Vom Computer auf die Leinwand

Das Internet ist vieles, auch eine Abspielplattform für die ersten Werke junger Filmemacher. Auf Netz-Festivals wie Bitfilm oder Webcuts können sie sich mit ihresgleichen messen – und ihre Produktionen sogar in richtigen Kinos zeigen.
Hamburg, Fleethof, Mai 2000. Ein typisches kleines Mietbüro. Steril, zweckmäßig, das Fenster zum überdachten Innenhof. An der Wand hängen alte Filmplakate. Ein knitteriges, schon leicht vergilbtes wirbt für die italienische Version eines Hitchcock-Thrillers von 1958: La donna che visse due volte. Darunter thront hochmoderne Computertechnik, ein Video-Schnittplatz mit allen Schikanen. „In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns“, sagt Peter Lorenz. Hier großes Kino, Gefühle, Emotionen. Dort Technik, Innovation, Zukunft. „Kein Widerspruch“, behauptet der damals 33-Jährige. Gemeinsam mit dem zwei Jahre älteren Aaron Koenig hat er kurz zuvor die Bitfilm AG gegründet, Deutschlands erstes Internet-Portal für den digitalen Film.
Aufbruch in die digitale Zukunft
Es ist die Zeit des Aufbruchs in die digitale Zukunft. Und Lorenz und Koenig wollen daran teilhaben. Sie wissen: Digitale Kameras werden besser und billiger, am Heimcomputer können Jungfilmer bereits schneiden, animieren und Spezialeffekte zaubern. „So entsteht eine spannende neue Filmszene – jenseits von Hollywood und Urlaubsfilm“, sagt Aaron Koenig, der kreative Kopf des Unternehmens. Seine Idee ist eine internetbasierte Abspielplattform für kreative Regietalente. „Wer Filme macht, will sie zeigen“, unterstreichen die beiden Gründer.
Youtube hat den Beweis für diese These längst erbracht. Hier finden sich Millionen von Filmen – gute und schlechte, spannende und langweilige, kurze und lange. Der künstlerische Anspruch hält sich in den meisten Fällen in Grenzen. Youtube ist der Supermarkt, Bitfilm oder das 2001 ins Leben gerufene Berliner Internetfilmfestival Webcuts bieten dagegen Delikatessen für cineastische Feinschmecker. Und sie gelten als Experimentierfeld für den Nachwuchs. „Mit wenig finanziellem Aufwand können Filme produziert und übers Netz einem großen Publikum präsentiert werden“, betont Webcuts-Programmchef Sven Assmann. Sein Team zeigt jedes Jahr Ende Mai auf der Internet-Konferenz Webinale eine Auswahl von Produktionen, die speziell für das Internet gefertigt oder hauptsächlich dort publiziert werden. Dazu gehören auch Filme, bei denen die Macher die Möglichkeiten des Netzes voll ausschöpfen und international zusammenarbeiten. „Dabei wird zum Beispiel in Berlin gedreht und in San Francisco geschnitten“, erklärt Sven Assmann.
Gefragt sind vor allem Kurzfilme
Und nicht immer handelt es sich um blutige Anfänger. Assmann kennt durchaus auch etablierte Filmemacher, die tagsüber bei einer der großen Produktionsgesellschaften tätig sind und abends ihre eigenen verrückten Ideen verwirklichen. Gelegentlich sogar mit Aussicht auf Ruhm und Ehre. So sicherte sich einer der Preisträger von Webcuts später eine Auszeichnung beim Festival in Cannes. Fest steht, dass im Web in erster Linie Kurzfilme gefragt sind: mutige, freche und möglichst unorthodoxe Kleinstproduktionen abseits aller Mainstream-Moden. Sie müssen schnell auf den Punkt kommen. Ideal sind Filmlängen von drei bis fünf Minuten. Benötigt jemand mehr Zeit, stellt er die Geduld seiner Zuschauer auf eine harte Bewährungsprobe.
Für die Verantwortlichen von Bitfilm und Webcuts war schnell klar, dass auch Netzfilme auf die Leinwand gehören. Die Hanseaten kooperierten anfangs mit dem örtlichen Kurzfilmfestival und später mit dem Filmfest Hamburg, stehen aber seit 2006 auf eigenen Füßen. Das Konzept sieht Vorführungen nicht nur in ihrer Heimat-, sondern auch in einer anderen Großstadt vor. Zuletzt gastierte man in Barcelona und Tel Aviv, in diesem Jahr geht es nach Bangalore. Alle Filme stehen ab dem 17. Oktober sechs Wochen lang im Internet zur Abstimmung. Die Siegerstreifen werden am 3. Dezember in der indischen High-Tech-Metropole gezeigt und mit den Bitfilm-Awards ausgezeichnet – mit Unterstützung von Indiens führendem Portal für Computergrafik und dem Goethe-Institut Bangalore.
Entwicklung noch lange nicht am Ende
„Digitaler Film wird in zehn Jahren die Normalität darstellen und das Web durch die Möglichkeiten der Interaktion etwas ganz Eigenständiges sein“, hatte Aaron Koenig am Tag nach der Gründungsparty der Bitfilm AG im Mai 2000 prophezeit. Die Verschmelzung von Globalität und Regionalität hatte er damals schon vor Augen: „Das weltweite Netz stärkt die Regionen.“ Und tatsächlich können sich Menschen in Ghana, Brasilien oder Vietnam heute Kurzfilme aus Finnland, Neuseeland oder Ägypten ansehen, die kein Fernsehsender jemals ausstrahlen würde.
Dass die Entwicklung bei den Internetfilmen noch lange nicht am Ende ist, unterstreicht die Berliner Projektmanagerin und Medienwissenschaftlerin Juliane Springsguth. Sie hat ihre Masterarbeit über Kurzfilmfestivals geschrieben und erwartet in den kommenden Jahren eine noch intensivere Verschmelzung von klassischen und web-basierten Filmfesten. Die Veranstalter der Wendland Shorts in Niedersachsen machen es vor: Sie stellen ihre besten Kurzfilme seit dem vergangenen Jahr auf der Website der Wochenzeitung Die Zeit zur Diskussion und Abstimmung.
Claus Spitzer-Ewersmann
ist Journalist, Buchautor und Medienberater in Oldenburg.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2011
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