Arundhati Nag

Nur sehr wenige Institutionen zeichnen sich dadurch aus, gemeinsam mit der Kultur, dem Wachstum und dem Ethos der Stadt zu gehen, in der sie angesiedelt sind. Ohne jeden Zweifel kann ich stolz behaupten, dass das Goethe-Institut/ Max Mueller Bhavan die Reise, die die ehemals kleine und verschlafenen Stadt Bangalore in den letzen 50 Jahren durchmachte, begleitet hat.

Ich kam im Jahr 1979 nach Bangalore. Damals lag das Institut in einem wunderschönen alten Bungalow in der Museum Road. Wir bereiteten damals ein Stück auf Kannada [Landesprache des Bundesstaats Karnataka] vor, das auf dem beliebten englischen Musical “Fantastics” basiert und benötigten dafür einen Flügel. Das Stück hieß “Ata Bombat” und unser Regisseur Shankar Nag wollte sich mit nicht weniger als einem Flügel zufrieden geben, der von einem indischen Harmonium und einer Tabla begleitet wird. Nachdem wir sämtliche Freunde abgeklappert hatten, stellten wir fest, dass ein Flügel nicht unbedingt etwas ist, das man für eine Theateraufführung ausleiht. Weder aus reiner Nächstenliebe, noch für Geld.

Dann hörten wir, dass das Max Mueller Bhavan einen Flügel besäße. Das waren gute Nachrichten! Shankar und ich gingen zum damaligen Institutsleiter und trugen ihm unser Anliegen vor… „Herr Direktor, im Kannada-Theater, das eine lange Tradition in der Nutzung eigener Volksmusik und anderer Musiktraditionen aufweist, wurde noch nie zuvor ein Flügel live auf der Bühne benutzt. Wenn Sie uns ihren Flügel ausleihen würden, könnte das Publikum des Kannada-Theaters, das vielleicht noch nie dieses wunderbare Instrument gehört hat ,die Möglichkeit bekommen, es zu erleben. Wir haben eine sehr gute Klavierspielerin, Anita Rodrigues, gefunden, die einen Abschluss der London School of Music hat und auf den Flügel wie auf ihr eigenes Baby aufpassen würde. Sie würde einige sehr klassische Klavierstücke für das ungeschulte Publikum spielen“. Das war’s! Wir erhielten die Erlaubnis und konnten mit den Proben beginnen…

Ein Flügel ist ein Monster! Er ist schwer. Er ist empfindlich. Bewege es einen Fußbreit und es ist verstimmt. Am Morgen des Probenbeginns holten vier erfahrene Träger den Flügel um sechs Uhr morgens ab und verluden ihn auf den mit Matratzen ausgelegten Lastwagen. Während des gesamten Wegs zum Theater hielten sie den Flügel sicher fest und das obwohl Bangalore damals noch schmalere, aber bessere Straßen hatte!… Zuvor nahm, der aus Chennai georderte Klavierstimmer, die Tastatur ab und baute einige wichtig Teile aus dem inneren des Flügels aus. Er meinte im Theater würde es dann fünf Stunden brauchen, um den Flügel zu stimmen. Falls der Marmor im Flügel zu kalt sei bräuchte er Heizlüfter etc. etc. Möchten Sie einen Flügel haben? Dann müssen Sie da durch.

So wurde also der Flügel zum Superstar unserer Gruppe. Einmal auf der Bühne, mit einem eigenen Spotlight, frisch gestimmt, dazu überredet, die richtige Temperatur anzunehmen, spielten wir Normalsterblichen mit den Sprechrollen nur noch die zweite Geige! „Ja! Das Klavier ist so weit“, verkündete der aus Chennai angereiste Techniker. Anita begann mit ihren Fingern über die Tasten zu gleiten. Wir wurden alle in die magische Welt von Beethoven, Bach und Wagner versetzt und vergaßen ganz, dass wir unsere eigenen kleinen Lieder zu proben hatten. Unser Regisseur, der gleichermaßen von dem Klang des Flügels bezaubert war, musste die Rolle des Chefs übernehmen und rief uns zu „OK Leute! An die Arbeit!“ Nach einem vollen Probentag bekamen wir Schauspieler es hin, unsere Lieder auf den Flügel, diese neue große Entität, abzustimmen. Die Aufführung war einer der Meilensteine im Kannada-Theater! Niemand von uns kann sich die Aufführung ohne den Flügel vorstellen. Heute, dreißig Jahre später, kann ein ähnlicher Klang (nicht der gleiche), mit einem Synthesizer simuliert werden. Was dieser Flügel mit einer kleinen Amateur Theatergruppe und dem Kannada-Theater in Bangalore gemacht hat ist kaum zu glauben und nicht aufzuwiegen!

Inzwischen war das Institut von dem großen alten Bungalow an der Museum Road, im Herzen der Stadt, in ein anderes Gebäude in der ebenfalls recht zentral gelegenen Lavelle Road umgezogen. Heute ist es, sehr komfortabel, in einem schönen, gut ausgestatteten, modernen Gebäude in Indiranagar untergebracht, einem sehr gut entwickelten Vorort. Sie haben sich gegenüber den Kritikern bewiesen, die sich lustig machten, als der Umzug in einen Vorort bekannt gegeben wurde “Wer wird sich schon auf den ganzen Weg bis nach Indiranagar machen?“. Nun, wenn man wirklich mit dem Pulsschlag der Stadt verbunden ist, wenn das was man teilt und vermittelt auf beständig hohem Niveau ist, finden die Menschen den Weg zu Dir.

Das Institut hat immer auf das Wachstum und die Veränderungen in der Stadt reagiert… Sei es eine neue Einstellung oder ein Paradigmenwechsel…Wasser, Architektur, die Stadtgeschichte, neu entwickelte „Geschichte“ der Stadt und geteilte Erfahrungen…Besonders im Bereich der Kunst. Ich meine mit Kunst, Kunst in ihrem breiteren Kontext als Ganzes, die jede menschliche kreative Ausdrucksform umfasst…Visuelle Kunst, Skulptur, Performance und Literatur…eine Kultur die sich im Essen und in der Sprache zeigt…eine Art des Daseins.

Was als eine wunderbare Geste in unser Leben trat, wurde eine Beziehung, die beständig von beiden Seiten genährt wird. Diese nun seit 30 Jahren bestehende Beziehung ist zu einer starken Verbindung zwischen zwei Institutionen geworden und, was noch wichtiger ist, zu einer starken Verbindung zwischen zwei Ländern. Die Verbindung zwischen dem Goethe-Institut/Max Mueller Bhavan Bangalore und einer Gruppe von Theaterbegeisterten, die einen Flügel für ihre Aufführung brauchten, hat zur Gründung des Ranga Shankara geführt. Die gefestigte und einzige Institution ihrer Art in Bangalore, die sich der Förderung des Theaters verschrieben hat.

Arundhati Nag ist Direktorin des Ranga Shankara Theaters in Bangalore (www.rangashankara.org)

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