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Monumentaler Medientempel – das Grimm-Zentrum in Berlin

Außenaufnahme des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Milan BulatyAußenaufnahme des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Milan BulatyDie Humboldt-Universität zu Berlin hat mit dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine zentrale Bibliothek – und kann sich vor forschenden Lesern kaum retten.

Die Brüder Grimm sind landläufig vor allem als Märchensammler und weniger als Mitbegründer der Deutschen Philologie bekannt. Dabei haben Jacob und Wilhelm Grimm der Fachwelt bahnbrechende sprachwissenschaftliche Arbeiten hinterlassen. Ihr gemeinsames Meisterprojekt ist dabei das Deutsche Wörterbuch, das sämtliche Wörter aus der Zeit von Luther bis Goethe belegen sollte: Es war allerdings so monumental angelegt, dass weder die veranschlagten zehn Jahre Arbeitszeit noch die Lebenszeit der Brüder ausreichten, um es zu vollenden. Wilhelm schloss vor seinem Tod gerade noch die Bearbeitung des Buchstabens D ab; Jacob verschied über dem Artikel „Frucht“.

Klarheit und formale Strenge

Leseterrassen des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Matthias HeydeZwar ist auch das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin monumental angelegt, doch wurde es innerhalb der geplanten Bauzeit von nur drei Jahren fertiggestellt. So konnte sich die Berliner Humboldt-Universität Ende 2009 kurz vor ihrem 200. Geburtstag reich beschenken: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die Universität nun eine zentrale Bibliothek. Sie bietet Platz für die umfangreichen Bestände, die vorher in zwölf geistes-, kultur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Zweig- und Teilbibliotheken verstreut waren. Zudem beherbergt sie auch die wertvollen historischen Bestände und Spezialsammlungen der Universitätsbibliothek.

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Thorsten KrauseDie Entwürfe für das 75,5 Millionen Euro teure Gebäude, in dem auch das Computer- und Medienzentrum der Universität untergebracht ist, stammen vom Schweizer Architekten Max Dudler. „Es ist ein moderner, klarer und funktionaler Bau, der schöne Ausblicke und eine anregende Atmosphäre bietet“, beschreibt Milan Bulaty, der Direktor der Universitätsbibliothek, seinen neuen Arbeitsplatz, der in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Friedrichstraße im Herzen Berlins liegt: „eine originell gestaltete Bibliothek mit Leseterrassen und Glasdach.“

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Thorsten KrauseDudlers Bau besticht von außen wie von innen durch seine geometrische Klarheit. Das ganze Gebäude – von der Fassade aus Jurakalkstein und Glas bis in den gewaltigen Lesesaal – scheint von einem Raumgitter durchzogen zu sein, was dem Betrachter den Eindruck von Ruhe und Weite zugleich vermittelt.

Freier Blick zu Stadt und Himmel

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Thorsten KrauseDas Herzstück der Bibliothek ist die beeindruckende Terrassenlandschaft des Lesesaals. Auf vier Ebenen sind hier über 300 der insgesamt 1.250 Arbeitsplätze eingerichtet. Von jedem der langen, schwarzen Holztische hat man durch das gläserne Dach einen freien Blick zum Himmel. Doch auch wer sich zum Arbeiten lieber in Räume von überschaubarer Größe zurückzieht, ist im Grimm-Zentrum gut aufgehoben: Neben dem großartigen Lesesaal gibt es auch einen modernen PC-Pool, dezentrale Computerarbeitsplätze, Schulungs- und Konferenzräume, Gruppenarbeitsräume und Einzelarbeitskabinen. Fast im ganzen Gebäude kann man über eine drahtlose Netzanbindung mit dem eigenen Laptop im Internet weiter forschen.

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Thorsten KrauseUm den Lesesaal herum sind die Regalbereiche der größten Freihandbibliothek Deutschlands angeordnet. „Von unseren insgesamt über 2,5 Millionen Bänden haben wir fast 1,5 Millionen systematisch aufgestellt, so dass sie zum Stöbern einladen“, sagt Milan Bulaty. „Und natürlich sind unsere Bestände für Studierende, Wissenschaftler, aber auch für jeden Bürger kostenlos zugänglich und ausleihbar.“ Auch diese Offenheit steht im Einklang mit der Architektur: Von jedem Regal aus steht man durch die großen Fenster im Blickkontakt mit der Stadt.

Die Schattenseiten der Begeisterung

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum; © Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum/Thorsten Krause„Leider hat die Begeisterung unserer Nutzer für die Architektur und Schönheit der Leseterrassen auch eine Kehrseite“, berichtet der Bibliotheksdirektor. „In Spitzenzeiten verzeichnen wir 5.000 bis 6.000 Leser pro Tag. Unter der Woche gibt es zwischen elf und 19 Uhr keine freien Arbeitsplätze und die Einzelkabinen sind von Examenskandidaten schon über Monate im Voraus ausgebucht.“ Dabei sind die Öffnungszeiten dank der automatisierten Ausleihe und Rückgabe sehr großzügig: Die Bibliothek ist an sieben Tagen der Woche geöffnet, montags bis freitags sogar bis 24 Uhr.

Übrigens wurde bei der Konzeption der Bibliothek auch an die forschenden Leser mit Kindern gedacht. In der „Kinderstube“ im 7. Obergeschoss gibt es Arbeitsplätze, die in Sichtweite eines Spielbereichs für Kinder liegen. Und während die Eltern vielleicht an einem Band aus der Bibliothek der Brüder Grimm forschen, die wie andere zahlreiche Gelehrtenbibliotheken zu den wertvollen Spezialsammlungen der Humboldt-Universität gehört, können die kleinen Besucher an speziellen Tischen daneben malen oder Märchenbücher anschauen.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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