Lesetipps 2008

04/08  Jan Costin Wagner: Das Schweigen

 
 © Eichborn

1974 wird in Finnland ein junges Mädchen von einem Pädophilen vergewaltigt und anschließend getötet, während eine andere Person dem Verbrechen stillschweigend zusieht. Nur noch ein Kreuz am Straßenrand verweist Jahre später noch auf das Geschehen. 31 Jahre später verschwindet an genau diesem Kreuz erneut ein junges Mädchen und der bis dato nicht aufgeklärte Fall rückt erneut in den Fokus der Ermittlungen.
Eher beiläufig nennt Die Welt den Krimi einen Endspurt und beschreibt damit sehr viel treffender die Geschichte als die Genrebezeichnung „Krimi“. In Das Schweigen erleben alle Beteiligten ihren persönlichen Endspurt. Der kürzlich pensionierte Ketola wittert seine allerletzte Chance das vielleicht grausamste Verbrechen seiner Dienstzeit doch noch aufzuklären. Sein Kollege Kimmo Joentaa findet im Kontakt mit den Eltern der verschwundenen Mädchen die Auseinandersetzung mit dem Krebstod seiner Frau. Den wirklichen End-Spurt erlebt aber Timo Korvensuo. Nur sein Schweigen bei der und über die Tat ermöglichte ihm ein glückliches Leben mit Frau und Kindern. Sein Leben gerät in Beschleunigung als mit dem neuerlichen Verschwinden eines Mädchens die Vergangenheit seine Gegenwart zu zerstören droht.
Der Autor, Jan Costin Wagner (selbst lebend in Finnland und wohl auch selbst kein Freund zu vieler Worte), präsentiert überwiegend eine Innenschau der Charaktere, die letztlich ihre eigenen Motive im Umgang mit dem mysteriösen Fall haben. Dialoge zwischen den Protagonisten beschränken sich deshalb meist auf die Ermittlungsarbeit, ihr Gefühlsleben deuten Sie allenfalls an, wie zum Beispiel in einer beklemmenden Szene, in der Witwer Kimmo Joentaa die Mutter der getöteten Pia besucht und eigentlich verhören will. Das Gespräch, das eigentlich um das neuerliche Verschwinden eines Teenagers kreisen soll, hat unausgesprochen den Umgang zweier Menschen mit dem Verlust ihrer Familie zum Thema.
Dass letztlich der einzige Täter keinen persönlichen Endspurt erlebt, bringt ganz sicher nicht die moralische Befriedigung, die man sich als Leser eines Krimis am Ende wünscht, ist dafür aber umso mehr realistisch. Die Möglichkeit, einen Roman über Vergewaltigung und Mord zu einem versöhnlichen Ende zu bringen, würde ebenso befremdlich sein. In Wagners Krimi dient das Böse im Menschen zwar zur Unterhaltung, aber es wird nicht banalisiert oder tabuisiert. „Gefährlich“ nahe (im wahrsten Sinne des Wortes und vielleicht näher als gewollt) kommt man als Leser dem Gefühlsleben eines Pädophilen. Was bleibt ist am Ende die Erkenntnis und vor allem das unwohle Gefühl, dass das Böse nicht immer gerächt wird, oftmals sehr nahe ist und sich hin und wieder auch mitten unter uns befindet.

Das Schweigen (2007) ist die Fortsetzung seines Krimis Eismond aus dem Jahr 2003 um den Kriminalpolizisten Kimmo Joentaa, mit dem Jan Costin Wagner international übersetzt und wahrgenommen wurde.

Der Autor ist Gast beim diesjährigen Franco-Irish Literary Festival, 18. u. 19. 4. 2008

PS

Bibliografische Angaben
Deutsch Übersetzung auf Englisch

Gebundene Ausgabe:
Wagner, Jan Costin: Das Schweigen 
Eichborn  Verlag GmbH, Berlin, 2007
ISBN 3821807571
EUR 19,95

Gebundene Ausgabe:
Noch nicht verfügbar.

Taschenbuch:
Noch nicht verfügbar.
Taschenbuch:
Noch nicht verfügbar.

Audio-CD:
Wagner, Jan Costin: Das Schweigen 
Eichborn Lido, Frankfurt/Main, 2007
ISBN 382185457X
EUR 19,95

Audio-CD:
Noch nicht verfügbar.

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