Deutsche Städte und Regionen

Nürnberg – Eine Stadt mit schwierigem Erbe

Foto: Kaiserburg und Sinwellturm, Copyright: Stadt Nürnberg Vor 60 Jahren am 20. November fanden in Nürnberg die Prozesse gegen die Nazi-Kriegsverbrecher statt.

Mit Nürnberg verbindet man Vielfältiges: Lebkuchen, Rostbratwürstchen und den Christkindlesmarkt, aber auch Albrecht Dürer und Hans Sachs. Und wie kaum eine andere deutsche Stadt trägt die fränkische Halbmillionenmetropole schwer am Erbe der Nationalsozialisten.

"Nürnberger" dient nicht nur als Attribut für kulinarische Genüsse. Nürnberger Lebkuchen sind zwar ebenso in aller Munde wie die schmackhaften Nürnberger Bratwürstchen und beides darf natürlich auch auf dem berühmten Nürnberger Christkindlesmarkt nicht fehlen, der in der Vorweihnachtszeit jährlich 2 Millionen Besucher anzieht. Doch das ist nur eine Facette der Industrie- und Messestadt.

Weltstadt des Mittelalters

Die Nürnberger schreiben seit rund 950 Jahren an der Weltgeschichte mit. Nürnberg gilt als "Weltstadt des Mittelalters", als Zentrum des deutschen Humanismus. Hier entwarf Martin Behaim den ersten Erdglobus, hier fertigte Peter Henlein die erste Taschenuhr, hier entstanden die berühmten Kupferstiche Albrecht Dürers, hier perfektionierte Hans Sachs den Meistergesang. Einen großen Teil seiner Bedeutung verdankt Nürnberg Karl IV., der 1356 in der Goldenen Bulle – dem Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – verfügte, dass jeder neu gewählte deutsche König in Nürnberg, der "vornehmsten und best gelegenen Stadt des Reiches", seinen ersten Reichstag abzuhalten habe. Und so geschah es bis zum Jahr 1543.

Des Reiches Schatzkästlein

Wie für viele deutsche Städte begann der Niedergang Nürnbergs mit dem Dreißigjährigen Krieg. Nürnberg erholte sich davon erst wieder im frühen 19. Jahrhundert. Die Romantiker spannen einen Mythos, in dem die Stadt unter dem Titel "des deutschen Reiches Schatzkästlein" als Verkörperung altdeutscher Kunst und Kultur verklärt wurde.

Das Erbe der Nationalsozialisten

Im 20. Jahrhundert hatte "Nürnberger" als Attribut vor allem während der Naziherrschaft Konjunktur. Aus diesem dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte stammt ein Erbe, an dem Nürnberg heute noch schwer trägt. Hier fanden von 1933 bis 1938 die Reichsparteitage der NSDAP statt, hier wurden 1935 die antisemitischen "Nürnberger Gesetze zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verkündet, hier mussten sich die Nazigrößen schließlich von 1945 bis 1949 bei den "Nürnberger Prozessen" für ihre Kriegsverbrechen verantworten. Dass Hitler Nürnberg – als "deutscheste aller deutschen Städte" – zur "Stadt der Reichsparteitage" bestimmte, hat bis heute sichtbare Folgen gezeitigt. Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer entwarf zusammen mit Ludwig Ruff die Pläne für eine monumentale Bebauung des über 11 km² großen Reichsparteitagsgeländes vor den Toren der Stadt. Und auch wenn vieles – wie etwa die gigantische Kongresshalle – unvollendet blieb, manifestieren sich hier die faschistische Ästhetik und der nationalsozialistische Größenwahn überdeutlich. Das Zeppelinfeld mit der "Führer-Tribüne" bot den Nazis die geeignete Kulisse für ihre Aufmärsche und die propagandistischen Inszenierungen.

Umgang mit dem Erbe

Die Alliierten legten die "Führer"-Stadt 1945 in Schutt und Asche, doch die Nazi-Bauwerke blieben den Nürnbergern erhalten. Jahrzehntelang suchte man nach einem überzeugenden Konzept für die Nutzung der architektonischen Überreste des Dritten Reiches. Man fand es in den 90er Jahren. Seit November 2001 informiert das in einem Teil der Kongresshalle eingerichtete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände mit seiner Dauerausstellung "Faszination und Gewalt" über die Geschichte des Geländes und die Propaganda-Mechanismen der Nazis.

Stadt der Menschenrechte

Doch nicht nur mit dem Dokumentationszentrum bekennt sich die zweitgrößte Stadt Bayerns zu ihrer historischen Verantwortung. Nürnberg engagiert sich in besonderem Maße für die Achtung der Menschenrechte. Nicht nur die 1994 eröffnete "Skulpturen-Straße der Menschenrechte" am Germanischen Nationalmuseum soll davon Zeugnis geben. Seit 1995 wird hier alle zwei Jahre der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis an Personen oder Gruppen vergeben, die sich in vorbildlicher Weise für die Menschenrechte einsetzen. So hofft Nürnberg womöglich zu Recht, das Etikett "Stadt der Reichsparteitage" in nicht allzu ferner Zukunft gegen ein neues eintauschen zu können: "Stadt der Menschenrechte".

Dagmar Giersberg, Cleeves Communication UnitZwei.
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2005
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