Der Bahnhof, die Bürger und der Protest – das Theater auf der Straße

In Stuttgart gehen die Bürger auf die Straße. Sie protestieren gegen den Bau eines neuen Bahnhofs, gegen den Abriss des alten. Sie protestieren gegen Gigantomanie und bürgerferne Politik. Regisseur Volker Lösch hat den Konflikt vorhergesehen, aufs Theater gebracht und mischt sich tatkräftig ein.
Das gab es noch nie. Die Kontrahenten eines Großprojekts legen ihre Argumente, Absichten offen. Ein 80-jähriger Politiker, bekannt für seine bissige Zunge, inzwischen altersmilde, altersweise, spielt den Schlichter: CDU-Politiker Heiner Geißler. Übertragen auf dem Fernsehkanal Phoenix in voller Länge, achtmal stundenlange Streitereien und Vorwürfe – ein unentwirrbares Knäuel aus Fakten, Zahlen, Bestimmungen, Schätzungen, Fehlern, Nachlässigkeiten. Polittheater? Bürgertheater? Auf jeden Fall kein Medienzirkus. Die Deutsche Bahn, die Baden-Württembergische Landesregierung und die Stadt Stuttgart sind für Stuttgart 21. Das Bündnis 90/Die Grünen und die verbündeten Bürgerinitiativen wie „Leben in Stuttgart“ „Kopfbahnhof 21“ und „Parkschützer“ sind dagegen. Das Projekt Stuttgart 21 besteht seit 1994.
Geplant: Ein neuer, unterirdischer Durchgangsbahnhof, neue, schnellere Strecken nach Ulm und zum Flughafen. Wo heute die Gleise des Kopfbahnhofs verlaufen, soll ein Stadtteil entstehen. Die Kosten stiegen bis jetzt auf circa 10 Milliarden Euro.
Gehn tun sie beide nicht
Einen Mittelweg gibt es nicht: Entweder den Bahnhof unter die Erde verlegen oder nicht. Entweder den Untergrund Stuttgarts mit seiner schwierigen Bodenbeschaffenheit und den kostbaren Mineralquellen aufwühlen, eine sündhaft teure Tunnel-Schnellstrecke nach Ulm durch die schwäbische Alp bohren oder nicht. Man könnte auch sagen: Fortschritt oder nicht. Man könnte auch sagen: Fortschritt ja, aber nicht um jeden Preis. Und so fordern die Tiefbahnhofgegner eine Alternative: Den Kopfbahnhof verbessern, oben bleiben, K21 statt S21.
„Stuttgart 21 Plus“ will Heiner Geißler: Stuttgart 21 muss verbessert und einem Stresstest unterzogen werden. Die Gleisgrundstücke werden der Spekulation entzogen, die Bürger sollen mitreden bei der Bebauung. Die Gegner machen unbeirrt weiter, jetzt mit „Widerstand Plus“. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg Ende März 2011 wird erweisen, welchen Politikern, welcher Partei man zutraut, mit dieser Lage verantwortungsvoll umzugehen.
Was hat das alles mit Theater zu tun? Viel. Die Bürgerproteste haben Politiker und Bahn bewogen, einer Schlichtung zuzustimmen. Und Künstler haben die Bürgerproteste gegründet, vorangetrieben, inspiriert. Maler Gangolf Stocker koordiniert mit seinem Aktionsbündnis „Leben in Stuttgart“ Demonstrationen und Kommunikation mit Polizei und Behörden. Schauspieler Walter Sittler ist prominenter Wortführer des Protests. Regisseur Volker Lösch ebenso, er hat bereits 2006 alle Probleme auf die Bühne gebracht, in seiner ahnungsvollen Inszenierung Faust 21 am Schauspielhaus Stuttgart. Der Stuttgarter Bürgerchor rastete aus vor Gier und Geifer, schwelgte in Größenfantasien, tanzte und redete sich high für Stuttgart 21 mit Projekt-Zitaten, mit eigenen und Goethes Versen, persiflierte Fausts Suche nach Allmacht und Unsterblichkeit. Faust 21 endet nicht mit göttlicher Erlösung, sondern mit Kapitalismus als Religion: Die moderne Wirtschaft als Fortsetzung der Schöpfung.
Vom Theater auf die Straße
Ebenso hat Lösch Stuttgarter Protestformen vorweg im Theater gezeigt, in der Produktion Manifeste des Widerstands 2007. Lösch und Dramaturgin Beate Seidel suchten und fanden kreative Spielarten des Widerstands. An die 80 Choristen, Kinder und Schauspieler zeigten, wie viel Spaß fantasievoller Protest macht. Drei Jahre später wurde es real. Volker Lösch rief auf zum Bürgerchor. Es kamen an die Hundert zu den Proben, Geübte, Ungeübte. Es wartete harte Arbeit: Einteilung der Zäsuren. Üben von Betonung, Rhythmus, Tempo, Lautstärke. Der Text: eine Collage aus Peter Weiss Marat/Sade und Bürgerparolen gegen Stuttgart 21. Der erste Auftritt war ein Erfolg: auf der Montagsdemo im August 2010, vor dem von Abriss bedrohten Nordflügel des Hauptbahnhofes: „Mitbürger! wer kämpft / kann verlieren / Wer nicht kämpft / hat schon / verloren.“ Wie befreiend ein Sprechchor sein kann! Das erlebten Hunderttausende im Sommer und Herbst 2010 auf Stuttgarts Straßen. Rhythmus, Gleichklang: „Oben bleiben!“
Und es ging weiter. Im September 2010 wagte sich ein kleines Häufchen ohne Lösch tapfer auf die Zuschauertribüne der Stadtratsitzung im Stuttgarter Rathaus: „Wir fordern / einen sofortigen Baustopp!“ Im Oktober formierte sich ein weit größeres Grüppchen, diesmal dirigiert von Lösch, am Potsdamer Platz in Berlin und brüllte an gegen glatte Hochhausfassaden: „Herzliche Grüße aus Stuttgart! Der Stadt des Widerstands! Phantasie Hochburg! Politisches / Erdbebenzentrum! Stuttgart/ Das größte Open Air Theater Deutschlands!“ Eins ist sonnenklar: Im Moment des Auftritts bleibt von Chorkunst meist wenig übrig. Doch ein Chor bleibt ein Chor und wirkt immer.
Es gibt einen Kinofilm über die Proteste – Oba blaiba! Es gibt eine DVD – Stuttgart steht auf. Es gibt Bücher, Karikaturen, Bilder, Plakate, Collagen. Es gibt den Anti-S21-Beat und eine Neudichtung zu Beethovens Freude schöner Götterfunken. Es gibt Buttons, T-Shirts, Schals, Schirme, Stoffbeutel, Fahnen, alles im inzwischen weltbekannten Stuttgarter Protestgrün. Es ist etwas aufgebrochen, mit Macht: Die Lust, sich auszudrücken, die Lust sich einzumischen, die Lust am Widerstand. Jeden Abend um 19 Uhr ertönt der Schwabenstreich: Eine Minute Krach auf Straßen und Plätzen, mit allem, was laut ist, es kann auch die eigene Stimme sein. Erfunden von Volker Lösch und Walter Sittler. Stuttgarter Straßentheater. Auftritt: Die Bürger. Es wird weitergehen.
ist freie Filmautorin unter anderen für die Sender SWR, NDR und BR sowie freie Theaterkritikerin für „Theater heute“ und „Der Tagespiegel“. Sie war von 1999 bis 2001 Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens, sowohl 2001 wie 2002 in der Jury Bundeswettbewerb deutschsprachiger Schauspielstudenten und ist seit 2011 erneut in der Jury des Berliner Theatertreffens.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de









