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Rettung vorm Schicksal als Wurstpapier – das Institut für Zeitungsforschung

Institut für Zeitungsforschung; © IfZInstitut für Zeitungsforschung; © IfZ„Weltweit einzigartig“: Mit diesem Prädikat schmückt sich das Institut für Zeitungsforschung (IfZ) in Dortmund. Die Einrichtung der Stadtbibliotheken sammelt historische und aktuelle Zeitungen und Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum.

„Heute aktuell, morgen Wurstpapier, in 20 Jahren Kulturgeschichte“: So beschrieb der Publizist Paul Fechter einst die Zeitung. Seit 1926 kümmert sich das Institut für Zeitungsforschung in Dortmund darum, dieses Kulturgut zu archivieren und so für die Nachwelt zu sichern: als Spezialbibliothek für Medien, Zeitungsarchiv und Presse-Dokumentationsstelle.

Erzeugnisse trivialer Alltagskommunikation?

Zeitungen aus dem IfZ-Archiv; © T. KösterBereits 1907 begann der damalige Leiter der Dortmunder Stadtbibliothek, Erich Schulz, eine Zeitungssammlung anzulegen. Er hatte früh den Informationswert von Zeitungen über deren Erscheinungsdatum hinaus erkannt – gemeinhin galten diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erzeugnisse trivialer Alltagskommunikation ohne wissenschaftlichen Wert. Die Zeitungsforschung steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Schulz’ Idee setzte sich durch: 1926 wurde das Westfälisch-Niederrheinische Institut für Zeitungsforschung gegründet. Der Fokus lag zunächst auf Periodika der Region. Im Zweiten Weltkrieg wurden 60 Prozent des Bestandes vernichtet. Die großen Lücken konnten nur mühsam wieder geschlossen werden. Das Institut recherchierte, wo sich Ausgaben wichtiger Zeitungen befanden, trug sie in Dortmund zusammen und speicherte sie auf Mikrofilm. Die Vervollständigung des alten Bestands dauerte bis in die 1970er-Jahre.

110.000 Mikrofilme

Institut für Zeitungsforschung; © T. KösterNach 1945 war das IfZ nicht nur bestrebt, die Lücken zu schließen, sondern begann, wichtige Zeitungen und Zeitschriften aus der gesamten Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich in die Sammlung aufzunehmen. Heute bezieht das gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof gelegene Institut laufend mehr als 70 Tageszeitungen und mehr als 200 Fach- und Publikumszeitschriften aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Im Archiv lagern 33.000 historische Zeitungsbände, auf 110.000 Mikrofilmen sind vollständige Ausgaben von Zeitungen archiviert.

Gabriele Toepser-Ziegert; © iFZZum Bestand gehören auch eine Medien-Fachbibliothek mit 37.000 Zeitschriftenbänden und 60.000 Bücher zum Thema Massenkommunikation und Publizistik. „Artikel zu Medien im weitesten Sinne nehmen wir als bibliographischen Hinweis in eine Datenbank auf“, erklärt IfZ-Direktorin Gabriele Toepser-Ziegert. „Wir haben so alle Beiträge im Blick, die zum Thema Film, Funk, Fernsehen, Printmedien, aber auch beispielsweise zu Wikileaks geschrieben wurden.“ Wer wissen will, was Printmedien über dessen Gründer Julian Assange schrieben, kann das im Institut für Zeitungsforschung nachlesen – zeitungsübergreifend.

Rückgriff bis ins 17. Jahrhundert

Das Spektrum wird ergänzt durch eine Sammlung von Maueranschlägen und Karikaturen aus der Märzrevolution von 1848. Eine Sammlung politischer Plakate von 1870 bis zur Landtagswahl 2010 in Nordrhein-Westfalen umfasst mehr als 4.700 Exemplare, die auf Mikrofiche vorliegen. Hinzu kommen journalistische Nachlässe, eine Sammlung von Emigrantenzeitschriften der Jahre 1933 bis 1945 sowie Presse-Frühdrucke wie der 1609 erstmals erschienene Relation.

Zeitungsplakat; © IfZInzwischen hat das IfZ auch 64 Bände der Schriftenreihe „Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung“ veröffentlicht. Die Themen reichen von Bahnhofsbuchhandel über Pressejournalismus in Korea bis zu Redaktionsmanagement in den USA. Für Diskussionen, eine gerichtliche Auseinandersetzung und Wirbel in den Medien sorgte die Wochenzeitung Zeitungszeugen mit Nachdrucken mehrerer Periodika aus der Zeit des Nationalsozialismus, bei deren Veröffentlichung das Institut wissenschaftlich beraten hat.

Finanzbeamte recherchieren Tageswerte

Erste Tageszeitung „Relation“ aus dem 17. Jahrhundert; © IfZ10.000 Menschen kommen jedes Jahr in das Institut für Zeitungsforschung, um dessen Angebot zu nutzen. Dazu gehören unter anderem Wissenschaftler, die sich mit Printmedien und deren geschichtlicher Entwicklung beschäftigen oder Zeitungen als historische Quelle nutzen. Um Zeitschriften wie die bekannte Berliner Illustrierte im Original zu sichten, kommen Wissenschaftler sogar aus den USA angereist.

Studenten besuchen das Institut, um für Studien- oder Diplomarbeiten zu recherchieren. Schüler durchstöbern Zeitungen nach Informationen für ein Referat zur Mondlandung oder zu einem kommunalpolitischen Thema. Andere Besucher suchen ganz bestimmte Anzeigen. Selbst Finanzbeamte nutzen die Institutsbestände, um in Kleinanzeigen zu recherchieren, welchen Tageswert ein bestimmtes Automodell vor vier oder fünf Jahren hatte. Sehr gefragt sind Geburtstags- und Jubiläumskopien von Zeitungen, die das Institut auf Wunsch erstellt.

Umfassendes Serviceangebot

Zeitung aus dem IfZ-Archiv; © T. Köster Der Bestand des IfZ ist durch einen alphabetischen Katalog erschlossen, die Sondersammlungen in Spezialkatalogen dokumentiert. Bücher, die nicht älter als 100 Jahre sind, können für vier Wochen entliehen werden, Mikrofilme für sechs Wochen. Aus den meisten Büchern und kleinformatigen Zeitschriften lassen sich Kopien anfertigen.

Wenn jemand in München sich die Bild-Zeitung von 1960 ansehen möchte, ist auch eine Fernleihe möglich. Das Institut bietet zudem Hilfe bei Recherchen an. Für Ausstellungen oder die Herstellung von Druckvorlagen können beispielsweise Zeitungs- und Zeitschriftenbände, Dias, Plakate oder Flugschriften entliehen werden. Alle Leistungen sind kostenpflichtig. Einzigartigkeit hat eben ihren Preis.

Stefanie Hallberg
ist Diplom-Journalistin und arbeitet als freie Autorin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk, in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

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