Deutsche Städte und Regionen

Dresden: Eine Stadt ohne Mitte?

Die sächsische Landeshauptstadt Dresden präsentiert sich den über vier Millionen Touristen, die sie jährlich besuchen, zwar nicht als makelloses Ensemble und harmonisches Ganzes; dafür vermittelt die Stadt an der Elbe aufgrund ihrer Zerrissenheit einen sehr sinnlichen Eindruck von ihrer wechselhaften Geschichte.

Dresdens Schönheiten erschließen sich unbedingt nicht auf Anhieb. Vor allem Zugreisende brauchen Geduld. Vor dem Bahnhof – auf dem Wiener Platz – erwartet den Besucher eine immens große Baustelle. Sie führt unmittelbar in die Fußgängerzone auf der Prager Straße. Plattenbauten der 60er und 70er Jahre säumen heute die ehemals prachtvolle Flaniermeile, die sich – mit dem Dresdner Schriftsteller Thomas Rosenlöcher gesprochen – wie "ein notdürftig mit Springbrunnen kaschierter, steingewordener Bericht des Politbüros an das Zentralkomitee" ausnimmt. Dresden stimmt melancholisch. An zahlreichen Orten atmet die Stadt ihre tragische Geschichte.

Zerstörung in einer Bombennacht

Kaum eine andere Stadt in Deutschland wurde im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört wie Dresden. Dabei hatte die Stadt die ersten Kriegsjahre unversehrt überstanden. Viele Flüchtlinge suchten hier Unterschlupf. Man war davon überzeugt, dass die Kunstmetropole mit ihren prächtigen Barockbauten von den Kriegsparteien verschont würde. Ein Trugschluss. Mit einem massiven Bombardement Dresdens wollten die Amerikaner und die Briten die Kampfmoral der deutschen Wehrmacht brechen. Allein in den ersten beiden Angriffswellen am 13. und 14. Februar 1945 wurden 650.000 Stabbrandbomben, über 500 Luftminen und 1.800 Sprengbomben abgeworfen. Die Innenstadt glich einem flammenden Inferno. In wenigen Stunden lag Dresden in Schutt und Asche.

Erich Kästner schockiert der Anblick seiner in Trümmern liegenden Geburtsstadt noch bei einem Besuch im Jahre 1947: "Ich stand in einer kilometerlangen, kilometerbreiten Leere. In einer Ziegelsteppe. Im Garnichts. […] Noch heute streitet man sich, ob unter dem Garnichts 50.000, 100.000 oder 200.000 Tote liegen."

Wiederaufbau nach Jahren

Nach dem Krieg konzentrierten sich die Kräfte zunächst darauf, Wohnraum zu schaffen. Der Wiederaufbau und die Restaurierung historischer Bauten wurden lange zurückgestellt, blieben den Dresdnern aber offenbar ein besonderes Anliegen.

Kurz vor der Wiedervereinigung gründete sich um den Trompetenvirtuosen Ludwig Güttler eine Interessengemeinschaft mit dem Ziel, die 1945 zerstörte Frauenkirche im Stadtzentrum wieder aufzubauen. Tausende in aller Welt spendeten dafür, dass das architektonische Meisterwerk, das unter der Leitung von George Bähr zwischen 1726 und 1743 erbaut wurde, wieder Dresdens Stadtbild prägt. Die legendäre "Steinerne Glocke", die glockenförmige Hauptkuppel aus Sandstein, wurde zum zweiten Mal eingeweiht. Zur 800-Jahrfeier der Stadt (2006) ist der 129 Millionen Euro teure Nachbau fertig - am 30. Oktober 2005 wird die Frauenkirche feierlich geweiht.

Zeugen großer Zeiten

Mit 102 Metern Länge und 14 Metern Höhe ist der aus über 24.000 Meissener Porzellankacheln bestehende Fürstenzug das größte, und wohl auch wertvollste Porzellanbild der Welt. Foto: Christoph Münch/ Landeshauptstadt Dresden, Dresden-Werbung und Tourismus GmbH Die Frauenkirche ist nur eines der Baudenkmäler, die das einzigartige Panorama am linken Elbufer bilden. Der Blick auf den Zwinger – hier ist die weltberühmte Gemäldegalerie Alte Meister untergebracht –, die Semperoper und das Residenzschloss, der Blick auf die Festungsmauern der Brühlschen Terrassen, die Kunstakademie und das Albertinum haben der Stadt den Namen "Elbflorenz" eingetragen. Der mittlerweile stark verwitterte Sandstein, aus dem ein großer Teil der Prachtbauten errichtet wurde, verleiht ihnen einen ganz eigenen, melancholischen Charme.

Dresden war lange Zeit das kulturelle Zentrum Deutschlands. Hier lebten und wirkten – zumindest zeitweise – Friedrich Schiller und Johann Gottfried Körner, Heinrich von Kleist, Ludwig Tieck und Arthur Schopenhauer. Carl Maria von Weber, Richard Wagner und Richard Strauss prägten die Staatskapelle und die Oper.

Wunder nicht nur der Natur

Vielleicht ist die Elbe die wahre Mitte der Stadt. Bis ins Zentrum hinein wird der Flusslauf von breiten Wiesen und Auen gesäumt, die nicht nur im Sommer für allerlei Freizeitaktivitäten genutzt werden. An den Elbhängen ruhen Weinberge, Schlösser und herrschaftliche Villen. Von den malerischen Villenvierteln Loschwitz und Weißer Hirsch (einst ein mondäner Kurort) hat man einen herrlichen Ausblick auf das Tal. Am Fuß des Hanges trifft man auf die erste freitragende Eisenbrücke Europas; sie wurde 1893 eingeweiht und heißt wegen ihres Anstrichs das "Blaue Wunder".

Dresdens Schönheiten erschließen sich nicht auf Anhieb. Deutlich leichter sind sie aber denjenigen zugänglich, die mit dem Schiff anreisen.

Dagmar Giersberg, Cleeves Communication UnitZwei.
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn

online-redaktion@goethe.de
Oktober 2005

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