60 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland

60 Jahre nach seiner Gründung kann der Zentralrat der Juden auf eine erstaunliche Erfolgsgeschichte blicken: Fast 110.000 Juden leben in über 100 wachsenden Gemeinden. Das jüdische Leben ist durch Zuwanderung und Neuorientierung vielfältiger geworden. Das bringt für seine Organisation manche Herausforderung.Stephan Kramer ärgert sich. Die verbreitete Empörung über den blutigen Einsatz des israelischen Militärs gegen die sogenannte „Solidaritätsflotte für Gaza“ am 31. Mai 2010 erinnert ihn an die rituellen „Zwei-Minuten-Hass“-Ausbrüche in George Orwells Roman 1984. Zwar spricht auch Kramer von einem „kolossalen Versagen“ des israelischen Militärs und seiner Führung, das „Israel schonungslos aufklären“ müsse – aber dieses Versagen bestehe darin, dass man „als Friedensaktivisten posierenden Gewalttätern blindlings in die Falle“ gegangen sei. Die tatsächlich friedlichen Aktivisten auf den Schiffen seien faktisch „‚nützliche Idioten‘ aus dem Westen“, die nicht wahrhaben wollten, dass es bei der israelischen Blocklade des Gazastreifens um die Verhinderung der Aufrüstung der Hamas durch den Iran gehe.
Stephan J. Kramer ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dass er öffentlich entschieden zu einem Vorgang der Nahostpolitik Stellung nimmt, ist kein Einzelfall. Ein großer Teil der vom Zentralrat veröffentlichten Presseerklärungen befassen sich direkt oder indirekt mit dem Staat Israel. Kramer hält das für geboten, weil es in der westlichen Israel-Kritik häufig um etwas Grundsätzliches gehe: dass man „Juden das universale Menschenrecht auf Selbstverteidigung“ nicht zugestehe. Seine Stellungnahmen zum Nahostkonflikt kennzeichnen aber auch eine der Gratwanderungen, auf der sich die Vertretung der Juden in Deutschland 60 Jahre nach ihrer Gründung befindet.
Umbruch kam nach vierzig Jahren
Als sich am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main der „Zentralrat der Juden in Deutschland“ konstituierte, lebten noch etwa 15.000 Juden in den damaligen alliierten Besatzungszonen. Ein Drittel von ihnen hatte die Schoah im Land versteckt überlebt. Die Übrigen kamen aus Lagern und Exil zurück. Von den Juden, die als „displaced persons“ in den Nachkriegsjahren nach Deutschland kamen, zogen die meisten weiter, meist in die USA oder nach Israel; einige Tausend blieben jedoch.
So vertrat der Zentralrat in der Bundesrepublik Deutschland bis 1989 eine recht gleich bleibende Zahl von etwa 25.000 Juden. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion änderte sich das Bild schlagartig: Durch die Einwanderung von Juden aus dem ehemaligen Ostblock wuchsen die Gemeinden um mehr als das Vierfache an. Außerdem wurden 1990 die fünf Landesverbände jüdischer Gemeinden der DDR in den Rat integriert. Innerhalb weniger Jahre kam dem Zentralrat die Aufgabe zu, einer völlig gewandelten jüdischen Bevölkerung in Deutschland ein gemeinsames Dach zu bieten, denn das war auch sein Gründungsauftrag gewesen.
Schwieriges Anknüpfen an eine große Tradition
1950 wählten die Delegierten in Frankfurt ein vierköpfiges Direktorium und einen Rat aus 15 Gemeindevertretern. Die Überlebenden fanden ihre neue religiöse und soziale Heimat in sogenannten „Einheitsgemeinden“, die überwiegend orthodox geprägt waren. Ein Anknüpfen an die religiöse Vielfalt der Vorkriegszeit war durch die geringe Zahl der Mitglieder kaum möglich. Der Rat bildete keine religiöse Autorität, sondern als Dachverband eine Vertretung in der Gesellschaft und gegenüber den staatlichen Stellen.
Damit war der Zentralrat die Nachfolgeorganisation der 1933 gegründeten Reichsvertretung der damals noch über 500.000 deutschen Juden. Diese war der erste zentrale Zusammenschluss der Juden in Deutschland: erzwungen, um auf die einsetzende Diskriminierung und Verfolgung durch den NS-Staat reagieren zu können. Ab 1939 übernahm jedoch die Gestapo die direkte Kontrolle der Organisation und löste sie schließlich im Juli 1943 auf. Ihr Präsident, der berühmte liberale Rabbiner und Gelehrte Leo Baeck, überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt.
Die Ära Galinski
Der Zentralrat nahm seinen Sitz zunächst in Frankfurt. Später zog er nach Düsseldorf und in die Bundeshauptstadt Bonn. Für diese Zeit steht niemand so sehr wie der erste Vorsitzende Heinz Galinski. Er hatte seine gesamte Familie in Auschwitz verloren und selbst die Lager Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen überlebt. 43 Jahre lang stand er dann der jüdischen Gemeinde in Berlin vor.
Galinski konnte durch sein Schicksal glaubwürdig die Option für ein neues jüdisches Leben in Deutschland gegenüber der verbreiteten Skepsis im Ausland und insbesondere in Israel vertreten. Mit der Regierung der Bundesrepublik verhandelte er über Entschädigungs-Gesetze und in der Öffentlichkeit wurde er ein unübersehbarer Zeuge gegen die Verdrängung der Vergangenheit. Heinz Galinski übernahm 1988 das neu geschaffene Amt eines Präsidenten des Zentralrates und hatte es bis zu seinem Tod 1992 inne.
Wachstumsschmerzen
1999 zog der Zentralrat nach Berlin und nahm seinen Sitz im Leo-Baeck-Haus, der ehemaligen „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“. In der neuen Hauptstadt koordiniert der Rat die Entwicklung eines sich neu formierenden Judentums. In den Jahren nach der Wende entwickelten sich in Deutschland erstmals wieder liberale Gemeinden und organisierten sich in der „Union progressiver Juden“. 1994 kam es zum offenen Konflikt mit dem Zentralrat um die rechtliche Anerkennung der neuen Gemeinden und die Verteilung der staatlichen Fördergelder. Der Streit wurde 2006 teilweise beigelegt. Inzwischen sind einige liberale Landesverbände dem Zentralrat beigetreten. Konflikte, die mitunter auch vor Gericht ausgetragen werden, gibt es aber immer noch.
Zuwanderung und religiöse Ausdifferenzierung führen das moderne Judentum in Deutschland schrittweise aus dem Schatten der Schoah heraus. Juden werden nicht mehr nur als Opfer und Überlebende wahrgenommen und verstehen sich auch selbst nicht mehr so. Symptomatisch ist dafür die Auseinandersetzung um die Nachfolge der Ratsvorsitzenden Charlotte Knobloch. Anfang Februar 2010 erklärte sie nach internen Diskussionen, sie werde im November nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidieren. Ihr wurde vorgeworfen, den Generationenwechsel in der Führung des Zentralrats und eine angemessene Beteiligung der Einwanderer zu behindern. Als aussichtsreicher Nachfolger gilt ihr Vize Dieter Graumann. Der Wechsel bedeute aber „keineswegs, dass die Ära der Holocaust-Überlebenden zu Ende geht“, betont Stephan Kramer. Schließlich gäbe es in den Führungsgremien des Rates immer noch eine erhebliche Anzahl an Zeugen des Völkermordes.
Viele heiße Eisen
Knoblochs Nachfolger wird eine Reihe heißer Eisen anfassen müssen: Nach innen geht es um das Zusammenleben von Orthodoxen und Liberalen, von Einheimischen und Zugewanderten. Politisch geht es um die kritische Solidarität mit Israel, deren konkrete Linie auch unter Juden umstritten ist. Zugleich sieht sich der Zentralrat dem Phänomen eines neuen Antisemitismus ausgesetzt, der sich mitunter als Israelkritik tarnt und das Verhältnis zur anderen, größeren religiösen Minderheit in Deutschland trübt: den Muslimen.
Andererseits sieht auch Generalsekretär Kramer die Gefahr, dass der Zentralrat in der Öffentlichkeit „als eine Mahn- und Opferinstanz“ wahrgenommen wird. Er warnt deshalb davor, einer verbreiteten gesellschaftlichen Erwartung zu entsprechen, „die uns in die Rolle des Moralwärters drängt.“ Eine Menge Probleme also, Probleme allerdings vor einem Hintergrund der Erneuerung, von dem die Gründer des Zentralrats 1950 kaum träumen konnten.
ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.
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Juni 2010
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