Berliner Mauer

Ungebeugt in die Freiheit – Dokumentation der „Berliner Mauer“ mit über 300 Fotos

Aus Zeitbilder `Die Berliner Mauer/The Berlin Wall´; Mauerbau 1961 / Harzer Straße; Copyright: Presse- und Informationsamt der BundesregierungZeitbilder `Die Berliner Mauer/The Berlin Wall´; Copyright: Bundeszentrale für politische BildungDer neue Band aus der Zeitbilder-Reihe Die Berliner Mauer erzählt die Geschichte d e s Monuments des Kalten Krieges kompakt, szenisch und bewegend – eine Dokumentation gegen das Vergessen.

Der neue deutsch-englische Band Die Berliner Mauer/The Berlin Wall ist sozusagen das Buch zur Website www.chronik-der-mauer.de. Die Bundeszentrale für politische Bildung, die das Buch herausgibt, macht damit ein medienübergreifendes Angebot, damit d a s Monument des Kalten Krieges mit seinen dramatischen Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft und das Leben einzelner in einer sehr schnelllebigen Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Zum einen ist das Buch ein guter Einstieg in die Geschichte der Berliner Mauer von ihrem Bau 1961 bis zu ihrem Fall 1989. Zum anderen führt es durch Querverweise zur Website. Dort können zeitgeschichtlich Interessierte noch tiefer in die Materie einsteigen und wahre „Perlen“ entdecken, darunter die Biografien der Toten, die die Mauer gefordert hat oder Original-Töne von John F. Kennedy.

Direkte Erzählweise

Aus Zeitbilder `Die Berliner Mauer/The Berlin Wall´; West-Berliner winken in Berlin-Wedding in der Bernauer Straße ihren Familienangehörigen hinter der Mauer in Berlin-Ost zu, 1961. Copyright: Presse- und Informationsamt der BundesregierungZwar haben viele Menschen mit der Mauer gelebt, aber knapp 20 Jahre nach dem Fall wächst auch eine Generation heran, die die Mauer nur noch von Fotos und aus Erzählungen kennt. Autor Hans-Hermann Hertle, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, hat die Geschichte der Mauer in zehn Kapitel gegliedert. Er beantwortet Fragen zur Vorgeschichte, zum Bau, zur Phase der Konfrontation und zur Entspannungspolitik, zur Flucht und zu den Toten sowie zum Fall der Mauer. Hertle wählt eine sehr direkte Erzählweise: Es gibt kein Vorwort und keine Einleitung, stattdessen eine Karte, die die Mauer und den Todesstreifen heute und damals aufführt, Mauerreste verzeichnet und die früheren Grenzübergänge auflistet. Die Leser und Leserinnen sollen motiviert werden, Stationen der Mauer, Erinnerungsorte an Fluchten und symbolische Orte aufzusuchen und zu erkunden.

Bewusste Bilddominanz

Aus Zeitbilder `Die Berliner Mauer/The Berlin Wall´; Blick in die Bernauer Strasse während des Baus der Berliner Mauer, 1961. Copyright: Presse- und Informationsamt der BundesregierungDieser kompakt angelegte 200-seitige Band mit über 300 teilweise bisher unveröffentlichten Fotos und überschaubaren Textpassagen erschlägt und überfordert nicht. Der Einstieg in die Materie im ersten Kapitel wird ganz bewusst fast nur über Bilder gewählt. Sie ziehen in die Dokumentation hinein. Das erste doppelseitige Bild zeigt die Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Straße. Darunter steht nur ein kurzer Text: „28 Jahre, zwei Monate und 28 Tage ... trennt die Berliner Mauer Ost und West. Sie zerschneidet die Infrastruktur der Stadt, verläuft mitten durch Gebäude, unterbricht Straßen, Wasserwege und den Schienenverkehr, reißt Familien, Freunde und Liebespaare auseinander, zerstört Hoffnungen – und Leben.“ Hertle hält dieses Stilmittel im ganzen Band durch. Im ersten Kapitel wartet er außerdem mit einer kreativen Idee auf. Er lädt zum vergleichenden Sehen ein, indem er Bildpaare anbietet: die Mauer früher und heute. Die Aktualität ist farbig, die Geschichte in ihrer ganzen Trostlosigkeit und Bedrohlichkeit ist in Schwarzweiß abgebildet, beispielsweise die Glienicker Brücke oder die Ostseite des Reichstagsgebäudes. Diese Methode orientiert sich an filmischen Rückblenden.

Zahlen zur Mauer am Ende des ersten Kapitels drücken Größenwahn und Menschenverachtung des Projektes aus: 43,7 Kilometer verliefen durch Berlin, 112,7 Kilometer durch das Umland. Es gab 113,9 Kilometer Alarmzäune, 186 Beobachtungstürme, 484 Wachhunde. In extra großen Buchstaben wird auf der Seite festgehalten: „Aktuelle Forschungen belegen mehr als 130 Todesopfer an der Berliner Mauer.“

„Filmische Mittel“ emotionalisieren

Aus Zeitbilder `Die Berliner Mauer/The Berlin Wall´; Mauerbau 1961 / Harzer Straße; Copyright: Presse- und Informationsamt der BundesregierungEs gibt fast kein Kapitel, das nicht emotionalisiert, allerdings ohne jemals ins Triviale abzugleiten. Politischen O-Tönen werden Aussagen zum persönlichen Unglück und Leid gegenübergestellt. Im Abschnitt über den Bau der Mauer wird beispielsweise eine Ost-West-Hochzeit drei Wochen nach dem Mauerbau fast filmisch mit großen, halbtotalen und totalen Einstellungen dokumentiert. Es ist eine kurze Geschichte vom Leid, die ein Leben lang nachhallt. Die Braut im Westteil der Stadt kann nicht mit ihren eigenen Eltern feiern. Diese leben in einem Haus in der Bernauer Straße, das zum Ostteil der Stadt gehört. Die Haustür ist von innen zugemauert, Es gibt nur einen Ausgang in den Osten. Das Brautpaar steht auf dem Bürgersteig vor dem Haus, der im Westteil der Stadt liegt. Die Mutter der Braut, Nachbarn und Familienangehörige lassen deshalb ihre Hochzeitssträuße an der Hausmauer herab. Das Nachempfinden dieses Leids ist möglich, ohne ins Pathetische abzugleiten.

Das vierte Kapitel unter der Überschrift „Flucht – Fluchthilfe – Widerstand“ belegt mit Grafiken zu den gelungenen Fluchten und unter anderem mit Fotos des Tunnel 57 und des Tunnel 29 den Freiheitsdrang des Menschen. Er lässt offenbar auch im hohen Alter nicht nach. 16 Tage lang hatten Senioren einen 32 Meter langen und 1,75 hohen Tunnel gegraben. Auf die Frage, warum diese ungewöhnliche Höhe nötig war, lautete die Antwort: „Wir wollten mit unseren Frauen bequem und ungebeugt in die Freiheit gehen.“

Erst recht unter die Haut geht das siebte Kapitel, das von den Todesopfern handelt und jedes Einzelschicksal benennt. Es folgt die Ära Honecker, in der die Unterzeichung des „Grundlagenvertrages“ fällt, der zu „normalen und gutnachbarlichen Beziehungen“ auf der Basis der Gleichberechtigung führen soll.

Mit dem neunten Kapitel zum Fall der Mauer stellt sich eine gewisse Erleichterung ein. Ein großformatiges Bild zeigt fröhliche befreit laufende Menschen. Doch das Bild konterkariert den Text darunter, ein Zitat von Honecker: „Die Mauer wird ... so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben“, erklärt Erich Honecker Mitte Januar 1989; sie werde „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen“. Im Schlusskapitel wird die Frage gestellt, was 20 Jahre später noch an die Mauer und die Todesstreifen erinnert. Die Antwort geben vor allem Fotos von Mauerresten, aufgenommen am Griebnitzsee oder an der Bernauer Straße. Sie dokumentieren, dass die Mauer immer weiter aufgerüstet wurde, um die so genannte Republikflucht unmöglich zu machen.

Das Buch gibt vor allem Berlin-Besuchern Impulse zur Spurensuche. Es ist zudem eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen wollen. Die Zusammenstellung der Dokumente, O-Töne, Grafiken und des hervorragenden Bildmaterials überzeugt. Hertle selber spricht mit Blick auf den Band gern von einem „gedruckten Film“.

Hans-Hermann Hertle, Zeitbilder Die Berliner Mauer/The Berlin Wall, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn Dezember 2007, ISBN: 978-3-89331-828-5, Bestellnummer bei der Bundeszentrale 3968, Bereitstellungspauschale 2,- Euro.

Ines Gollnick
arbeitet als freie Journalistin in Bonn.

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März 2008

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