„Das Romantische lebt weiter“. Rüdiger Safranski im Gespräch

Wie aktuell ist die Romantik? Mit Goethe.de sprach der Philosoph und Publizist Rüdiger Safranski darüber, warum die Online-Enzyklopädie Wikipedia romantisch ist – und Friedrich Schlegel dennoch nicht für sie geschrieben hätte.Herr Safranski, Sie unterscheiden zwischen der Romantik als Epoche und dem Romantischen als Geisteshaltung. Was macht das Romantische aus?
Das Romantische ist im Kern eine Lust an der schöpferischen Kraft der Fantasie. Und ein Übersteigen der Wirklichkeit in Richtung auf das Fantastische.
Die ausgeschlachtete Romantik
In Ihrem Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“ zeigen Sie, wie die Romantik bis zur Studentenbewegung von 1968 fortwirkt. Wo sehen Sie heute Einflüsse des Romantischen?
Die Einflüsse des Romantischen erfolgen nicht so, wie es Literaturwissenschaftler wollen. Nicht die umgrenzte Epoche der romantischen Literatur wird in irgendeiner Weise nachgeahmt, sondern das Romantische lebt weiter: und zwar vor allem in der Trivialliteratur und in den Trivialgeschichten von Film und Fernsehen. Dort werden alte romantische Themen weidlich ausgeschlachtet. Nehmen Sie zum Beispiel den Film Avatar: Was ist denn das anderes, als eine romantische Zukunftsfantasie?
Sich mit Flachheiten zufrieden geben?
Steckt dahinter wirklich ein „Romantisieren“ wie es Novalis formulierte, der „dem Gemeinen einen hohen Sinn“ geben wollte? Oder doch eher eine Flucht in fantastische Scheinwelten?
Auch in der Massenkultur geht es letztendlich um eine spielerische Teilnahme an etwas, das mehr ist, als der Alltag bietet. Das würde ich gar nicht denunzieren als Flucht. Das ist eine Frage des Geschmacks, mit wie vielen Flachheiten man sich da zufrieden gibt.
Aber auch in der anspruchsvollen Literatur finden wir das Romantische: Ich würde sagen, wenn etwas wirklich Poesie hat, dann ist es mehr als bloßer Realismus oder Naturalismus, dann partizipiert es dadurch am Romantischen.
Zu eitel und sinnlich für Wikipedia
Friedrich Schlegel forderte das „Symphilosophieren“ und die „Sympoesie“, also „gemeinschaftliche Werke“ von „sich gegenseitig ergänzenden Naturen“. Würde Schlegel heute an der Online-Enzyklopädie Wikipedia mitschreiben?
Er würde wahrscheinlich selbst nicht mitschreiben, weil er sehr eitel war. Aber Wikipedia trifft durchaus einen Aspekt des „Symphilosophierens“ und der „Sympoesie“, denn dabei war die vernetzte Gemeinsamkeit mitgedacht.
Doch damals genoss Friedrich Schlegel auch personale Beziehungen, da gab es fast homoerotische Töne. Es war die Lust, mit dem anderen, den man sieht und anfassen kann, zusammen etwas zur Welt zu bringen. Das ist dann doch in der Anonymisierung des Netzes nicht so richtig möglich.
„Die Subjekte waren damals reicher“
Zur Aufbruchstimmung der Frühromantiker gehörte ja auch eine wahre Ich-Euphorie, der Glaube an die Allmacht des Ich. Wie ich-besoffen sind wir heute?
Wir sind mit unserer Art von Individualismus schon Erben der romantischen Entdeckung von Subjektivität – ob wir es wollen oder nicht. Aber dennoch blicke ich mit einem fast elegischen Gefühl auf die Romantik um 1800 zurück. Weil damals die Subjekte einfach reicher waren, als sie mir heute vorkommen, einschließlich meiner selbst. Wir haben zwar einen Zustand der hochgradigen Individualisierungen, aber das Individuum ist langweiliger geworden.
Welch ernüchternde Bilanz!
Ja, vielleicht steckt gar nicht so viel drin.
Also ich-besoffen aber nicht so hochprozentig wie damals?
Eher: Vor allem mit Fusel und nicht mit richtig guten Sachen.
Darf Politik poetisch sein?
Sie sagen, fatal wird es, wenn das Romantische ins Politische spielt. Warum?
Wenn die romantische Ironie wegfällt, wenn das Bewusstsein des Spielcharakters wegfällt und man versucht, Romantik eins zu eins in politische Wirklichkeit umzusetzen, dann wird es wirklich fatal.
Denn die politische Welt, um es vereinfacht zu sagen, ist darauf angewiesen, dass das Realitätsprinzip gilt. Das Romantische hingegen setzt auf das Prinzip der Fantasie. Da kann es zu Kollisionen kommen, wenn man sich den poetischen Charakter seiner Visionen nicht klarmacht. Im schlimmsten Fall läuft das auf eine ideologische Vergewaltigung der Wirklichkeit hinaus.
Das geht vom Traum eines Kommunismus bis zu den Fantasien der Nazis. Die Gefahr des Politisch-Romantischen geht über in die Gefahr des Ideologischen überhaupt.
Literatur als Liebesabenteuer
Der doppelsinnige Untertitel Ihres Buches lautet „Eine deutsche Affäre“. Ist die literarische Romantik für die Deutschen eher ein wildes Liebesabenteuer oder doch eher ein skandalöser Vorfall?
Das muss jeder für sich selber beantworten. Für mich ist es eher ein wildes Liebesabenteuer. Ich bin auch der Meinung, dass man nicht wegen der romantischen Affäre im schlechten, also politischen, Sinne die kreativen Kräfte des Romantischen preisgeben sollte.
Und was ist das spezifisch Deutsche an dieser Affäre?
Es ist so, dass die deutsche Kultur insgesamt ein besonderes Verhältnis, eine Affäre mit dem Romantischen gehabt hat. Das leugnet nicht, dass im übrigen Europa das Romantische auch wichtig war, aber in Deutschland hat es doch eine besondere Prägung gehabt.
Das merke ich auch immer im Ausland, dass das Romantische als das Besondere an der deutschen Kultur gesehen wird. Und zwar in einem sehr weiten Sinne: Da passen sowohl Nietzsche und Wagner als auch Goethe hinein.
„Romantik vom Feinsten“
Welches ist Ihr liebstes Werk der Romantik?
Das fällt mir schwer, denn ich liebe da eine ganze Menge. Aber spontan würde ich sagen, E.T.A. Hoffmanns Prinzessin Brambilla oder Der goldene Topf. Das ist Romantik vom Feinsten. Übrigens deswegen, weil es Werke sind, die über romantische Ironie verfügen. Da, wo Romantik nach oben losgeht und zugleich die Bodenhaftung hat, ist sie am schönsten!
Rüdiger Safranski: E.T.A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten. München: Hanser-Verlag 1984. 544 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 978-3-446-13822-3
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de









