01/07 Katharina Hacker: Die Habenichtse

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| © Suhrkamp |
Der 11. September 2001 markiert die tragische Katastrophe in New York und zugleich einen glücklichen Zufall für den jungen Anwalt Jakob, der auf einer Berliner Party seiner Jugendliebe Isabelle begegnet, während er eigentlich selbst an diesem Tag einen Termin in den Twin Towers gehabt hätte. Dass dort statt Jakob sein Kollege Robert ums Leben kommt, ist wiederum tragisch, doch zugleich eine glückliche Fügung, da Jakob nun dessen Stelle in einer renommierten Londoner Anwaltskanzlei annehmen kann. Zuvor heiratet er noch Isabelle, die attraktive Grafikerin, und das durch materiellen Wohlstand, Erfolg und Schicksalsfügung begünstigte Paar übersiedelt in ein viktorianisches Reihenhaus in der Lady Margaret Road.
Hier begegnen ihnen drastische soziale Missstände: Kriminalität, Drogen, Gewalt und Kindesmisshandlung in der unmittelbaren Nachbarschaft. Doch als die wirklichen „Habenichtse“ erweisen sich in Katharina Hackers Roman nicht die materiell und sozial Verwahrlosten, sondern die Protagonisten selbst, die gleichsam innerlich verwahrlost scheinen und zu großen Ideen und Leidenschaften, selbst zur Anteilnahme unfähig sind. Am deutlichsten wird die innere Kälte und Gleichgültigkeit, als Isabelle im Nachbargarten auf das von seinen alkoholabhängigen Eltern misshandelte Mädchen Sara trifft. „Da lag das Mädchen, zusammengekrümmt. Es trug eine Art Trainingshose, darüber ein nicht sehr sauberes T-Shirt, das zu klein war. Isabelle betrachtete den Streifen Kinderfleisch, ohne Freundlichkeit. Der Garten war übersät von Müll, altem Spielzeug, auf der Terrasse standen Bierflaschen und Küchengerät, eine Pfanne, einen Putzeimer entdeckte sie.“ Isabelle nimmt die Katze mit in ihr Haus, das Mädchen lässt sie frierend und verängstigt im Nachbargarten zurück, sie wird ihm nicht helfen, „was sollte das bringen (...) wie idiotisch, sich einzumischen“.
In der Geschichte von Jakob und Isabelle führt die Autorin zahlreiche Erzählstränge aus unterschiedlichen sozialen Milieus, mit diversen historischen und politischen Bezügen, zusammen. Jakob arbeitet in einer Kanzlei für Restitutionsrecht und beschäftigt sich mit Enteignungen durch das Nazi-Regime und solchen während der DDR-Zeit, außerdem verfolgt er fasziniert seinen älteren homosexuellen Chef Bentham. Isabelle dagegen erliegt der gewalttätigen erotischen Ausstrahlung des Drogendealers Jim, dessen Milieu ebenfalls ausgeleuchtet wird. Währenddessen bereitet man sich in Großbritannien auf den bevorstehenden Irak-Krieg vor, und in Berlin gehen Jakobs und Isabelles Freunde neue Beziehungen ein.
Katharina Hacker vereinigt in ihrem Roman ein großes Panaroma an Figuren, Schauplätzen und Themen, die sich mühelos ineinander verflechten, ohne dass eine ordnende Erzählerstimme hervortreten würde. Der Roman ist, nicht immer ganz konsequent, multiperspektivisch aus der Sicht der Figuren erzählt. Es ist wohl nicht die Sprache – größtenteils bemüht kunstlos, im Fluss unterbrochen, banal –, die den Leser überzeugt, doch das mehrsträngige, sich beschleunigende Geschehen zieht ihn fraglos in seinen Bann. Wie nebenbei wirft die Autorin grundlegende Fragen unserer Generation auf, Fragen nach Verlust und Verantwortung, Identität und Gemeinschaft. Nicht dass das Buch auf alle Fragen eine Antwort bieten wollte, vieles davon wird dem Leser selbst überlassen, der am Schluss vielleicht etwas ratlos zurückbleibt.
„Die Habenichtse“ von Katharina Hacker wurde im Oktober 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.
TD
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| Deutsch | Übersetzung auf Englisch |
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