Berliner Mauer

„Da war ich begeistert“

Wir haben telefoniert, willkürlich, durch die gesamte Bundesrepublik Deutschland - von Nord bis Süd und von West nach Ost. Doch eines eint die Gesprächspartner: Ihre Telefonnummern beinhalten das Jahr der Staatsgründung der Bundesrepublik und der DDR, 1949, und das Jahr des Mauerfalls, 1989. Wir wollten von den Teilnehmern wissen: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt, was hat sich für Sie seit diesem Tag verändert?

494989
WEST: Baden-Württemberg, Großstadt, Frau:

Tausende auf beiden Seiten des Brandenburger Tores feierten die Öffnung des neuen Grenzübergangs am zweihundertjährigen Berliner Wahrzeichen. Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl (M), der Regierende Bürgermeister von Berlin (West), Walter Momper (3.v.r.), Außemminister Hans-Dietrich Genscher (2.v.r.) und Ministerpräsident Dr. Hans Kodrow (r) beim Eröffnungsgang; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1989-1222-034 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA), Foto: Klaus Oberst„Wir haben den Mauerfall damals in Fernsehen gesehen. Aber persönlich haben wir keinen Bezug zur ehemaligen DDR. Wir waren auch bis heute noch nie in Ostdeutschland und auch noch nie in Berlin. Aber es ist geplant. Dann möchte ich den Reichstag sehen. Dass wir noch nicht dort waren hat verschiedene Umstände. Es kommt eben darauf an, wie sich das Leben gerade so gestaltet und dann ist es nicht immer möglich, solche Dinge zu machen, die man gerne machen würde.“

498909
WEST: Hessen, Großstadt, Frau:

„Ich war am Tag als die Mauer fiel in Amerika, ganz weit weg. Aber ich habe es live im Fernsehen gesehen. Durch die Zeitverschiebung ging das. Es war ja erst abends. Es war ja aber vorher schon dieser Umbruch da, dass man schon gesehen hat, es passiert irgendwas. Aber es war schon ein Ereignis. Das ging unter die Haut. Wir sind an dem Abend auch nicht mehr weg gegangen. Wir haben nur vor dem Fernseher gesessen und das verfolgt. Irgendwie hab ich es auch bedauert, dass ich nicht näher dran war. Denn die Stimmung, die dann hier in Deutschland war, das haben wir nicht miterlebt, weil wir noch drei Wochen in den Staaten waren.“

8949
WEST: Rheinland-Pfalz, Dorf, Mann:

Wie hier in Untersuhl werden auf 250 km Länge die hinteren Signalzäune vollständig beseitigt. Nur die an der Grenzlinie befindlichen Anlagen bleiben vorerst bestehen. Der freiwerdende 500 Meter breite Schutzstreifen kann nun landwirtschaftlich genutzt werden; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1990-0110-024 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA),Foto: Heinz Hirndorf„Am 9. November 1989 war ich unten im Restaurant am Teppich-Verlegen. Dann habe ich nachts, als ich nach Hause gekommen bin, den Fernseher angemacht und dann das alles mitbekommen: die Mauer war gefallen, die Grenzen waren offen, die Menschen begrüßten sich. Da war ich begeistert und ich habe mich gefreut.“

49890
WEST: Niedersachsen, Kleinstadt, Frau:

„Ich war damals 19 Jahre alt und das ist eigentlich mein Geburtstag, der 9. November. Ich ärgere mich auch ein wenig, dass der Tag nicht auch der Tag der Deutschen Einheit geworden ist. Dann wäre das der Feiertag geworden.“

892009
WEST: Niedersachsen, Dorf, Schülerin:

Unter dem Motto 'Deutschland - halts Maul' demonstrierten in der Innenstadt mehr als 10.000 Jugendliche gegen die deutsche Wiedervereinigung; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1990-1003-036 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA), Foto: Bernd Settnik„Mauerfall? 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit. Hat das damit zu tun? In der Schule hatten wir das Thema noch nicht. Aber ich weiß, dass die Leute versucht haben, aus Ostdeutschland raus zu kommen, weil sie ja sozusagen eingesperrt waren. Dann haben sie protestiert und irgendwann ist die Mauer halt gefallen. Ich würde so eine Mauer nicht wollen. Doch eigene Eindrücke von Berlin oder Ostdeutschland konnte ich mir bisher noch nicht machen. Ich war nur einmal in Bayern.“

„Da war ich begeistert“

Foto: Elektro. Copyright: photocase.deWir haben telefoniert, willkürlich, durch die gesamte Bundesrepublik Deutschland. Wir wollten von den Menschen wissen: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt, was hat sich für Sie seit diesem Tag verändert?

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen


490989
OST: Brandenburg, Dorf, Frau:

„Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, würde ich noch heute mit Kohle heizen müssen.“

892009
OST: Brandenburg, Großstadt, Frau:

„Wenn die Wende nicht gewesen wäre, hätte ich kein Highschool-Jahr in Amerika machen können. Meine Eltern hätten noch immer kein eigenes Haus. Und an Weihnachten muss man heute nicht mehr für Orangen anstehen. Aber Bananen gab es auch in der DDR. Dass es keine gab, das ist ein Klischee (lacht).“

491989
WEST: Baden-Württemberg, Dorf, Mann:

„Ich war selbst nicht dabei. Aber einer meiner Vettern hat damals für ein halbes Jahr in Berlin gearbeitet. Es gab ja noch keine Handys, sonst hätte ich ihn natürlich angerufen und gefragt, was in Berlin los ist.“

498909
WEST: Bayern, Dorf, Mann:

Vor vielen Schaulustigen auf beiden Seiten begannen die Grenztruppen der DDR am 20.4.90 mit dem Abriß der Panzersperrmauer am Brandenburger Tor. Mit einem speziellen Hydraulikhammer muß die 3 Meter dicke Mauer regelrecht zertrümmert werden; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1990-0429-411 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA) Foto: Karl-Heinz Schindler„1990 sind wir extra hingefahren nach Berlin, haben zugesehen, wie sie sie zusammengeschlagen haben, die Mauer. Da haben sie Steine von der Mauer verkauft. Aber ich sage gleich wie es ist, ich habe keine gekauft. Dafür gebe ich kein Geld aus, habe ich gesagt.“

498909
OST, Sachsen-Anhalt, Dorf, Mann:

„Mit der Wende hat sich alles verändert. 100 Prozent. Das erste, was ich nach der Wende gemacht habe? Ich habe mich selbständig gemacht.“

498909
WEST: Bayern, Dorf, Mann:

Schüler aus dem Westberliner Stadtteil Wedding bildeten auf der Böse-Brücke an der Bornholmer Straße Spalier und bereiteten den Besuchern aus der DDR einen ersten Empfang; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1989-1118-028 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA)„Anfang der 90er Jahre war eine Person bei uns im Allgäu zu Besuch, wir hatten ein Fest und wir saßen gemütlich beisammen. Dann hat sie gesagt, wie schön dass es jetzt sei, seit dem Mauerfall. Und ich habe dann zu ihr gesagt, jetzt habt ihr Jahrzehnte lang die Mauer gehabt. Und jetzt werdet ihr sicher zwanzig Jahre brauchen, bis ihr ungefähr das gleiche Verhältnis habt, wie in Westdeutschland. Dann hat sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Dann habe ich gesagt, das dürfen sie mir ruhig glauben. Es wird so lange dauern, bis das mit Ost und West alles wieder gleich ist. Und ich glaube, da lag ich gar nicht so falsch. Es hängt ja noch immer alles hinten nach (lacht).“

Stephanie Lachnit
führte die Interviews. Sie ist freie Journalistin in Köln. Sie arbeitet für den Westdeutschen Rundfunk.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009
(aktualisiert: September 2014)

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema