Lesetipps 2005

12/05  Arno Geiger: Es geht uns gut

© Carl Hanser

„Familiengeschichte“ ist für Philipp Erlach „eine Konvention, die von denen erfunden wurde, die es nicht ertragen können, zu sterben und in Vergessenheit zu geraten.“ Bei ihm überwiegt stattdessen „familiäre Unambitioniertheit“. – Bis er die Wiener Villa seiner verstorbenen Großmutter erbt und feststellt, dass es gar nicht so einfach ist, das riesige Haus mit seinen alten schweren Möbeln zu entrümpeln, mit Dutzenden von Tauben auf dem Dachboden, „die alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten“. Noch schwieriger ist es, die Geschichte seiner Familie selbst zu entrümpeln, die er in alten Briefen und Dokumenten antrifft.

Der Protagonist in Arno Geigers Roman verbringt den Sommer des Jahres 2001 auf der Vortreppe der alten Villa und „entrümpelt“ seine Familiengeschichte. Er zeichnet das Portrait von drei Generationen, indem er jeweils einzelne Tage (die sich vom 6. August 1938 bis zum 9. Oktober 1989 strecken) aus ihrer Perspektive erzählt. Durch diese Erzählform entsteht eine Skizze der jüngeren politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Ősterreichs vom Beginn der Nazi-Zeit bis heute. Im Vordergrund jedoch steht das Schicksal der Wiener Bürgerfamilie; statt der Objektivität eines Chronisten zeigt der Autor Interesse am Innenleben seiner Figuren und am humorvollen Detail.

Philipps Großvater Richard macht Karriere als Minister und ist mitverantwortlich für den Ősterreichischen Staatsvertrag – zu Hause hintergeht er seine Frau mit dem Kindermädchen, und später leidet er an Altersdemenz und umarmt den Feuerlöscher. Wie das Erinnern ist auch das Vergessen eine Form, der Vergänglichkeit zu begegnen. Philipps Vater Peter erlebt 1945 das Kriegsende als Hitlerjunge, dann verliebt er sich in Richards Tochter Ingrid und ist der Grund für deren Bruch mit der bürgerlichen Familie. Ingrid ertrinkt bei einem Schwimmunfall. Als das von ihm entwickelte Brettspiel Wer kennt Ősterreich? eingestellt wird, stellt Peter fest: „das Verlieren hat mir nie sonderlich gutgetan“.

Auch sein Sohn Philipp steht als erfolgloser Autor eher auf der Seite der Verlierer, er unterhält eine sporadische Beziehung zu der verheirateten Meteorologin Johanna und vermeidet es, jegliche Initiative zu ergreifen. Eine Art von Freundschaft entwickelt Philipp zu den beiden Schwarzarbeitern in der Villa, Steinwald und Atamanov, für die er im letzten Kapitel eine trostlose Grillfeier veranstaltet, die auf dem Dachfirst in einem Gewitter endet. „Es geht uns gut“ – der banale Titel deutet auf das alltägliche Leben, aus dem die große Geschichte besteht. Aber er deutet auch auf den schönen Schein, hinter dem sich die Tragik jeder Generation verbirgt: ihr Schmerz und Verlust. Es ist die große Leistung von Geigers Familien- und Ősterreichroman, das Anliegen dieser Generationen bewegend und glaubhaft und mit viel Sprachwitz zu schildern. „Es geht uns gut“ wurde 2005 mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet.

TD

Bibliografische Angaben
Deutsch Übersetzung auf Englisch

Gebundene Ausgabe:
Geiger, Arno: Uns geht es gut. Carl Hanser, München, 2005
ISBN 3-446-20650-7
EUR 21,50

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Taschenbuch:
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Audio-CD:
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