Brauchtum in Deutschland

Regionale Karnevalstraditionen

click for larger picture Den größten und wohl bekanntesten Karnevalsumzug Deutschlands gibt es in Köln. Er findet jedes Jahr am Rosenmontag statt. 1998 hatte der Umzug 1.5 Millionen Zuschauer und 9000 Personen nahmen an ihm teil, darunter 122 Bands und Kapellen mit 4000 Musikern. Die Kostüme und Karnevalswagen werden von Mitgliedern der Karnevalsvereine lange im voraus angefertigt, und die Tänzer üben häufig das ganze Jahr für den langen Umzug.

click for larger picture Am allerersten Kölner Karnevalszug nahm unter anderen auch ein Regiment Soldaten in bunter Uniform teil, das "Rote Funken" hieß und sich so unmilitärisch verhielt wie möglich. Bis heute gibt es beim Kölner Umzug viele 'Soldaten' in oft sehr aufwendigen historischen Kostümen. Noch beliebter als die farbenfrohen Soldaten sind allerdings die tanzenden Funkemariechen.

Während der "närrischen" Zeit wird Köln symbolisch vom sogenannten Dreigestirn regiert. Das Dreigestirn sind der Prinz, der Bauer und die (immer männliche) Jungfrau mit wallendem blonden Haar und modischem Wikingerhut. (Der Prinz repräsentiert die Machthabenden der Stadt, der Bauer die Handwerker und Zünfte, und die Jungfrau ist die Patronin der Stadt Köln.) Im Gegensatz dazu wird Düsseldorf von einem gewählten Prinzenpaar regiert.

Da im Karneval nichts sein soll wie sonst, haben an Weiberfastnacht die Frauen die Fäden in der Hand. In Städten entlang des Rheins wie z. B. Köln wird das Rathaus symbolisch von den Frauen gestürmt und der Bürgermeister überreicht ihnen den Stadtschlüssel als Zeichen seiner Machtaufgabe. Zur Weiberfastnacht müssen männliche Vorgesetzte, die Anweisungen geben wollen, damit rechnen, dass sie von ihren weiblichen Untergebenen ignoriert werden und statt produktiver Arbeit einen Kuss oder eine Süßigkeit bekommen. Männern, die unvorsichtig genug sind, nicht in Verkleidung sondern im Anzug am Arbeitsplatz zu erscheinen, kann es passieren, dass ihnen von den Frauen der Schlips abgeschnitten wird.

click for larger picture In Süddeutschland, wo Umzüge nach rheinländischem Vorbild unüblich sind, haben sich viele alte Karnevalstraditionen erhalten. In Mittenwald in Oberbayern gibt es den alpinen Brauch der Schellenrührer. Die Schellenrührer tragen bunte Kostüme mit vielen Schellen (Kuhglocken). Donnerstagmittag sieht man die Schellenrührer mit rhythmischen Sprüngen (so dass die Glocken bimmeln) durch die Stadt ziehen.

Im Vergleich dazu sind Karnevalsfeiern in München heute eine wesentlich ruhigere Angelegenheit. In München finden zur Karnevalszeit viele Kostümbälle und Feste in Vereinen statt, aber die meisten davon sind nur begrenzt der Öffentlichkeit zugänglich. Strassenkarneval im traditionellen Sinne gibt es nicht mehr und man sieht auf den Straßen außer Kindern wenig Menschen in Verkleidung. In anderen bayrischen Städten sind alte Traditionen erhalten bzw. wieder ins Leben gerufen worden.

click for larger picture Im ländlichen Raum hat sich die traditionelle Karnevalsfigur des Fasenickls erhalten. Der Fasenickl trägt eine handgeschnitzte Holzmaske und ein buntes Kostüm, das ursprünglich aus Stoffresten und Flicken bestand (die billigste Möglichkeit, sich zu verkleiden). Die modernen Fasenickl-Kostüme sind sehr bunt und oft mit viel Aufwand handgearbeitet.

Obwohl es viele jahrhundertealte Karnevalsbräuche gibt, sind nicht alle so alt wie es scheint. Die Offenburger Hexen sind ein gutes Beispiel dafür. Sie wurden 1930 von einem Ehepaar erfunden und waren sofort ein solcher Erfolg, dass sie nun jedes Jahr in großer Zahl in Offenburg ihr Unwesen treiben.

Ein anderes Beispiel für eine neue Art Karneval zu feiern, ist der Bremer Karneval. Bei ihm geht es nicht darum, alte Traditionen fortzuführen oder wiederzubeleben, sondern dieses alte Fest auf neue Art zu feiern. In Anlehnung an den brasilianischen Karneval treten in Bremen viele Samba Bands auf, und es gibt überall Straßentheater (Akrobaten, Jongleure, Feuerspucker, Steptänzer, usw.)

click for larger picture In manchen Orten sind alte Bräuche wieder belebt worden wie z.B. der Schembart-Lauf in Nürnberg. Der Schembart-Lauf war im Mittelalter ein alljährlich stattfindendes Ereignis. 1539 fand das Fest ein abruptes Ende, weil der protestantische Hauptprediger Andreas Ossiander fand, dass man sich zu viel auf seine Kosten amüsierte. Er beschwerte sich beim Nürnberger Stadtrat, der daraufhin den Schembart-Lauf verbot. Obwohl immer wieder Versuche unternommen wurden, das Fest wieder einzuführen, fand es erst 1974 wieder statt. Schembart bezieht sich auf die Holzmasken (Scheme), die alle einen Bart haben. Der Schembart-Lauf ist heute ein Fest, das vor allem der Renaissance gewidmet ist. So werden u.a. Tänze in historischen Kostümen aufgeführt und überall Renaissance Musik gespielt.

click for larger picture Die politische Komponente des Karnevals ist nicht völlig verschwunden, obwohl (wegen der Pressefreiheit) weniger Bedarf dafür besteht als in der Vergangenheit. Trotzdem werden Politiker im Karneval oft Zielscheiben satirischen Spotts. Eine der deutlichsten, wenn auch nicht unbedingt krassesten Formen der Karnevalssatire, ist das Narrengericht in Stockach. Das Stockacher Narrengericht versammelt sich jedes Jahr, um einen Politiker anzuklagen und ihn aufzufordern, seine Politik vor dem Narrengericht zu verteidigen. Das Narrengericht wurde auf nationaler Ebene bekannt, als hohe Politiker wie Hans-Dietrich Genscher (deutscher Außenminister von 1974-92) und Franz-Josef Strauß (Mitbegründer der CSU) nach Stockach fuhren, um sich vor dem Narrengericht zu verantworten.

click for larger picture Die oben genannten sind nur einige der vielen Arten in Deutschland Karneval zu feiern. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Traditionen erfreut sich der Karneval noch immer großer Beliebtheit. In den letzten Jahren hat das Interesse an Karneval sogar noch zugenommen, und immer mehr Menschen nehmen in der einen oder anderen Form an Karnevalsfeiern und -vorbereitungen teil. Obwohl sich die Gebräuche in den verschiedenen Regionen z.T. stark voneinander unterscheiden, haben sie doch eines gemeinsam: jedes Jahr werden für kurze Zeit soziale Normen und Konventionen außer acht gelassen. Jeder kann tragen was er mag, (fast alles) tun was er mag, den Alltag hinter sich lassen - und einfach Spaß haben.

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