen an Orten in der Fremde: Venedig, Prag, Karlsbad, Nevada, Reykjavik und Tromsø. Anders als in ihrem ersten, hoch gelobten und gefeierten Band mit Erzählungen Sommerhaus, später fehlt hier der Bezug auf das Leben in Deutschland nach der Wiedervereinigung. In ihrem mit Spannung erwarteten zweiten Buch Nichts als Gespenster setzt die Autorin durchaus neue Akzente, die Schauplätze in der Fremde ermöglichen den Protagonisten einen distanzierten Blick von außen, sie verstärken das Moment der Fremdheit, das so charakteristisch ist für diese Erzählungen. Die Orte bleiben dabei, wie die Figuren selbst, seltsam unwirklich und leblos.

Überhaupt passiert eigentlich kaum etwas in diesen Texten. Mit Absicht erfüllen sie nicht die Erwartungen an das Genre der short story, hier gibt es keine überraschenden Entwicklungen und Pointen, das Geschehen selbst bleibt eher unerheblich. In fast bewegungslosen Bildern und Rückblenden erzählt die Autorin von Beziehungen zwischen den Figuren, es sind im Grunde alles sehr ähnliche Geschichten um Freundschaft und Liebe, und häufig spielen auch unterschwellige sexuelle Motive eine Rolle. Doch meistens steht in all diesen Beziehungen die Enttäuschung im Vordergrund, selten gibt es wirkliche Nähe und Gemeinsamkeit.

Die Titelgeschichte Nichts als Gespenster etwa berichtet von Ellen und Felix auf ihrer Reise durch Nevada, von dem Schweigen und der Langewiele in ihrer Beziehung, für die die eintönige Wüste und das typisch funktionale Motel die perfekte Kulisse abgeben. Dort begegnet Ellen und Felix das Fremde und Unerwartete in unspektakulärer Weise: zunächst in der Person einer "Geisterjägerin", die mit einem altmodischen Tonbandgerät versucht, die Stimmen von Geistern aufzunehmen, dann in der Person von Buddy, einem jungen Amerikaner mit Basecap und vorquellendem Bauch. Die beiden sind fasziniert von Buddys "Dominanz, ...seiner sichtbaren Kraft und Konzentration", es kommt zu einem gemeinsamen Billardspiel, einem Gespräch und einem Händedruck zum Abschied. Das ist schon alles, doch hat die Begegnung mit dem Fremden das Leben von Ellen und Felix entscheidend verändert, und schließlich werden sie sogar ein Kind haben, dem sie erklären: "Du bist da, weil Buddy in Austin, Nevada, zu uns gesagt hat, wir wüßten nicht, wie es ist, für ein Kind Turnschuhe zu kaufen, ein Paar perfekter winziger Turnschuhe".

Judith Hermanns Texte sind in einem schlichten, fast lakonischen Erzählton geschrieben, sie sind sprachlich leicht zugänglich, und manchmal scheint das Beschriebene fast trivial. Aber bestechend daran ist gerade ihre Fähigkeit, alltägliche Situationen und Stimmungen so genau zu beobachten, und indem sich die Erzählungen dicht an den eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen des Lesers bewegen, ziehen sie ihn in einen seltsamen Bann. Dabei verweigern sich die Figuren in Hermanns Geschichten einem unmittelbaren Einvernehmen oder gar der Identifikation von Seiten des Lesers. Sie wirken alle recht manieriert und lebensfern, sie leiden an einer unbestimmten Traurigkeit und Orientierungslosigkeit.

Die Protagonisten in den verschiedenen Texten ähneln sich zum Verwechseln: Sie sind alle ungefähr 30, wie die Autorin selbst, sie rauchen und trinken viel, und an welchem Ort der Welt sie sich auch befinden, sie erleben eigentlich nichts, sondern beschäftigen sich überwiegend mit leicht narzisstischen Selbstspiegelungen. "Ich blieb in Tromsø im Haus. Fast ausschließlich. Ich hatte beschlossen, so zu tun, als sei dieses Zimmer im Gunnarshus ein Ort, an dem ich mich einquartiert hätte, ohne daß ein Ende dieses Aufenthalts abzusehen gewesen wäre, ein Ort zudem, an dem die Welt vor meinem Fenster vorüberzog, und ich immerzu hätte überall sein können, das Draußen war ohne Bedeutung. (...) Ich hatte das Gefühl, als habe der Zufall mich in dieses Zimmer gespült, damit ich etwas herausfinden sollte über mich, darüber, wie es weitergehen sollte mit mir und mit allem".

Zugegeben, die extreme Gleichgültigkeit der Figuren gegenüber der Welt und ihre letztliche Unfähigkeit zu kommunizieren, wirkt nicht überzeugend und beeinträchtigt die Faszination, die sonst durchaus von Hermanns Geschichten ausgeht. Diese Faszination beruht vor allem auf ihrem unverwechselbaren Erzählton und der Bedeutung, die noch in den kleinsten Gesten und Momenten wahrgenommen wird.

TD

Bibliografische Angaben
Deutsch Übersetzung auf Englisch

Gebundene Ausgabe:
Hermann, Judith: Nichts als Gespenster. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2003
ISBN 3-10-033180-X
EUR 17,90

Gebundene Ausgabe:
Noch nicht verfügbar.

Taschenbuch:
Hermann, Judith: Nichts als Gespenster. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2004
ISBN 3-596-15798-6
EUR 8,90
Taschenbuch:
Noch nicht verfügbar.
Audio-CD
Hermann, Judith: Nichts als Gespenster. DHV - Der Hörverlag, München, 2004
ISBN 3-89940-073-9
EUR 24,90

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