Berliner Mauer

Friedliche Revolution

Christian Führer, Copyright: Werkphoto Porsche AGIn der Leipziger Nikolaikirche begannen die Friedensgebete, aus denen die Montagsdemonstrationen entstanden, die im Oktober 1989 die friedliche Revolution in der DDR auslösten. Bis zu 300.000 Menschen demonstrierten in Leipzig für Freiheit und Demokratie. Was die Kirche damals für die Menschen bedeutete und heute wieder bedeuten kann – darüber spricht im Interview Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche.

Welche Rolle spielte die Kirche damals für den Umbruch? Und wie hat sich die Protestbewegung damals geformt?

Während eines Friedensgebetes Oktober 1989 in der St. Nikolaikirche, Treffpunkt tausender Menschen während der stürmischen Herbsttage. Der 3. Oktober diesen Jahres soll nicht mit Glockengeläut und Friedensgebeten begangen werden, um - wie auch an den bisherigen Staatsfeiertagen - die Trennung von Kirche und Staat zu demonstrieren; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1990-0921-309 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA), Foto: W. GrubitzschDie Kirche in der DDR war der einzige Freiraum, geistig und quadratmetermäßig, die einzige vom staatlichen Wohlwollen unabhängige Institution. 1981 hatten wir in der Nikolaikirche eine Andacht, um die Friedensdekade in Leipzig einzuführen. Es kamen 120 ungewöhnliche und unangepasste Jugendliche! Sie sahen die Kirche als geistigen Freiraum, um ihre Wut und Aggression auszudrücken gegen die permanente Bevormundung und geistige Unterdrückung durch den DDR-Staat. Eine unglaublich befreiende Wirkung breitete sich aus. Aus dieser Andacht zur Friedensdekade gingen ab 1982 die wöchentlichen Friedensgebete hervor. 1987 habe ich den Gesprächskreis „Hoffung für Ausreisewillige“ gegründet. Als ein Jahr später in Berlin bei einer Demonstration die Träger des Plakats „Freiheit für Andersdenkende“ – nach einem Ausspruch der Kommunistin Rosa Luxemburgs – verhaftet wurden, forderten die Jugendlichen Andachten für sie. Dazu kamen täglich knapp 100 Leute. Gemeinsam mit den Ausreisewilligen bildeten die Basisgruppen das Fundament der Protestbewegung, die dann am 9. Oktober 1989 ihren Höhepunkt fand.

Wie denken Sie heute über diese Bewegung, und was ist daraus geworden?

Das Bild der Leipziger Montagsdemonstration auf dem Karl-Marx-Platz, an der etwa 40.000 Menschen teilnahmen, prägten erneut Forderungen nach der schnellen Vereinigung beider deutscher Staaten. Montagsdemonstration, Demonstrant mit Plakat 'Es gibt viel zu tun. Packen wir's an!'; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1990-0219-023 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA), Foto: W. KlugeDie Nikolaikirche war damals wie heute „offen für alle“. Dieses Motto vereinte die verschiedensten Menschen: Ausreisewillige und Neugierige, Regimekritiker und Stasileute, kirchliche Mitarbeiter und SED-Genossen, Christen und Nichtchristen. 1989 war die Nikolaikirche einer der am besten bewachten Orte in der DDR. Am 9. Oktober waren unter den 2.000 Teilnehmern etwa 600 SED-Genossen und Stasileute im Friedensgebet. Draußen stand ein Aufgebot von Armee, Kampftruppen, Polizei und zivilen Einsatzkräften. Das Friedensgebet ging mit einer unglaublichen Ruhe und Konzentration vonstatten. Zum Schluss gab es noch die dringende Aufforderung zur Gewaltlosigkeit. Als wir mit den mehr als 2.000 Menschen aus der Kirche kamen, warteten Zehntausende auf dem Platz. Den Anblick werde ich nie vergessen. Sie alle hatten Kerzen in den Händen. „Keine Gewalt“ wurde aus der Kirche mit nach draußen genommen und auf der Straße konsequent praktiziert. Das war der Kernpunkt der friedlichen Revolution überhaupt, eine neue Wirklichkeit, die neue Maßstäbe setzte, von denen die Staatsmacht total überrascht wurde.

Armutszeugnis

Was ist daraus geworden?

Heute ist dieses gemeinschaftliche Gefühl weithin einem flachen Wohlstandsmaterialismus gewichen. Geradezu tragisch zu nennen ist, dass jetzt in der vom Volk erkämpften Demokratie, wo die Menschen im Gegensatz zur Weltanschauungsdiktatur in der DDR nicht nur mitbestimmen können, sondern auch sollen, dieses nicht wahrgenommen wird. Der Druck ist weg. Nur 37 Prozent Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl in Leipzig – ein Armutszeugnis. Es fehlt der Glaube an die Zukunft und an die Kraft und Möglichkeiten, die Gott schenken kann.

Welche Rolle spielt die Kirche heute?

Manifestation- Ihre Forderungen nach spürbaren Veränderungen der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR brachten in Leipzig über 100.000 Bürger auf einer Demonstration zum Ausdruck. Nach Friedensgebeten in sechs Gotteshäusern der Messestadt formierte sich der Zug an der Nikolaikirche; Copyright: Deutsches Bundesarchiv  / Bild 183-1989-1023-022 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA), Foto: F. GahlbeckDer Anschluss an das Bestehende ab 1990 hat auch die Kirche beeinflusst und ihre neue, unerwartete, für die Gesamtheit der Gesellschaft wichtig gewordene Rolle zu großen Teilen beendet. Strukturfragen und Finanzprobleme sind an ihr nicht vorbeigegangen. Aber Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist, hat der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer schon gesagt. Die Kirche muss offen sein für alle und sich für die Benachteiligten einsetzen. Wenn der Einzelne kein Ziel, keine Vision, keine Hoffnung mehr hat, als über den nächsten Urlaub, Einkauf oder Aktienkurs hinaus, beginnt er abzusterben. Darum brauchen wir die Vision Jesu: eine Vision des Teilens und der Verantwortung füreinander, damit wieder Glaube und Hoffnung, Festigkeit und Dynamik wie frischer Wind in die Massen fährt.

Christian Führer war bis März 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Nikolaikirche in Leipzig. Er ist der ständige Betreuer der Friedensgebete, aus denen die Montagsdemonstrationen in Leipzig hervorgingen, die entscheidend zur friedlichen Revolution in der DDR beitrugen. Nach 1989 setzte sich Führer für Arbeitslose ein, veranstaltete Großdemonstrationen mit 45.000 Menschen gegen den Irakkrieg und setzte sich konsequent gegen Neonazi-Aufmärsche ein. Im März erscheint sein Buch „Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam“ (Ullstein-Verlag).
Katrin Arnholz
führte das Gespräch. Sie ist freie Journalistin in Berlin.

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Februar 2009

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