Sachliteratur

GIL YARON: Lesereise Israel/Palästina – Zwischen Abraham und Ibrahim
Picus Verlag, 2012

Von Palästina hört man in den deutschsprachigen Ländern zwar oft, aber einen Blick hinter die Kulissen des Konflikts mit Israel erhält man eher selten.
Der deutsch-israelische Journalist Gil Yaron hat sich 2012 auf eine Reise durch die Westbank, die besetzten Gebiete, das Westjordanland, die Palästinensischen Autonomiegebiete gemacht und berichtet von Menschen, die vom Konflikt geprägt sind, aber trotz des Konflikts ein möglichst normales Leben führen wollen. Die Reise führt den Autor dabei in ein Flüchtlingslager in Bethlehem, in das Nachtleben Ramallahs, in die umstrittene Innenstadt Hebrons, zu Höhlenbewohnern in der Wüste und nach Nablus. Seine Reise führt ihn nicht nach Gaza, denn nicht erst seit der letzten Krise 2012 ist der Gazastreifen auch für deutsch-israelische Journalisten eine Tabuzone.

Yaron kennzeichnet Palästina sicher mit recht als das „bekannteste Krisengebiet der Welt“, das assoziiert wird mit „Steine werfenden Jugendlichen, Raketenbeschuss, Vergeltungsaktionen, grausamer Besatzung und Selbstmordattentaten“, nicht aber mit „duftendem Kaffee, sanft rollenden grünen Hügeln oder dem Lächeln und den offenen Armen, mit denen Fremde hier begrüßt werden“.

Dies ist Yarons zweite Lesereise: In „Lesereise Israel. Party, Zwist und Klagemauer“ verschafft er dem Leser einen gelungenen Blick hinter die bisweilen klischeehaften Bilder des sogenannten Heiligen Landes. Im neuen Band, so schreibt er, gelingt ihm eines nicht: Palästina losgelöst vom Konflikt zu sehen und zu beschreiben. „Je tiefer man in die palästinensische Gesellschaft eintaucht, desto mehr entdeckt man, dass der Wunsch, das Problem der israelischen Besatzung auszublenden, dem Versuch gleichkommt, der Masse der palästinensischen Kettenraucher die Zigaretten aus dem Mund zu reißen. Es wäre eine Vergewaltigung der Tatsachen, die Verfälschung einer schwierigen, ungesunden Realität.“

Und dennoch: Hier erfährt man in kurzen und präzisen Kapiteln viel über Alltag und Kultur, über Geschichte und Gesellschaft, über Handeln und Denken in Palästina. Es geht um Mode und den Verlust von Tradition; es geht um Lärm und den Konflikt zwischen Muezzin, Kirchenglocken und Widderhörnern. Wir hören von Humor und der Schwierigkeit, mit diesem den Alltag zu bewältigen, von Liebe und gesellschaftlichen Erwartungen. Dabei lernen wir einen rehabilitierten Attentäter kennen, junge Paare im Konflikt mit ihrer Familie, junge israelische Soldatinnen, alte Bauern, Restaurantbesitzer und Journalisten. Das eindringlichste Portrait gelingt Yaron wohl im vorletzten Kapitel „Besser, du stirbst“: Jussuf aus Hebron ist schwul – und das kann in Palästina leider immer noch den Tod bedeuten.

Yaron hat seiner informativen Lesereise den Untertitel „Zwischen Abraham und Ibrahim“ verliehen. Mit diesem Bezug verweist er auf die biblischen Gemeinsamkeiten zwischen islamischer und jüdischer Welt. Yaron hat nicht den Anspruch, eine weitere historische, politische oder religionskritische Analyse zu liefern, fokussiert aber auf das Schicksal und Leben von Menschen und leistet so in mancher Hinsicht mehr als jede abstrakte Abhandlung. Er berührt emotional. Im Guten wie im Schlechten.

Gil Yaron stellt sein neues Buch vor:
Jerusalem, Goethe-Institut, 11.4.13, 19:30 Uhr
Tel Aviv, Goethe-Institut, 9.5.13, 19:30 Uhr
Klaus Krischok
Goethe-Institut Israel, April 2013

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