Deutsche Städte und Regionen

Der Zauber von München

Englischer Garten; Copyright:Torsten KrügerMünchen - Panorama mit Alpenblick; Copyright: Rudolf SterflingerEs gibt zwei Arten von Zauber. Der eine, der auf den Bühnen vorgeführt wird, fasziniert durch seine scheinbare Unerklärlichkeit. Die zersägte Jungfrau etwa ist eine kunstvolle Illusion, die jedoch ihre Magie verliert, sobald sie erklärt wird. Der Zauber von München ist von der anderen Art: Er ist einfach da. Er unterliegt keiner Regie, keinem Drehbuch und lässt sich nicht vollständig erklären. „München leuchtete“ schrieb Thomas Mann im Jahr 1902 im ersten Satz seines Romans Gladius Die.

Bayerische Staatsoper – Nationaltheater; Copyright: Ulrike RomeisIm Jahr 2008 leuchtet die Stadt sogar noch ein wenig heller als sonst. München hat sich herausgeputzt. Man polierte dort, wo es im Lauf der Zeit etwas matt geworden war, und hegte und pflegte das, was glänzt. Denn es gibt etwas zu feiern: 850 Jahre alt ist München in diesem Jahr geworden. Drei-Brücken-Fest, Altstadtringfest – eine Feier jagte im Sommer die nächste, dazu wurde viel reflektiert, erinnert, gesprochen und geehrt. Ungestört und unbeeindruckt davon wirkt der Zauber der Stadt. Einige seiner Zutaten lassen sich bei aufmerksamem Hinsehen tatsächlich entdecken.

Eine andere Welt mitten in der Stadt: Der Englische Garten

Englischer Garten; Copyright:Torsten KrügerEs ist ruhig an diesem Oktobertag im Nordteil des Englischen Gartens, am Ufer der Isar. Eine sanfte Brise trägt goldgelbe Herbstblätter durch die Luft, ein Angler steht mit Gummistiefeln im friedlich dahin fließenden Strom. Plötzlich, ein Wiehern. Zwischen den Bäumen treten drei Pferde hervor, locker halten die Reiterinnen die Zügel in der Hand. Es plätschert, als sie langsam die hüfttiefe Isar durchqueren, im Hintergrund die rötlich gefärbte untergehende Sonne. Man vergisst schnell, dass man sich in einer Stadt befindet.

Biergarten Chinesischer Turm; Copyright: P. ScarlandisÜber vier Quadratkilometer umfasst der Englische Garten, damit ist er größer als der Central Park in New York und der Hyde Park in London. Da er sich über einen Großteil der Stadt von Norden nach Süden erstreckt, sind es für viele Münchner nur wenige Minuten bis in den Park. Selbst wer ohne Orientierung zwischen den Bächen, Waldstücken und saftigen Wiesen herumflaniert, trifft irgendwann auf einen der vielen Glanzpunkte: Den Biergarten am Chinesischen Turm etwa, wo im Sommer Münchner und Touristen Seite an Seite Brotzeit machen und dazu eine Maß Bier trinken, während in dem 25 Meter hohen Turm die Blaskapelle „Ein Prosit“ spielt. Wie jeder der Biergärten der Stadt ist er bei der ersten Frühlingssonne des Jahres schon in den Morgenstunden bis zur letzten Bank bevölkert.

Mit allen Sinnen genießen

Am südlichsten Zipfel des Englischen Gartens befindet sich das Haus der Kunst. Es ist nur eines von vielen renommierten Museen der Stadt, neben der Alten und der Neuen Pinakothek, dem Deutschen Museum und dem vor kurzem erst errichteten Jüdischen Museum. Auch die Theaterbühnen sind über die Stadt hinaus bekannt. So viel Kultur kann hungrig machen.

Viktualienmarkt; Copyright: Lothar KasterAuf jeden Finger hat sich das kleine Mädchen eine Himbeere gestülpt. Während sie kichernd den vorbeigehenden Leuten ihre Hand entgegenstreckt, wandert der Blick der Mutter schon zum Fischstand ein paar Meter weiter: In Eis eingelegt warten dort frische Karpfen, Forellen, Renken und Hechte auf ihre Käufer. Der Viktualienmarkt im Herzen Münchens, nur ein paar Straßen vom Rathaus entfernt, gilt als Feinschmeckermarkt. Über 100 Kleinbetriebe bieten hier Brot, Früchte, Fisch, Fleisch, Blumen oder Säfte an. Allen fünf Sinnen wird etwas geboten, und schnell stellt sich beim Einkaufen das Gefühl ein, die frischesten Spezialitäten handverlesen vor sich zu haben. Trotz hoher Preise ist deshalb die „gute Stube von München“, wie der Viktualienmarkt in der Stadt auch liebevoll genannt wird, fast immer bestens besucht.

Die Sicherheit, die Sauberkeit und die Schönheit

Oktoberfest – Gesamtüberblick; Copyright: Thorsten NaeserUnd dann sind da noch die vielen Dinge, die eigentlich offensichtlich sind, aber so manchem Münchner gar nicht mehr auffallen. Barbara Pilat ist eine „Zugeroaste“ aus Polen, seit fünf Jahren studiert sie in der Stadt. Was das Besondere an München ist? „Das Oktoberfest, der Fußball und natürlich die wundervolle Umgebung: Ob ich an einen See möchte oder in die Berge, alles ist in der Nähe“, sagt sie. „Außerdem ist es sicher hier: Nachts habe ich keine Angst, allein nach Hause zu laufen. Obwohl ich schon einige Zeit hier bin, fällt mir immer wieder auch die Sauberkeit auf, und die Schönheit der Stadt und ihrer Architektur.“

Lenbachhaus; Copyright: C. L. SchmittDie Sicherheit, die Sauberkeit und die Schönheit, daran denken die meisten zuerst. „Eigentlich ist München so perfekt, dass es fast schon wieder langweilig ist“, sagte der beim FC Bayern München spielende italienische Fußballspieler Luca Toni kürzlich in einem Interview. Vielleicht ist das – absurderweise – der Wermutstropfen.

Bei manchen gilt München deshalb als spießig. In der bekannten Diskothek P1 tanzt man in einem Museumsbau, aber was macht derjenige, der es weniger schick und glänzend mag? Für das brodelnde, inspirierende Leben zwischen heruntergekommenen Gebäuden und schmuddeligen Spelunken, wie es etwa in Berlin zu finden ist, bleibt wenig Platz. München hat eine der niedrigsten Arbeitslosenraten in Deutschland – und die teuersten Mieten. Wer hier keine Arbeit hat, bleibt häufig nicht lange in der Stadt.

So kann München in seiner Makellosigkeit gelegentlich etwas selbstzufrieden wirken. Aber vielleicht beschreibt dieses Problem den Zustand der Stadt am besten. Ein Zustand, in dem sich nur die wenigsten großen Städte befinden und um den viele von ihnen München beneiden.

Mit 1,3 Millionen Einwohnern ist München die drittgrößte Stadt Deutschlands. Die Landeshauptstadt Bayerns hat deutschlandweit eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und die niedrigste Arbeitslosenquote. Nicht nur für das Oktoberfest ist die Stadt bekannt. Die Universitäten, die renommierten Museen und die beeindruckende Architektur gehören ebenso zu München wie das Bier, das Hofbräuhaus und die beiden Fußballvereine, FC Bayern München und 1860 München.

Der freie Autor Christian Heinrich lebte zwei Jahre in München, vor kurzem hat er der Stadt schweren Herzens seinen Rücken zugedreht und ist nach Hamburg gezogen.

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Oktober 2008

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