Deutsche Städte und Regionen

Mythos Weimar - die "Wiege der deutschen Klassik"

Goethe- Schiller- Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater - Copyright:  Thüringer Tourismus GmbH Kaum eine Stadt ist stärker mit Mythen befrachtet als Weimar, kaum eine Stadt ist enger mit der Kulturgeschichte Deutschlands verbunden als diese Kleinstadt in Thüringen.

Weimar – der Name löst so viele Assoziationen aus, dass der Ort selbst dahinter fast verschwindet. Weimar steht für die Deutsche Klassik mit Goethe und Schiller, für das Bauhaus mit Walter Gropius und Wassily Kandinsky, für die erste demokratische Verfassung Deutschlands, aber auch für das Konzentrationslager Buchenwald. Dass Weimar nicht nur ein Mythos, sondern eine real existierende Stadt in Thüringen ist, vergisst man dabei leicht.

Wieland, Goethe, Herder, Schiller

Die "geistige Hauptstadt Deutschlands" nannte Madame de Staël Weimar. Kein Wunder: Das Adressbuch der Stadt muss sich im 18. Jahrhundert wie das Namensregister einer Literatur- und Philosophiegeschichte gelesen haben. Zu verdanken ist dies der Herzogin Anna Amalia und ihrem Sohn Carl August, die ihre Reformpolitik des aufgeklärten Absolutismus mit der Pflege von Wissenschaft und Kunst verbanden und alles, was Rang und Namen hatte, nach Weimar einluden. Christoph Martin Wieland wurde 1772 von Anna Amalia als Erzieher ihrer beiden Söhne gerufen. 1776 zog der Philosoph und Dicher Johann Gottfried Herder in die Stadt. Johann Wolfgang Goethe war hier auf Wunsch des Herzogs Carl August als Dichter und Politiker tätig – er wurde 1782 zum Leiter der Finanzkammer ernannt. 1799 zog Friedrich Schiller nach Weimar: hier schrieb er u.a. das Schauspiel „Don Carlos“ und das Drama „Wallenstein“.

Spuren dieser kulturellen Blütezeit finden sich im heutigen Weimar noch reichlich: Das Goethe-Nationalmuseum, zu dem Goethes Wohnhaus am Frauenplan und das Gartenhaus im Park an der Ilm gehören, das Schiller-Museum, das Goethe- und Schiller-Archiv, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und und und.

Nietzsche, van de Velde, Gropius

Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Klassikerstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als sich hier die Avantgarde versammelte. Friedrich Nietzsche verbrachte hier in der Villa Silberblick seine letzten Lebensjahre. Heute ist in den Räumen, die Henry van de Velde im Jugendstil umgestaltet hat, eine Nietzsche-Gedenkstätte untergebracht.

Van de Velde gründet auch mit der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule (1907–1915) die Vorläuferinstitution des Bauhauses, das bis heute zu den berühmtesten Designhochschulen der Welt gehört. Das Staatliche Bauhaus wurde hier 1919 als Schule für Architekten, Künstler und Designer gegründet. Walter Gropius, der erste Direktor der Schule, holte internationale Künstler wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Laszlo Moholy-Nagy nach Weimar.

Doch schon bald wurden die Querelen zwischen dem Bauhaus und der neuen, konservativen Landesregierung – gepaart mit drastischen Etatkürzungen – unerträglich und erzwangen letztlich 1925 den Umzug des Bauhauses nach Dessau.

Ebert, Scheidemann, Hitler

Doch nicht nur kulturell, sondern auch politisch war Weimar damals das Zentrum Deutschlands. Schließlich trägt eine der unruhigsten politischen Epochen der deutschen Geschichte seinen Namen. Die „Weimarer Republik“ (1919 – 1933) beginnt nach dem Ersten Weltkrieg und endet mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahre 1933: 1919 tagt im Deutschen Nationaltheater im beschaulichen Weimar die Nationalversammlung – weit weg von den politischen Unruhen in Berlin und ganz nah am Goethe-und-Schiller-Denkmal. Hier erhält Deutschland seine erste demokratische Verfassung.

Doch die Berufung auf die Tradition der deutschen Klassik brachte der Demokratie keinen Segen: Mit Hitler kam die Diktatur. Knapp 20 Jahre nach Inkrafttreten der Weimarer Verfassung errichteten die Nationalsozialisten vor den Toren Weimars das Konzentrationslager Buchenwald, in dem über 50.000 Menschen umgebracht wurden.

Zukunft aus Geschichte

Die großen Zeiten Weimars sind vorbei. Noch einmal konnte die Stadt im Jahr 1999, als sie Kulturhauptstadt Europas war, von ihrer bewegten Geschichte profitieren. Deren verbleibende Zeugnisse wurden renoviert, saniert und auf Hochglanz gebracht, von zahllosen Gästen aus aller Welt bewundert und bestaunt.

Heute ist die thüringische Provinzstadt mit 64.000 Einwohnern hoch verschuldet. Ein Hoffnungsschimmer für neue Impulse ist vielleicht die Bauhaus-Universität, die ingenieurwissenschaftliche und künstlerische Ausbildung miteinander zu verbinden sucht und damit – wie sollte es anders sein – an gute alte Weimarer Traditionen anknüpft.

Dagmar Giersberg, Cleeves Communication UnitZwei
arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn

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November 2005

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