Deutsch Heute
Im Hochmittelalter gehörten Teile des heutigen Belgiens und ein Großteil der Niederlande noch zum deutschen Sprachraum. Durch die hochmittelalterliche Ostsiedlungsbewegung dehnte sich der deutsche Sprachraum nach Pommern, Schlesien, Böhmen und Mähren aus. Außerdem entstanden deutsche Siedlungen in Siebenbürgen (Rumänien), Ungarn, in der Slowakei und Slowenien.
Heute umfasst der deutsche Sprachraum ein Gebiet, das sich über mehrere Staaten und Nationen erstreckt: Deutschland (etwa 80 Millionen Muttersprachler), Österreich (7 Millionen), Liechtenstein, Luxemburg (300 000) und den deutschen Teil der Schweiz (4,1 Millionen). Er reicht in weitere Länder hinein: Südtirol/Italien (280 000), Elsaß/Frankreich (1,5 Millionen), Ostbelgien (65 000). Darüberhinaus gibt es deutsche Sprachinseln in Ungarn, Russland, Rumänien, Pennsylvania/USA, im Westen Kanadas und in Ontario (330 000), in Brasilien (550 000), Argentinien (250 000) und in Südafrika. Mit ungefähr 100 Millionen Muttersprachlern ist Deutsch die sechstgrößte Sprachgruppe der Welt.
Einflüsse aus anderen Sprachen
Wie alle Sprachen wurde auch Deutsch immer durch andere Sprachen beeinflusst, in der Frühzeit vor allem durch Latein. Dies zeigen Wörter wie Fenster (lat. fenestra), Mauer (lat. murum) und Wein (lat. vinum). Später wurden viele Wörter aus dem Französischem ins Deutsche übernommen (z.B. Mode, Möbel, Adresse) Im 20. Jahrhundert beginnt der starke Einfluss des amerikanischen Englisch, der bis heute anhält. Aus den Bereichen Wirtschaft, Popkultur und Mode werden besonders viele Wörter in das Deutsche übernommen. Beispiele für englische Wörter in der deutschen Sprache sind Joint-Venture, Manager, Human Resources, Marketing, Holding, Ticket, Business, Musical, usw.. Viel verwendete englische Begriffe werden zuweilen auch eingedeutscht wie taff für tough, oder abturnen. Andere Wörter erfahren Bedeutungsveränderungen (siehe unter Jugendsprache, beamen).
Wie in vielen westlichen Ländern wird die Umgangssprache auch stark von der Reklame beeinflusst. Ein Wort wie unkaputtbar (Modellwort: unzerstörbar) wurde zuerst in einer Werbung benutzt und ist dann in die Umgangssprache eingegangen. Neben den vielen (meist englischen Wörtern) aus dem Modebereich (Hipsters, Goatee, etc.) werden mehr und mehr Wörter aus der Computersprache übernommen (chatten, bouncen, crunchen). Zuweilen gibt es auch hier Neuschöpfungen wie DAU (dümmster anzunehmender User) und HAU (hirnamputierter User).
Durch die Teilung Deutschlands nach 1945 ergaben sich unterschiedliche Entwicklungen der Sprache in der BRD (Bundesrepublik Deutschland) und der DDR (Deutsche Demokratische Republik): die westdeutsche Seite nahm immer mehr englische Wörter an, die ostdeutsche Hälfte übernahm eher russische Wörter in die Alltagssprache (z.B. Soljanka, Kolchose, Datscha). Auch innerhalb der deutschen Sprache entwickelten sich auf beiden Seiten unterschiedliche Wörter:
Westdeutschland/Ostdeutschland:
Plastik/Plaste
Seniorenheim/Feierabendheim
Supermarkt/Kaufhalle
Astronaut/Kosmonaut
Brathähnchen/Broiler
Besonderheiten der deutschen Sprache
Deutsch ist eine flektierende Sprache. Das bedeutet, dass die Verben konjugiert und die Nomen dekliniert werden. Da die grammatische Funktion der Wörter durch ihre Endungen gekennzeichnet ist, ist die Wortstellung flexibler als in manchen anderen Sprachen wie zum Beispiel Englisch. So können im Deutschen beispielsweise Subjekt und Objekt im Satz vertauscht werden, was im Englischen nicht möglich ist.
Beispiel: Der Mann (Nom.) schreibt einen Brief (Akk.). (The man writes a letter)
Einen Brief (Akk.) schreibt der Mann (Nom.). ("A letter writes the man")
In der deutschen Wortbildung gibt es sehr viele Komposita, das heißt Verbindungen zweier oder mehrerer unabhängiger Wörter (Garten + Zaun = Gartenzaun; Garten + Haus + Fenster = Gartenhausfenster).
Dialects
Mit Dialekt oder Mundart bezeichnet man die örtlich oder regional gebundene besondere Form einer Sprache. Die größten deutschen Dialektgruppen sind: Friesisch, Niederdeutsch, Sächsisch, Thüringisch, Hessisch, Pfälzisch, Schwäbisch, Alemannisch, Fränkisch, Bairisch.
In der Schweiz spricht man Schweizerdeutsch bzw. verschiedene schweizerdeutsche Dialekte. Österreich hat ebenfalls eigene Mundarten.
Wie unterschiedlich die Dialekte sind, lässt sich an den vielen verschiedenen Dialektwörtern für Brötchen und Kartoffel gut zeigen. Neben dem hochdeutschen Begriff Brötchen benutzt man in deutschen Regionen auch Schrippe, Semmel, Weckle, Rundstück, Mitsch, Mutschle, Laabla, Kipfel und Weckerl. Eine Kartoffel kann auch als Knolle, Erdapfel, Erdbirne, Erbern, Potacke, Grumber, Patätsch oder Tüffel bezeichnet werden.
Das reinste Hochdeutsch spricht man in Hannover.
Österreich
Das Besondere an dem österreichischen Dialekten ist, dass sie viele Einflüsse aus dem Jiddischen, Tschechischen und Ungarischen haben. Der Wortschatz unterscheidet sich oft sehr stark vom Hochdeutschen, wie man an folgenden Beispielen gut erkennen kann.
Hochdeutsch/Österreichisch
Tomate/Paradeiser
Mut/Schneid
Blumenkohl/Karfiol
Aprikosen/Marillen
Ärger/Gefrett
Klebstoff/Pick
Schweiz
Vom späten Mittelalter bis zur Neuzeit gab es eine eigene schweizerdeutsche Schriftsprache, die schließlich verdrängt wurde. Heute benutzt man in dem deutschsprachigen Teil der Schweiz die deutsche Schriftsprache. Die Umgangssprache der Schweizer ist jedoch das sogenannte Schwyzerdütsch (Schweizerdeutsch), das sich wesentlich von der deutschen Umgangssprache unterscheidet. Schweizerdeutsch gehört zu den alemannischen Dialekten.
Jiddisch
Das Jiddische entstand in Deutschland im 13./14. Jahrhundert und entwickelte sich aus mitteldeutschen Mundarten. Judenverfolgungen veranlassten viele deutsche Juden nach Osteuropa auszuwandern. Sie behielten Deutsch als Verkehrssprache bei: der Satzbau entspricht dem Deutschen, der Wortschatz ist zu 70-75% deutsch. Der Rest ist hebräisch, romanisch und slawisch. Bereits im 13. Jahrhundert gab es für das Jiddische eine geregelte Rechtschreibung. Heute haben weltweit etwa 3 Millionen Menschen Jiddisch als Muttersprache, die meisten in den USA, Israel und in der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten der ehemaligen Sowjetunion).
Jugendsprache
Um sich von der älteren Generation abzusetzen, reden junge Leute gern anders und entwickeln ihre eigene Sprache, die sogenannte Jugendsprache. Einige Wörter aus der Jugendsprache der 80er Jahre stammen aus dem Jiddischen wie z.B. Zoff (Ärger), Zaster (Geld), und schofel (erbärmlich, geizig). Zur Jugendsprache gehören Neuschöpfungen wie Schwachfug (zusammengesetzt aus Schwachsinn und Unfug) und Bedeutungsänderungen wie Sultan (für einen Mann, der gern mit Geld angibt). Es finden sich auch viele englische Begriffe in der Jugendsprache wie z.B. outfit, look, fashion victim, functional wear, trunks, stylen, tattoo, date, usw.. Manchmal bedeuten die Wörter im Deutschen jedoch etwas anderes als im Englischen. So z.B. das Verb beamen: In einer Aussage wie Die Fete beamt brutal bedeutet beamen gut funktionieren, gelingen. Weitere Neuschöpfungen sind Stino (Stinknormalo=langweiliger Typ) Oliba (Mann mit Oberlippenbart=konservativer Typ), Platte machen (keinen festen Wohnsitz haben).
Auch ist die Jugendsprache regional sehr unterschiedlich. So sagt man in verschiedenen Regionen von jemandem, der sehr lange redet und nichts Interessantes sagt, er habe
-ätzend rumgesülzt (Norddeutschland)
-rumgenölt (Mitteldeutschland)
-rumgerüsselt (Leipzig)
-Larifari dazöhlt (Wien)
Fachsprachen
Bei Fachsprachen handelt es sich im weitesten Sinn um technische oder wissenschaftliche Fachterminologien, die dem normalen Sprachbenutzer meist nicht verständlich sind. Mediziner, Juristen, Naturwissenschaftler, usw. benutzen solche Fachsprachen.
Manchmal finden einzelne Fachtermini den Weg in die Alltagssprache, so z. B. Retortenbaby, Genpool, Rezession, Fusion, Interaktion usw. Im Deutschen gibt es einige Redensarten, die aus dem technischen Bereich stammen: Sand im Getriebe haben (Störfaktor haben), eine lange Leitung haben (langsam sein), auf gleicher Wellenlänge liegen (sich gut verstehen).
Deutsche Lehnwörter
Die deutsche Sprache hat immer viele Wörter aus den Nachbarsprachen übernommen. Einige deutsche Wörter sind aber auch in andere Sprachen übergegangen, wie zum Beispiel Nudel, Bretzel, Wiener/Frankfurter/Nürnberger(-Wurst), Sauerkraut, Schnitzel, Schnaps, Angst, Weltschmerz, Zeitgeist, gemütlich, Kitsch, Wanderlust, Wunderkind, Doppelgänger, Rucksack, Kindergarten, Leitmotiv, Hinterland, Realpolitik, abseilen.
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