DaF-Unterricht in Ägypten – Notizen einer Lehrerin

Ägypten ist ein Land, in dem krasse Gegensätze aufeinanderprallen. So wie das Land im Allgemeinen, ist Kairo ein Ort der Parallelwelten. Das Pendeln zwischen zwei Arbeitsplätzen kann so zu einer symbolischen Reise zwischen zwei Planeten werden. Wer sich wie ich als DaF-Lehrerin in Kairo niederlassen möchte, hat sich damit im Grunde nur für ein Sonnensystem entschieden, die Wahl des Planeten steht da noch aus. Und wie auch immer diese ausfallen mag – extraterrestrisch fühlt man sich hier nicht nur in der Satellitenstadt.
Um nun einen kleinen Einblick in die Vielfalt der Arbeitswelten in Kairo zu geben, will ich einen Vergleich zweier sehr unterschiedlicher „DaF-Planeten“ wagen, nämlich einer öffentlichen und einer privaten Universität, die ich durch meine Tätigkeit als DaF-Lehrerin näher kennenlernen durfte: die Ain Shams University und die German University in Cairo (GUC).
Finanzen: das leidige Thema
Vorweg ein ernüchternder Einblick in die Tiefen der Brieftasche einer ägyptischen DaF-Lehrerin: Reichtum winkt weder auf der öffentlichen noch auf der privaten Uni. Angestellte wie Honorarkräfte werden unabhängig von ihrer Nationalität nach ägyptischen Maßstäben bezahlt: Ein Monatsgehalt bewegt sich zwischen 150 und 450 Euro. Zum Vergleich: Die Miete für ein akzeptables WG-Zimmer in zentraler Lage beträgt aktuell über 200 Euro. Um dauerhaft schwarze Zahlen zu schreiben, empfiehlt es sich daher, Nebenverdienstquellen zu erschließen oder um ein akademisches Mobilitätsstipendium anzusuchen.
Studierendenzahlen: ein Märchen aus 1001 Nacht
25 Lernende pro Klasse – kurz gesagt: Die GUC könnte in Berlin liegen. Gruppenarbeit, Lernerzentriertheit, offener Unterricht – alles kein Problem. Ganz anders sieht die Situation auf der Ain Shams aus. Auf, neben und vor den Holzbänken im Hörsaal drängen sich und schnattern über 100 aufgescheuchte Studierende, die nur mithilfe eines Mikrofons in Schach gehalten werden können. Von der Lehrkraft wird da immer wieder ein autoritäres Auftreten gefordert, das nach europäischen Maßstäben als verpönt gelten würde.Lernende: laut, lustig oder gelangweilt?
Sowohl die GUC als auch die Ain Shams sind von einem bunten Gemisch aus jungen Frauen und Männern im Alter von 17 bis Anfang 20 bevölkert, deren Verhalten eher dem von Teenagern als dem von jungen Erwachsenen entspricht. Die Atmosphäre auf der Ain Shams reicht von fröhlichem bis zu nervenaufreibendem Chaos, ist aber auch von großer menschlicher Wärme geprägt. Die Studierenden stammen aus der Mittelschicht. Nicht alle, aber viele sind motiviert und spielfreudig. Es hagelt Fanpost und Geschenke – von Plüschtieren bis zu selbstgebackenen Keksen.
Trotz erfreulicher Ausnahmen ist das Klima auf der GUC hingegen eher kühl. Oft weht der Lehrkraft beim Betreten der Klasse eine Brise gelangweilter Überheblichkeit entgegen. Wer hier studiert, muss zahlungskräftig sein. Deutsch ist ein Pflichtfach am Rande des Curriculums, für das sich die Lernmotivation in Grenzen hält.
Lehrkraft: DaF-Studium abgeschlossen – schön, aber …
An muttersprachlichen Fachkräften besteht überall Bedarf. Eine abgeschlossene DaF-Ausbildung ist erwünscht und auf der GUC in hohem Maße dienlich. Auf der Ain Shams punktet die Lehrkraft bei der Verwaltung mit einem Magistertitel und im Klassenzimmer mit starken Nerven. Ein Großteil des modernen Methodenkanons ist in einer Gruppe mit 100 Lernenden nicht oder nur auf sehr kreative Weise umsetzbar.Infrastruktur: Hightech bis zum nächsten Stromausfall
Zur Verfügung stehen ein Hörsaalmikrofon, eine Tafel und eine Steckdose. Am besten reist man also mit einem Handkoffer gefüllt mit Tafelstiften, CD-Player, Boxen, Verlängerungskabel, Batterien, Plakaten und Kopien an. Ganz im Gegensatz dazu präsentiert sich die GUC als Hightechtempel. Den Zutritt zum Campus garantiert eine Chipkarte, kommuniziert wird via E-Mail, kopiert wird im hauseigenen Copycenter. Im Unterricht verwendet man PC, Beamer, Overheadprojektor und Stereoanlage – zumindest bis zum nächsten Stromausfall.Wer weiß, was morgen bringt? – Ein Plädoyer für Kairo
So unterschiedlich die beiden „DaF-Planeten“ scheinen, so viel haben sie auch gemein. Nicht zuletzt am Beispiel der Infrastruktur wird deutlich, dass keine Institution in Kairo, und sei sie noch so modern ausgestattet und durchstrukturiert, vor den täglichen Überraschungen des ägyptischen Alltags gefeit ist: Wenn der Strom ausfällt, geht überall das Licht aus.
Zusammenfassend würde ich meinen, dass meine Tätigkeit in Kairo gerade durch die Ungewissheit – beziehungsweise die Gewissheit, dass jeder (Arbeits-)Tag seine schönen und weniger schönen Überraschungen mit sich bringt – zu einer großen Bereicherung wird. Als ich gestern 120 Studierende ohne Mikrofon übertönen musste, konnte ich nach sechs Stunden nur noch krächzen. Heute früh lag auf meinem Bürotisch die Notiz „Gute besserung frau EvA. ich Mag dich. Nour“ – wer weiß, was morgen bringt?
lebt in Kairo und arbeitet als DaF-Lehrerin, freie Übersetzerin und freie Radiojournalistin für Radio Orange 94.0 in Wien. Außerdem schreibt sie für das Online-Magazin Ether.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de








