Bildungswesen

Schulen in Deutschland

Gemeinschaftsschule in Sachsen-Anhalt (c) dpaDas deutsche Schulsystem ist schon relativ alt, da bereits 1717 die Schulpflicht eingeführt wurde. Das heutige Schulsystem geht auf die Schulreformen der 60er und 70er Jahre zurück, in denen das existierende System wesentlich verändert wurde. Da Deutschland ein hochindustrialisiertes Land ist, das über wenige Rohstoffe verfügt, braucht es gut ausgebildete Arbeitskräfte und investiert daher sehr viel in sein Bildungswesen.

Alle Kinder beginnen die Grundschule (primary school), wenn sie sechs Jahre alt sind. Die Grundschule dauert vier Jahre. In einigen Bundesländern, z. B. Berlin und Brandenburg, umfasst sie sechs Jahre. Je nach Begabung und Wunsch entscheiden sich die Kinder dann für eine der folgenden Schulen: Hauptschule, Realschule, Gymnasium oder Gesamtschule.

Alle Schüler, die eine weiterführende Schule besuchen, lernen mindestens eine Fremdsprache. Die meisten Schüler lernen Englisch, einige beginnen mit Französisch und manche mit Russisch. (Vor der deutschen Vereinigung war Russisch in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik die erste Fremdsprache.) Anders als irische Schülerinnen und Schüler tragen deutsche Schüler keine Schuluniformen. Außerdem sind die deutschen Schulen normalerweise Halbtagsschulen. In weiterführenden Schulen müssen Schülerinnen und Schüler ein Jahr wiederholen , wenn ihre Noten in zwei Fächern weit unter dem Durchschnitt liegen. Ein Schüler muss zum Beispiel dann sitzenbleiben , wenn er in zwei Fächern eine 5 oder in einem eine 6 hat. (In Deutschland werden die Leistungen der Schülerinnen und Schüler mit Noten von 1 bis 6 bewertet. Die Note 1 ist die beste, die Note 6 die schlechteste Note.)

Die Hauptschule (main school) ist für Schüler gedacht, die nach dem Schulabschluss eine Lehre (apprenticeship) machen wollen. In der Hauptschule sollen die Schüler auf das Berufsleben vorbereitet werden, und so werden außer theoretischem Wissen praktische Kenntnisse und Fertigkeiten besonders gefördert. Die Hauptschule dauert sechs Jahre. Am Ende erhalten die Schülerinnen und Schüler einen Hauptschulabschluss.

Die Realschule (intermediate school) bietet den Schülern eine umfassendere Allgemeinbildung als die Hauptschule. So können Realschüler beispielsweise eine zweite Fremdsprache lernen. Im Allgemeinen können die Schüler in den verschiedenen Fächern mehr in die Tiefe gehen, und es wird mehr selbstständiges Lernen erwartet als in der Hauptschule. Im Vergleich zum Gymnasium werden die Schülerinnen und Schüler einer Realschule berufsbezogener ausgebildet.

Schüler, die auf das Gymnasium (grammar school) gehen, besuchen diese Schule neun Jahre bevor sie die Abschlussprüfung, das Abitur, ablegen. Das Gymnasium ist für Schüler gedacht, die nach der Schule an einer Universität oder Fachhochschule studieren möchten. Daher bekommen die Schüler ein breites Fundament an allgemeinem Wissen, und eine breite Palette von Fächern wird unterrichtet. Nach sechs Jahren können sich die Schüler in verschiedenen Fächern spezialisieren. Im Vergleich zur Haupt- und Realschule wird von den Schülern des Gymnasiums mehr Eigenmotivation erwartet. Da das Gymnasium neun Jahre dauert und deutsche Schüler im Vergleich zu irischen erst zwei später mit der Schule beginnen, sind deutsche Schulabgänger in der Regel zwei bis drei Jahre älter als irische.

1969 wurde eine neue Schulart, nämlich die Gesamtschule (comprehensive school), eingeführt. Die deutschen Gesamtschulen ähneln den irischen Schulen dieser Art, aber sie sind nicht so weit verbreitet. Ein Grund dafür ist, dass die verschiedenen Bundesländer zum großen Teil selbst entscheiden können, welche Art Schulen und was für ein Ausbildungssystem sie haben möchten. Alle 16 Bundesländer haben ihr eigenes Kultusministerium und daher einen gewissen Freiraum, was das Schulsystem in ihrem Land anbetrifft. So hatten Bundesländer, deren Regierungen konservativ waren, wenig Interesse daran, die Gesamtschule auf breiter Basis einzuführen. In Bayern und Baden-Württemberg, zum Beispiel, gibt es nur jeweils drei Gesamtschulen; in Nordrhein-Westfalen jedoch 203.

Obwohl sich die 16 Kultusminister auf ein grundlegendes System geeinigt haben, gibt es doch erhebliche Unterschiede zwischen den Schulen und der Schulausbildung in den verschiedenen Ländern. In Bayern ist das Abitur insofern mit dem Higher Leaving Certificate vergleichbar als dass beide Prüfungen vom Ministerium festgelegt werden und alle Schüler am selben Tag die gleichen Prüfungen ablegen. In Nordrhein-Westfalen werden die Prüfungsfragen von den Lehrern erstellt, so dass an den verschiedenen Schulen in einem Fach verschiedene Prüfungen abgehalten werden.

Dies sind nur einige der vielen Abweichungen zwischen den Schulen in den einzelnen Bundesländern. Sie erklären sich unter anderem aus den unterschiedlichen Traditionen in den Regionen Deutschlands. Der Vorteil dieses föderativen Systems ist, dass es den einzelnen Regionen ermöglicht, ihre vielfältigen Traditionen zu wahren.

Seit Beginn des letzten Jahrhunderts gibt es in Deutschland eine Reihe von Alternativschulen. Die bekanntesten und verbreitetsten Alternativschulen sind die Waldorf - und die Montessori -Schulen. Es gibt sowohl Grundschulen als auch weiterführende Schulen dieser Art. Die Alternativschulen sind Privatschulen, das heißt die Eltern müssen oft für ihre Kinder Schulgeld zahlen. Anders als in anderen Ländern sind die Privatschulen in Deutschland normalerweise aber keine Eliteschulen.

Zur Zeit gibt es ungefähr 1 Million ausländische Kinder, die in Deutschland in die Schule gehen. Da ihre Anzahl in den letzten Jahren stetig angewachsen ist, werden zusätzliche Deutschkurse in Schulen angeboten. Ausländische Kinder, die nicht in Deutschland geboren wurden oder bei denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird, haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Um ihr Deutsch zu verbessern, können sie in den Förderunterricht gehen.

Ausländer, deren Kinder in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, befürchten oft, dass ihre Kinder ihre kulturellen Wurzeln verlieren. Deshalb bieten deutsche Schulen jetzt auch Unterricht in Sprachen wie Türkisch, Polnisch usw. an.

Behinderte Schüler gehen in Deutschland häufig in eine Sonderschule (special school). Es gibt verschiedene Sonderschulen je nach der Art der Behinderung (Blindenschule, Sonderschule für Kinder mit Sprachstörungen, usw.). Seit den 70er Jahren versucht man mehr und mehr, behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. So können behinderte Kinder inzwischen auch eine Regelschule besuchen. Auch gibt es viele allgemeinbildende Schulen, die mit Sonderschulen zusammenarbeiten. Sie werden als "kooperative Schulformen" bezeichnet.

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