Tanz

Tanzdramaturgie – eine kritische und diskursive Praxis

„Planning for panoramix in my notebook“ (2003); aus „La Ribot“, Centre national de la danse/2004; © Centre national de la danseIm Visier der Reflexion. Der Begriff Tanzdramaturgie scheint hilfreich zu sein, um eine neue, multidisziplinäre und komplexe Praxis im zeitgenössischen Tanz zu bezeichnen.

Dramaturgie hat Konjunktur im zeitgenössischen Tanz. Symposien, Akademien, Vortragsreihen und Workshops setzen sich mit aktuellen Entwicklungen in der zeitgenössischen Tanzdramaturgie auseinander. Tanzwissenschaftliche Seminare versuchen das Feld zu klären. Es scheint, als hätte eine 200 Jahre alte Bezeichnung eine Art Neuformulierung nötig. Erstaunlich ist, dass Dramaturgie im zeitgenössischen Tanz in künstlerischen Produktionen und Praktiken Einzug hält, die mit dem Drama an sich nichts zu tun haben. Das berechtigt zur Frage, warum eine Bezeichnung fortlebt, die ihren Gegenstand längst abgelegt hat.

Rekonstruktion: Der Tanz und sein Bezug zum Drama

Dance Collection, The New York Publik Library at Lincoln Center; aus „Dance as a Theatre Art“, Second Edition (1992); © Second EditionDie Tanzdramaturgie bezieht sich wie die Schauspieldramaturgie auf das Dramatische, das im Wesentlichen zum Inhalt hat, wie Menschen in verschiedenen Situationen handeln. Als Lehre von Wesen, Wirkung und Formgesetz des Dramas war die Dramaturgie ursprünglich Teilgebiet der Poetik (Aristoteles). Im Lauf der Zeit erwies sich ihr eigentliches Gebiet im Spannungsfeld von Darstellung und Drama. Darin spielte die Interpretation als Strategie der Vergegenwärtigung dramatischer Strukturen eine zentrale Rolle. Die im dramatischen Text, im Libretto und in der Musikpartitur geronnene Handlung wurde vom Darsteller in präsentes Handeln auf der Bühne übersetzt.

In den Tanz hielt die Dramaturgie mit dem Beginn des Handlungsballetts Einzug. Es entwickelte sich aus den Formen des Hoftanzes, weil geometrische Abbildungen der Himmelsordnung oder der Machtverhältnisse des Staates und seines Souveräns inhaltlich an Bedeutung verloren. Jean-Georges Noverre formulierte erste tanzdramaturgische Fragestellungen in Lettres sur la Danse (1760). Er setzte sich für die Darstellung von Handlungen ein und dafür, dass im Ballett ein dramatisches Geschehen vorgestellt wurde, ohne in belanglosen Szenennummern zu verflachen. Mit weiteren Schriften zur Theorie und Praxis der Tanzkunst sowie mit zahlreichen ausführlichen Szenarien zu seinen Balletten verfasste Noverre ein erstes tanzdramaturgisches Grundlagenwerk, das zentrale Fragen nach der Art der Darstellung, nach Charakter und Rolle, Repräsentation und Verkörperung, Tanztechnik und Ausdruck zu klären suchte.

Die Hinwendung zur Dramatik brachte dem Tanz die Anerkennung als eigenständige Kunstform. Das Handlungsballett, das in Balletten, wie zum Beispiel La Fille mal gardée (1789), oder im umfassenden Repertoire der Romantischen Ballette, wie beispielsweise Giselle (1841) oder Schwanensee (1877), zur Hochform aufblühte, blieb über ein Jahrhundert Bezugspunkt für Reformen und Revolutionen im Tanz.

Darstellungskrisen und gesellschaftliche Umbrüche – neue Herausforderungen an die Dramaturgie

Tanzfoto von Valeska Gert aus den 1920er-Jahren in einem Abzug aus den 1960er-Jahren, Sammlung Wolfgang Müller; © Wolfgang MüllerAusdruckstanz, Modern Dance und Ballettreformen versuchten sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von der Dominanz der dramatischen Handlung zu lösen, indem sie die Tanzbewegung als unabhängige und eigenständige Sprache etablierten. Zahlreiche Schriften der Protagonisten des Ausdruckstanzes, etwa von Rudoph von Laban, Mary Wigman, Valeska Gert, oder auch des amerikanischen Modern Dance, wie von Doris Humphrey oder Martha Graham, José Limon oder Merce Cunningham, zeugen davon. Vergleichbar dem Schauspiel, dem Musik- und Filmtheater entstanden auch im Tanz neue Formen der Darbietung und damit neue Formen der Dramaturgie, die sich aber keineswegs von dramatischen Gesetzmäßigkeiten abkehrten. So zeigten sich im Tanztheater und im amerikanischen Postmodern Dance in den 1970er-Jahren Einflüsse der Dramaturgie des Filmes (Montage) oder des epischen Theaters (Verfremdung). Der Gestus des Zeigens und die Verweise auf gesellschaftliche Ordnungssysteme gewannen für diese Tanzformate an inhaltlicher Bedeutung.

Ausgebotet? Prozess und Performance – eine neue Situation für das Dramaturgische Denken

„Antigone #3“, Ein Stück von Wanda Golonka; Foto: Yvonne KranzIn Folge von Strukturalismus und Poststrukturalismus wurde die ganze Welt zum Zeichen und Dramaturgie damit zur Arbeit des Zeichens und seiner Bedeutungskonstitutionen. Wenn alles jedoch zum Zeichen werden kann und die Zeichen auf keine Referenz mehr über sich selbst hinaus weisen, wird die Welt unbeschreibbar und das eigene Handeln wird unkommunizierbar. An die Stelle der Narration tritt die Simulation. Das ist eine neue Situation für das Dramatische. Wie bauen sich Stücke und Theater auf, wenn sie sich nicht mehr der Darstellung von Handlung verschreiben?

Die darstellende Kunst wird zur Performance. Im Zentrum steht der Akt der Darstellung selbst, in dem alles zum gleichwertigen Material wird: Text, Musik, Tänzer, Schauspieler, Körper, Raum, Zeit, Licht et cetera. Der Zuschauer befindet sich ebenfalls in einer neuen Position wird zum Zeugen eines Bühnenereignisses. Wahrnehmungsprozesse und qualitative Mittel der theatralen Wirkung geraten ins Zentrum des dramaturgischen Denkens. Kritik erfolgt am „Als ob“ und an der Darstellungsmöglichkeit von Handlungen und Handlungszusammenhängen. Die performative Wende machte sich in künstlerischen Produktionen bemerkbar, die als unhierarchischer fortwährender Prozess verstanden werden wollten. Mit diesen prozessorientierten Arbeitsmethoden ist die Dramaturgie selbst in Bewegung geraten.

Neuen Inhalten verpflichtet: objektive Funktion und individuelle Praxis

Die zeitgenössische Tanzdramaturgie erweist sich als ein komplexes Handlungsfeld. Dramaturgie im zeitgenössischen Tanz wandelte sich zur kritischen und diskursiven Praxis. Sie beschäftigt sich mit der Vorherrschaft des Sichtbaren und Unsichtbaren, mit Bedeutungen und Transformationen, mit innerer Organisation und Kontrolle, mit Auslassungspunkten und Traditionen. Sie achtet auf Kommunikation und Ethik der Arbeitsinteressen im Prozess ebenso wie auf institutionelle Angelegenheiten und den Blick der Betrachter. Tanzdramaturgisches Denken ist funktional und nicht an bestimmte Personen gebunden. Zeitgenössische Dramaturgiearbeit jedoch verlangt nach einer Haltung, die mit dem künstlerischen Arbeitsprozess korrespondiert und jeweils eigene und subjektive Methoden der Dramaturgie entwickelt.

Susanne Traub
ist Dramaturgin, Kuratorin und Autorin. Sie war als Dramaturgin von 2001 bis 2009 fest am schauspielfrankfurt engagiert und arbeitet frei als Kuratorin für interdisziplinäre Projekte, Ausstellungen, Festivals und Tanz- und Theaterproduktionen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Tanz in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen