Deutsche Städte und Regionen

Städteporträt: Leipzig leuchtet



Wer die Stadt durch diesen opulenten Hauptbahnhof betritt, wird von der lichten Größe einer Welt aus glitzernden Passagen verzaubert. Seit 1995 von Grund auf restauriert, beherbergt das 1915 errichtete Gebäude 130 Geschäfte auf drei Stockwerken. Vom Bahnhofsvorplatz, den betagte, rumpelnde Straßenbahnen durchqueren, bis zum Augustusplatz sind es nur ein paar Schritte. Hoch oben leuchtet die alte Reklameschrift „Mein Leipzig lob ich mir“ mit der Silhouette des Geheimrats von Goethe. Mädlerpassage mit Auerbachs Keller, Specks Hof, die Messehofpassage, Barthels Hof – wer sich einfach von seiner Neugier treiben lässt, taucht immer wieder in Durchgänge, quert Innenhöfe, flaniert vorbei an Schaufenstern, Kneipen und Cafés.

„Leipzig kommt“ hieß es kurz nach der Wende 1989. Die Stadt will sich „als aufstrebenden, vitalen Standort mit hoher Lebensqualität“ präsentieren. Die Region hat mit der Ansiedlung von Porsche, BMW und zuletzt der Entscheidung des Computer-Konzerns Dell zu Gunsten von Halle einen kräftigen Impuls bekommen. Rund vier Kilometer nördlich vom Leipziger Zentrum steht die neue Fabrik von BMW – dies bedeutet 2.500 Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 17 Prozent, Ende 2004 waren das fast 44.000 Menschen. Unter der Überschrift "Lokale Beschäftigungsstrategien und Innovation" hatte die Europäische Kommission im Herbst 2001 eine Initiative zur Unterstützung lokaler Lösungen und Aktionspläne gestartet. Das Programm hat ein Volumen von einer dreiviertel Million Euro. Und die Stadt kann auf junges, innovatives Personal hoffen: Immerhin sind an der Universität Leipzig und an den sechs Hochschulen zusammen rund 35 000 Studierende eingeschrieben.

Von Leipzig heißt es, es sei die einzige Messe, die sich eine Stadt hält: Bereits 1165 hat die „Urbs Lipzi“ Marktrecht, 1409 folgte die Universitätsgründung, 1497 das kaiserliche Privileg, als einzige in weitem Umkreis „Waren stapeln“ zu dürfen. Die Neue Messe mit der filigranen zentralen Glashalle wurde 1996 fertig gestellt und liegt außerhalb der Stadt. Sie umfasst 110 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. 30 Messen finden jährlich statt, und ziehen 1,7 Millionen Besucher an. Messe – das ist aber nach wie vor ein Ereignis für ganz Leipzig. Während der Buchmesse zum Beispiel findet sich in der Stadt kaum ein Veranstaltungsraum, wo nicht Autoren aus ihren Büchern lesen.

Die wievielte Messe gerade stattfindet, weiß in Leipzig niemand so genau – die Tradition reicht weit zurück. 1687 wird am Naschmarkt eine der ersten europäischen Handelsbörsen eröffnet; die Buchmesse überflügelt zu dieser Zeit die Frankfurter Konkurrenz. Es ist die Zeit des sächsischen Königs von Polen, August dem Starken. Johann Sebastian Bach wird Thomaskantor (er verbringt sein halbes Leben hier), der Literat Johann Christoph Gottsched begründet die deutsche Schauspieltradition. Goethe kommt 1765 als 16-jähriger Jurastudent – und fällt prompt auf: Für die feine Stadt ist der Frankfurter Bürgersohn nicht „geputzt“ genug.

Die Stadt im 19. Jahrhundert ist eine Stadt der Verleger (Brockhaus), Arbeitervereine (Bebel und Liebknecht) und Fabrikanten (Friedrich List). 1839 dampft die erste Ferneisenbahn Deutschlands von Leipzig nach Dresden. 1848 wird der Demokrat Robert Blum, Leipziger Abgeordneter der Paulskirche, standrechtlich erschossen. 1863 ruft der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (aus dem später die SPD wird) zu seiner Gründungsversammlung auf. Leipzig ist das Zentrum der Industrialisierung auf dem europäischen Kontinent.

Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, die Jahre unter der SED-Herrschaft: Carl Goerdeler ragt heraus, der Leipziger Oberbürgermeister, der in der Widerstandsgruppe gegen Hitler eine Spitzenposition bekleidete – ihn hätte der 20. Juli zum Reichskanzler ausgerufen.

Nach 1945 wird die DDR-Bezirksstadt Leipzig von Berlin aus rabiat nach Plansoll verwaltet: Die SED lässt historische Gebäude wie die Universitätskirche abreißen, wenn sie im Weg stehen. Plattenbauten bilden neue Vorstädte, mit der Innenstadt verfährt man bis in die 70er Jahre hinein nach dem Motto: Ruinen schaffen ohne Waffen. Der Braunkohleabbau schiebt sich immer näher an die Stadt. „Die Selbstzerstörung endetet mit der Selbstbefreiung – im September 1989 beginnen die Montagsdemonstrationen, 6000 sind es zuerst, am 6. November 1989 sind es 400 000.

Das „Museum an der Runden Ecke“ erinnert an die Zeit der „Heldenstadt“ Leipzig. Die Dauerausstellung „Stasi-Macht und Banalität“ ist in dem Gebäude untergebracht, in dem bis zur Wende die Staatssicherheit residierte; einige Räume mit Pressspanmobiliar, Robotron-Schreibmaschinen und den original erhaltenen elektrischen Schaltern sehen noch so aus wie damals.

Und die Leipziger wissen zu leben: Am Markt öffnet sich wie ein Bermudadreieck eine unvergleichliche Kneipenmeile: Barfußgässchen, Spizz und Handwerkerpassage heißen die Sträßchen. „Fischelant“ seien die Sachsen, sagt man, was vom Französischen vigilant = lebhaft, geschäftig, herrührt. Hier kann man es studieren: Neben dem Geschäftsmann mit Handy sitzen die Studenten, neben den „Kaffeesachsen“ bei ihrem Lieblingsgetränk mit Kuchen dröhnt es aus der nächsten Disko. Und kaum sitzt der Gast, wird er auch schon gefragt, ob es ein „Schälchen Heeßer“ sein darf. Gemeint ist Kaffee, aber das würde kein Sachse so sagen. Die Sprache, die keine harten Laute (aus K wird G, aus P ein B) kennt und am liebsten jedes st zu einem sch abschleift, kann man im Kabarett Gohglmohsch im Original hören. Die 1992 gegründete Truppe bietet Parodien von Goethes „Faust“ und vielen anderen „Glassigern“. Aber das ist nur eines vielen kulturelles Highlights dieser lebendigen Stadt.

Volker Thomas
Volker Thomas, freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.

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Mai 2005

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