„Broker von Informationsdienstleistungen“ – Berufsbild Bibliothekar

Bibliothekare haben immer seltener mit gedruckten Büchern zu tun: Heute sind sie vor allem als Spezialisten für das Ordnen und Beschaffen von Informationen gefragt. Der professionelle Umgang mit elektronischen Datenbanken und Medien gehört inzwischen zu den wichtigsten Ausbildungsinhalten für angehende Bibliothekare. Als Informationsmanager finden sie auch in der Verwaltung und Privatwirtschaft neue Berufsperspektiven.So ergab eine 2008 durchgeführte Befragung von 107 Absolventen des Hamburger Studiengangs „Bibliotheks- und Informationsmanagement“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), dass die Mehrzahl nicht in Bibliotheken angestellt war, sondern bei IT-Firmen, in Medienagenturen, bei Pressestellen, Marketingabteilungen oder im Informationsservice von Unternehmen. Fast ein Viertel der Befragten fand die erste Anstellung bereits während des Studiums durch einen Nebenjob oder ein Praktikum.
Ähnlich problemlos verlief der Berufsstart für 90 Prozent der Absolventen des Studiengangs „Bibliothekswesen“ an der Fachhochschule Köln. Hier gab über ein Drittel der Befragten an, dass bereits die ersten fünf Bewerbungen auf eine Stelle zum Erfolg führten. Ein halbes Jahr nach der Beendigung des Studiums hatten bereits drei Viertel der Diplom-Absolventen einen festen Job.
Zehn Millionen Kunden
Für eine stabile Nachfrage sorgt auch das engmaschige Bibliotheksnetz in Deutschland: Die jüngste Statistik für 2009 erfasste 8.404 öffentliche und 246 wissenschaftliche Bibliotheken mit insgesamt 10.855 Haupt- und Zweigstellen. Für die Betreuung von 10 Millionen aktiven Bibliotheksbenutzern standen 23.230 Planstellen zur Verfügung. Nicht in dieser Statistik enthalten sind Bibliotheken und Archive von Unternehmen, die professionell gepflegt werden.
Heute gibt es kaum einen Bereich der Gesellschaft, in dem die Fachkompetenz von Bibliothekaren nicht gebraucht wird: Sie arbeiten in Rundfunk- und Verlagsarchiven, in Gerichten und Museen, in Kliniken und Behörden. Vielfach haben sie gar nicht mehr mit Büchern zu tun. In Medienagenturen sitzen sie wie Börsenmakler den ganzen Tag vor Bildschirmen. Die Bayerische Bibliotheksschule bezeichnet dieses Berufsbild als „Broker von Informationsdienstleistungen“.
Bachelor und Master statt Diplom
Noch werden an dem Münchner Institut „Bibliotheksassistenten“ und „Diplom-Bibliothekare“ ausgebildet; doch auch in Bayern sollen demnächst Bachelor- und Masterstudiengänge die vertrauten Titel ablösen. Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland haben ihre Abschlüsse schon in den vergangenen Jahren an die neue europäische Bildungsnorm angepasst.
Bei der Bundesanstalt für Arbeit werden jährlich etwa 1.000 offene Stellen für Bibliothekare gemeldet. Dort hat man noch keinen Überblick, wie sich der Übergang der Bachelorstudenten in den Arbeitsmarkt genau vollzieht. Cornelia Vonhof, Professorin an der Hochschule der Medien in Stuttgart, die bereits seit 2004 Bachelorstudiengänge anbietet, berichtet von guten Erfahrungen: Die Absolventen mit Bachelor hätten dieselben Chancen wie die mit Diplom, einigen wären sogar direkt nach dem Studium Leitungsfunktionen in kleineren Bibliotheken angeboten worden.
Einstieg in den höheren Dienst
Zugangsvoraussetzung für ein Bachelorstudium, das inklusive Praktika sechs bis acht Semester dauert, sind ein Abitur oder Fachabitur. Der darauf aufbauende Masterstudiengang dauert in der Regel vier Semester. Der längere Weg wird Studenten empfohlen, die eine Laufbahn als wissenschaftlicher Bibliothekar oder Leitungsfunktionen im öffentlichen Dienst anstreben. Bisher war es üblich, dass Hochschulabsolventen mit Diplom, Magister oder Dissertation in einem beliebigen Studienfach ein zweijähriges Referendariat in einer großen Bibliothek absolvieren mussten, um zum „höheren Dienst“ zugelassen zu werden. Sie übernahmen dann als Fachreferenten die Verantwortung für einzelne Sachgebiete einer Bibliothek oder sonstige organisatorische Aufgaben. Künftig soll schon der Masterabschluss zum „höheren Dienst“ berechtigen.
In der Praxis funktioniert das aber nur bedingt, berichtet Cornelia Vonhof. Die Master würden zwar zwei Jahre länger ausgebildet, bekämen aber trotzdem oft nur jene Stellen, die auch Bachelorabsolventen angeboten würden, weil es ihnen an praktischer Berufs- und Führungserfahrung fehle: „Öffentliche Bibliotheken akzeptieren die länger ausgebildeten Masterabsolventen zwar, bei der Besetzung von Fachreferentenstellen in wissenschaftlichen Bibliotheken haben sie jedoch kaum Chancen.“ Dort werden offenbar nach wie vor wissenschaftliche Spezialisten mit bibliothekarischer Zusatzausbildung bevorzugt. Dabei sind Naturwissenschaftler eher gesucht als Geisteswissenschaftler: einfach weil es weniger Physiker oder Geologen gibt, die nach dem Studium in einer Bibliothek arbeiten wollen.
Es geht auch ohne Studium
Bibliothekar kann man in Deutschland auch ohne Studium werden – allerdings sind dann die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Innerhalb des Berufsbildes eines „Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste“ (FaMI) gibt es „Archiv“, „Bibliothek“, „Information und Dokumentation“, „medizinische Dokumentation“ und „Bildagentur“ als Fachrichtung. Auszubildende müssen sich schon am Anfang der dreijährigen Ausbildung für eines dieser Berufsfelder entscheiden. Zugangsvoraussetzung ist in der Regel die Mittlere Reife (Realschulabschluss). Die Ausbildung findet zu etwa zwei Dritteln in einem Betrieb – einer Bibliothek, einem Archiv oder einer
Bei sehr guten Leistungen ist der Berufsabschluss schon nach zweieinhalb Jahren, bei Abiturienten bereits nach zwei Jahren möglich. Erwerben können ihn auch Personen, die über mindestens fünf Jahre praktische Berufserfahrung verfügen und sich durch ein Fernstudium auf eine externe Prüfung vorbereiten. Dorothea Klein, Ausbildungsleiterin an der Berliner Zentral- und Landesbibliothek schätzt an der FaMI-Ausbildung die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Sie hat beobachtet, dass viele FaMI-Absolventen nach dem Abschluss gar nicht berufstätig werden, sondern ein Studium anfangen: eine interessante Option für Abiturienten, die nicht gleich von der Schule an die Universität wechseln, sondern erst einen Beruf im Kulturbereich erlernen wollen.
arbeitet als Kulturjournalist und Buchautor in Berlin.
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Februar 2011
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