07/09 Siegfried Lenz: Schweigeminute

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In der Aula eines Gymnasiums an der Ostsee findet eine Gedenkstunde für die verstorbene Lehrerin Stella Petersen statt: in tiefer Trauer blickt die gesamte Schulversammlung auf das Foto der jungen Frau, die bei Schülern und Lehrern gleichermaßen beliebt war. Einer ihrer Schüler, der Klassensprecher Christian kann der Aufforderung des Schuldirektors nicht nachkommen, eine kurze Ansprache zu halten, denn er leidet am bittersten: die junge Englischlehrerin war die erste große Liebe seines Lebens.
Man erhebt sich zur Schweigeminute, und in diesem Augenblick erinnert sich Christian an das vergangene Glück, erzählt sich selber und uns Lesern die Ereignisse der vergangenen Sommerwochen: ihr erster Besuch auf dem Steine bergenden Prahm seines Vaters; Stella als Lebensretterin für ihren Schüler Georg Bisanz und die kleine Sonja; die Fahrt auf dem Ausflugsdampfer "Katharina" und eine erste Berührung; der Ausflug auf die Vogelinsel, die Hütte und das Liebeserlebnis in der Mulde; anschließend die gemeinsame Nacht im Hotel 'Seeblick'; nagende Ungewissheit darüber, was andere von ihrer Liaison wissen; seine Pläne für eine gemeinsame Zukunft; der folgenschwere Unfall des Segelschiffs "Polarstern"; seine Bergung von Stellas leblosem Körper und die Fahrt im Krankenwagen; die wortkarge und blumenreiche Seebestattung; die Karte von Stella von ihrer Segeltour, die ihn nach ihrem Tod erreicht und auf der sie schreibt: "Love, Christian, is a warm, bearing wave".
Inhaltlich und sprachlich führt uns die Novelle in die Welt der Bootsleute und Steinfischer während der siebziger Jahre. Strand und Meer bilden in realitätsfroher Genauigkeit die lebendige Kulisse zu den Ereignissen. Wieder sind es die Möwen, die Wellen und die Wolken, die Lenz mit wenigen Strichen malt, die Arbeit der Fischer und das Leben am Hafen, und wir erleben diesen Sommer am Meer, als wären wir dabei. Lenz kennt das Metier der Steinfischer, von denen einer Pate stand für Christians Vater. "Er war Steinfischer", erzählt Lenz, " hat zum Wohl der kleinen und unscheinbaren, aber viel besuchten Häfen auf der Insel Ahlsen Steine gefischt. Er hat sie herangefahren, und er hat Molen gebaut - für deutsche Lustsegler."
Innerhalb der Rahmenhandlung - Gedenkfeier und Herausfinden der Todesursache - entwickelt sich durch Rückblenden der persönlichen Erinnerungen des Schülers Christian eine ebenso zarte wie leidenschaftliche Liebesgeschichte: punktuell, nicht chronologisch steigern sich auf verschiedenen Erzählebenen die Erlebnisse. Dabei wechselt Christian in seiner Ich-Erzählung oft mitten im Satz von der dritten Person zum Du: zu Stella, die er damit immer wieder nah zu sich bringt: "Ich umarmte sie und zog sie an mich. Sie war nicht erstaunt, sie versteifte sich nicht, in ihren sehr hellen Augen lag ein träumerischer Ausdruck, vielleicht war es auch nur Müdigkeit, du neigtest mir dein Gesicht zu, Stella, und ich küsste dich."
Erlebtes wird bereits Erinnerung mit der abrupten Erkenntnis, dass nichts von Dauer sein kann. Trotz der Extreme von größtem Glück und jähem Tod ist es Lenz gelungen, durch seinen leicht dahinfließenden und doch lakonischen Erzählstil eine meisterhafte Novelle zu schreiben, die man gleich ein zweites Mal lesen möchte.
SD
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| Deutsch | Übersetzung auf Englisch |
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Taschenbuch: Noch nicht verfügbar. |
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Audio-CD: |









