Lesetipps 2007

12/07  Josef Haslinger: phi phi island. ein bericht

 © S. Fischer

26. Dezember 2004, 7:58 Uhr. Ein untermeerisches Erdbeben vor der indonesischen Insel Sumatra löst einen Tsunami aus. Es ist eine riesige Flutwelle, die etwa 230 Tausend Menschenleben am Golf von Bengalen, Andamanensee, Südostasien und sogar in Ostafrika fordert. Monatelang werden seine verheerenden Auswirkungen in den Medien gezeigt, noch länger müssen die Schäden beseitigt werden. Dieser Tsunami gilt als Jahrhundertkatastrophe.

Zur selben Zeit verbringt der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mit seiner Familie den Weihnachtsurlaub auf Phi Phi Island in Thailand. Er, seine Frau Edith und die achtzehnjährigen Kinder Sophie und Elias erleben die Naturkatastrophe hautnah.
„wir überlebenden von koh phi phi island waren eine zufällige auslese. in unserem hotel standen die chancen fünfzig zu fünfzig. doch das große gericht hatte keinen gerechtigkeitssinn. wir waren zu viert gekommen und sind wieder zu viert abgereist“.

Haslinger kann sich lange nicht entschließen, seine Erlebnisse zu beschreiben.
„meine erinnerung an die flutwelle war wie eine barrikade, die mir in den weg gestellt war, obwohl ich sie eigentlich hinter mir lassen wollte. es schien keinen weg um diese barrikade herum zu geben“.

Im Dezember 2005 kehren Haslinger und seine Frau auf die Phi Phi Insel zurück. Nicht viel ist von dem Paradies, das sie ein Jahr davor erlebt haben, erhalten geblieben. Die Natur wurde durch den Tsunami wesentlich zerstört, viele Hotelanlagen sind lange noch nicht wieder aufgebaut. Diejenigen, die die Katastrophe überlebt haben, bleiben für immer verändert, sie bemühen sich jedoch trotz ihres erlittenen Schicksals um Normalität in ihrem Alltag. Sie verloren nicht nur ihren Besitz, sondern in vielen Fällen hat ihnen das Wasser ihre Angehörigen genommen.

Die Bilder der Katastrophe, die der Schriftsteller früher unbewusst ablehnt, gewinnen jetzt an Intensität und er beginnt schließlich seine Erinnerungen aufzuschreiben, aus denen letztendlich „phi phi island. ein bericht“ entsteht.
„und da sah ich hinter den menschen, die an uns vorbeiliefen, wasser fließen. nicht einmal kniehoch (…) aber die menschen liefen so schnell, als gäbe es da noch eine ganze andere bedrohung. der schrecken stand in ihren gesichtern“.
So beschreibt der Autor die ersten Sekunden der sich annährenden Katastrophe. Die ganze Familie schließt sich der rennenden Gruppe an, in der Hoffnung dem sich schnell ansteigenden Wasser zu entkommen. Einige Momente danach wird Josef Haslinger unter Wasser gezogen, das schon voll mit den davonschwimmenden Habseligkeiten der Inselbewohner ist.
„das ist jetzt ein ende. diese erkenntnis kam zwar schockartig, aber ihr folgte keine verzweiflung. es war eine art bedauern darüber. dass ich nicht anders sterben darf, sondern hier im dreck verrecken muss“.
Nach seinem Auftauchen kommt wieder die Angst um die Kinder, da sie von ihm und seiner Frau eine längere Zeit nicht gesehen werden. Aber die Haslinger haben Glück, alle vier kehren nach Wien zurück.

In dem Buch gibt es keinen einzigen Großbuchstaben, da Haslinger nach dem Tsunami wegen der Wunde an dem kleinen Finger der linken Hand nicht im Stande ist, die Umschalttaste zu bedienen. Er nennt diesen Umstand einen „bescheidenen persönlichen beitrag zur deutschen rechtschreibform“.

Josef Haslinger ist ein Augenzeugenbericht gelungen, der glaubwürdig und umso spannender ist als die meisten Romane, die eine Katastrophe beschreiben.
Für „phi phi island. ein bericht“ wurde der Schriftsteller in der Kategorie Sachbuch/Essayistik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2007 nominiert.

MN

Bibliografische Angaben
Deutsch Übersetzung auf Englisch

Gebundene Ausgabe:
Haslinger, Josef: phi phi island. ein bericht
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt, 2007
ISBN 978-3-10-030059-1
EUR 17,90

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