Unterschiede fruchtbar machen – Cross-Cultural Mentoring

Von Nachwuchskräften nichtdeutscher Herkunft erwartet die Mehrheitsgesellschaft zumeist Anpassung. Beim „Cross-Cultural Mentoring“ der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht indes steht die Sensibilisierung der Gesellschaft für die jeweils als „anders“ wahrgenommene Kultur im Mittelpunkt. Das interkulturelle Mentorenprogramm ist ein Plädoyer für einen umfassenden Integrationsansatz.Wer an einer deutschen Hochschule studiert und einen Migrationshintergrund hat, für den ist es nicht immer einfach, Anschluss zu finden. Oft bleiben unterschiedliche kulturelle Gruppen unter sich. Unerreichbar scheinen Studierenden ausländischer Herkunft dabei die nützlichen Kontakte zu einflussreichen Kreisen.
Ähnlich ging es zunächst auch Berna Ceylan-Atmaca. Die 33-jährige Studentin der Wirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin (HWR) war vor dem Studium berufstätig. Als sie während ihres Studiums aber Nachwuchs bekam, suchte sie den Austausch mit Müttern, die Karriere gemacht hatten − jemanden, der ihr bei der Berufs- und Karriereplanung half. „Bis dahin hatte ich immer alles alleine gemacht“, sagt die Studentin.
Vitamin B als A und O
Die Koordinationsstelle des Cross-Cultural Mentorings (CCM) an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht brachte Berna Ceylan-Atmaca mit Jutta von Falkenhausen als Mentorin zusammen. Auch sie ist Mutter. Als erfolgreiche Anwältin mit eigener Kanzlei hat sie „Vitamin B“, also Beziehungen. Und sie will etwas von ihren Erfahrungen weitergeben: „Ich kann Türen öffnen“, beschreibt die Mittvierzigerin ihren Ansatz: „durchgehen müssen die Mentees dann selbst.“
Alle sechs Wochen trafen sich Anwältin und Studentin in der Kanzlei. Die Mentorin führte Ceylan-Atmaca in relevante Wirtschaftsforen ein, unterstützte sie beim Knüpfen von Netzwerken und bestärkte sie in ihrem Entschluss, mit ihrem Sohn für ein Auslandssemester nach Istanbul zu gehen. Diese Form der Unterstützung kannte Ceylan-Atmaca bisher nicht.
Gegenseitig voneinander lernen
Das Cross-Cultural-Mentoring-Programm der Hochschule startete im April 2008 und läuft zunächst noch bis Ende 2011. Derzeit treffen sich über CCM regelmäßig 61 Betreuer und Betreute („Mentees“). Weitere 26 befinden sich in der Phase des sogenannten Matchings, in der die Koordinationsstelle des Programms passende Paarungen zusammenstellt. Die Mentoren sind in der Regel Führungskräfte und kommen aus Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik. Das Besondere am Cross-Cultural Mentoring ist der interkulturelle Ansatz: Deutschstämmige Mentoren arbeiten mit Studierenden ausländischer Herkunft zusammen. Und einheimische Studierende werden mit Mentoren zusammengewürfelt, die ausländische Wurzeln haben.
Dabei wird das Mentoring als Förderbeziehung zum Nutzen beider Seiten verstanden. „Ich habe viel über die Erfahrungen und Lebensentwürfe türkisch-stämmiger Berliner und deren spezielle Herausforderungen gelernt“, betont auch Mentorin Jutta von Falkenhausen. Die Mentoring-Beziehung endet offiziell nach einem Jahr. Doch nicht wenige Paare verabreden sich danach weiter. Mitunter entstehen sogar Freundschaften.
Bei der Auswahl der Mentees achtet CCM-Koordinatorin Isolde Drosch auch auf Ausgewogenheit zwischen Frauen und Männern. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine schriftliche Bewerbung mit „Motivationsbrief“. Dann führt die Koordinatorin mehrere Gespräche mit den Kandidaten, formuliert mit ihnen die Ziele für den Mentoringprozess und unterzeichnet schließlich den Vertrag. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen sich danach zunächst einmal bei einem zusätzlichen Begleitprogramm kennenlernen. Dazu gehören Seminare zu Schlüsselqualifikationen, beispielswiese über „Interkulturelle Kompetenzen und Identität“. Außerdem stehen für Mentees verbindliche „Vorbildertagungen“ zu aktuellen Integrationsthemen auf dem Programm.
„Den Unterschied erfahren“
Wiege des Cross-Cultural Mentorings sind die USA. Hier diente es dazu, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Ausland schneller in den Forschungsalltag einzufügen.
Auch Pakize Schuchert-Güler, Professorin für Produkt- und Preispolitik an der HWR Berlin, wurde bei ihrem Aufenthalt in den USA ein Amerikaner als Mentor zu Seite gestellt, der sie mit dem Forscheralltag vertraut machte – und sie auch privat zum Barbecue einlud. Dabei fragte sich Schuchert-Güler, ob dies nicht auch, als Werbung für Integration in der Hochschule und darüber hinaus, hierzulande möglich sei: Mentees und Mentoren würden als Vorbilder und Multiplikatoren fungieren. Sie könnten in die Familie und ins soziale Umfeld hineinwirken und Vorurteile bei Arbeitgebern abbauen.
So initiierte Schuchert-Güler in Berlin das CCM-Programm. „Wir sammeln zwar viel Wissen über fremde kulturelle Gruppen an“, sagt Schuchert-Güler. „Aber wir müssen den Unterschied erfahren, um unsere Einstellungen ihnen gegenüber zu ändern.“ Vor diesem Hintergrund sieht Schuchert-Güler im Cross-Cultural Mentoring einen neuen Beitrag zur Integrationsdebatte, weil erst der kulturell-emotionale Austausch eine dauerhafte Einstellungsänderung bei den Menschen bewirke.
Dass auch der umgekehrte Weg funktionieren kann, zeigt Doris Nahawandi, Referentin für Interkulturelle Öffnung bei der Berliner Senatsverwaltung. Die Tochter eines aus dem Iran zugewanderten Vaters hat nach eigener Aussage „Glück gehabt“: In ihrer Biografie hat es Personen gegeben, die ihr den Weg in die heutige Position ebneten.
Heute unterstützt sie als Mentorin Eva-Maria Deutsch. Für die 23-jährige Studentin der HWR ist es ermutigend, über Dinge wie Studium, Arbeit oder Privatleben einmal mit einer „außenstehenden“ Person sprechen zu können, die sich zu Beginn ihres Studiums auch „nicht hundertprozentig sicher“ war, wo sie beruflich landen würde. Darüber hinaus hat sie erfahren, unter welchen Bedingungen Menschen im Iran lebten und warum sie von dort ausgewandert sind: nicht aus dem Fernsehen, sondern aus erster Hand.
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.
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Februar 2011
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