Über Brücken

Clemens Wergin: ein deutscher Journalist, der Israel verstehen lernte

Clemens Wergin leitet das Ressort Ausland der überregionalen Tageszeitung „Die Welt“. Als Schüler fuhr er erstmals alleine nach Israel. Seither beschäftigt er sich eingehend mit dem Nahen Osten. Deutschen Pazifismus deutet er als „moralisch sehr angreifbar“, und sein Rat lautet „zur Abwechslung mal versuchen, in die Schuhe der Israelis zu schlüpfen und die Welt aus ihrer Warte zu sehen“.

Clemens Wergin, Jahrgang 1969, hat früh begonnen, sich mit Ausland und Politik auseinander zu setzen. Schon als Schüler arbeitete er einen Sommer als Freiwilliger im israelischen Kibbuz Ein Harod im Jesreel-Tal. Nach seinem Abitur kehrte er nach Israel zurück, alternativ zum Zivildienst absolvierte er den „Anderen Dienst im Ausland“ in Nes Ammim, nah an der Grenze zum Libanon. Dort arbeitete er eineinhalb Jahre in einem Projekt zur Verständigung zwischen Christen und Juden. In dieser Zeit kam er zu der Erkenntnis, dass in der israelischen Armee Intellektuelle und politisch engagierte Menschen zur Mäßigung beitragen – also die Schicht, die in Deutschland in den 1980ern den Wehrdienst massenhaft verweigerte. Angesichts dessen fand Wergin bald, dass seine eigene Wehrdienstverweigerung eine unreflektierte Entscheidung gewesen war.

Keine negativen Vorurteile

Während seiner Zeit in Israel wurde Clemens Wergin auch mit den Komplikationen der deutsch-israelischen Geschichte konfrontiert. In Ein Harod musste er sich in Absprache mit der Kibbuz-Leitung als Österreicher ausgeben, da dort nichtjüdische Deutsche offiziell nicht als Freiwillige arbeiten durften. Clemens Wergin hatte auch Zweifel, wie er als Deutscher von den Israelis aufgenommen werden würde. Seine Erfahrungen aber waren durchweg positiv. „Angesichts der deutschen Geschichte finde ich es erstaunlich, wie selten mir negative Vorurteile begegneten“, so Wergin. „Man war neugierig auf die junge deutsche Generation, zumal wenn die Gesprächspartner merkten, dass man sich mit den deutschen Verbrechen auseinander gesetzt hatte.“

Doch der junge Mann bekam während dieser Zeit nicht nur Einblicke in die Beziehung zwischen Israelis und Deutschen, auch gewann er eine neue Sichtweise auf den Nahostkonflikt. Zurück in Deutschland fand er die Diskussion über Israel und den Nahen Osten häufig uninformiert und verzerrt. Clemens Wergin pflegt seitdem die kritische Auseinandersetzung „mit dem wohlfeilen deutschen Pazifismus, der sich allen anderen moralisch überlegen fühlt, aber tatsächlich gerade moralisch sehr angreifbar ist. Die Kontroverse mit dem juste milieu der Linken im Journalismus hat für Wergin mit dem Thema Nahost begonnen, sich dann aber auf viele andere außen- und innenpolitische Bereiche ausgeweitet."

Vom Volontär zum Nahostexperten

Diese Debatten prägten Clemens Wergins akademischen und journalistischen Werdegang. Während des Studiums der Nahostgeschichte, der Islamwissenschaft und des Journalismus an der Universität Hamburg schrieb er bereits Buchrezensionen für Zeitungen. Auch während des Studiums reiste er mehrmals nach Israel, um sein Hebräisch zu verbessern. Journalistisch folgten ein Praktikum beim Tagesspiegel sowie später ein Volontariat bei der gleichen Berliner Tagesszeitung.

Als diese Ausbildung sich dem Ende zuneigte, machte Wergin gerade in der Meinungsredaktion Station. Dann kam der 11. September 2001 und die Nahostqualifikation des jungen Journalisten wurde benötigt, um die Anschläge in den USA einordnen zu können. Er blieb in der Redaktion, bis er 2007 Ressortleiter Ausland bei der „Welt“ wurde. Dort schreibt Clemens Wergin aber nicht nur für die gedruckte Ausgabe, sondern verfasst auch zahlreiche Beiträge für welt.de. Zudem bestückt er regelmäßig seinen außenpolitischen Blog "Flatworld".

Austeilen und einstecken

In seinen Artikeln kritisiert Clemens Wergin gerne und manchmal deutlich. Kritik an sich selbst versucht er sportlich zu nehmen und zu widerlegen. Wenn allerdings jemand Verschwörungstheorien und Antisemitismus aufbringt, lässt er sich nicht auf Diskussionen ein: „Ich lehne es ab, mit Irren zu streiten, von denen im Internet mehr unterwegs sind, als man denken würde.“

Als Journalist im außenpolitischen Ressort will Clemens Wergin dem Leser Deutung und Einordnung bieten, weil es gerade dort schwieriger ist, den Überblick zu bewahren. In neutralen Berichten habe die Meinung des Autors aber nichts zu suchen. Er würde sich wünschen, dass der Ton in Kommentaren weniger neunmalklug und dafür fairer wäre. Das gelte allgemein, aber insbesondere für Beiträge über Israel. Dazu lautet sein Rat: „Versucht zur Abwechslung mal, in die Schuhe der Israelis zu schlüpfen und die Welt aus ihrer Warte zu sehen.“ Die Maßstäbe des postheroischen und postmodernen Europa lassen sich laut Wergin nicht auf den Nahen Osten anwenden, der weitgehend nach klassischen Gesetzmäßigkeiten von Macht- und Realpolitik funktioniert.

Traumjob gefunden

Auch wenn in außenpolitisch turbulenten Zeiten von arabischer Rebellion und Euro-Krise manchmal wenig Zeit zum Nachdenken bleibt, glaubt Wergin, dass er seinen Traumjob gefunden hat. Dass er an einem großen globalen Gespräch teil hat und sich mit Dingen beschäftigt, die ihn wirklich interessieren – Clemens Wergin findet: „Was kann man sich mehr wünschen?“
Victoria Reith
besucht die Deutsche Journalistenschule in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolinternet-redaktion@goethe.de