Unterwegs mit...

... Christopher Kloeble durch Berlin

Christopher Kloebles am Potsdamer Platz

Mit dem Schriftsteller Christopher Kloeble ist man nie an nur einem Ort zu gleich. Heute versuchen wir es dennoch. Der Autor diverser Romane, Theaterstücke und Drehbücher zeigt uns eine der Städte, die Teil seiner vielschichtigen Biographie sind: Berlin.



Es widerspricht vielleicht den Gesetzen der Physik, nicht aber jenen der Imaginationskraft von Christopher Kloeble, dass man, wenn man diesem Schriftsteller an irgendeinem Ort begegnet, nicht zugleich auch an einem oder auch ganz vielen anderen Orten zugleich ist. Zum Beispiel? Das Hotel Begaswinkel. Es liegt in einem weithin übersehenen und doch nicht allzu uninteressanten Teil des Berliner Stadtteils Tiergarten. Bis zur Neuen Nationalgalerie und Staatsbibliothek, zur Philharmonie (aber dazu später) und auch zum berüchtigten Straßenstrich in der Kurfürstenstraße ist es jeweils nur ein Spaziergang. Nur ein Blinder könnte diese Gegend aber als schön bezeichnen. Ein einziger Blick auf die, im Krieg offenbar sehr sorgfältig zerstörte Straße, offenbart es als Vorteil, dass das Hotel Begaswinkel in einer zurückgesetzten Gasse liegt, in einer toten Ecke, und man weiß, wenn man da steht, auch nicht so recht, ob in dieser pittoresk angegammelten Gründerzeitvilla eher der nächste Wes-Anderson-Film gedreht werden sollte oder ein Remake von Alfred Hitchcocks Film Psycho. Aber das muss hier und heute ja auch niemand entscheiden.

Das Hotel Fürstenhof

Das elegant geschwungene Treppenhaus, das Frühstücksräumchen im obersten Stock – und dort eben der Schriftsteller Christopher Kloeble, der zum Kaffee empfängt. Warum? Weil seine, also die Mutter von Christopher Kloeble, hier arbeitet und gerade das Buffet angerichtet hat? Weil später auch noch der Vater, ein ehemaliger Schauspieler, vorbeischauen wird, um beiläufig hallo zu sagen?
 
Man ist mit diesem Autor, wie gesagt, nie an nur einem Ort zugleich, und auch niemals so ganz in der Gegenwart zu Hause – Familiengeschichten, so wie er sie in seinem Roman „Meistens alles sehr schnell“ erzählt hat, geistern immer durch seine wortreichen Erzählungen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass er dauernd sehr beredte Antworten auf Fragen gibt, die niemand gestellt hat. Hotels, wie dieses hier, beschäftigen Kloeble aus autobiografischen und literarischen Gründen. Berlin, Leipzig, Bayern, Indien? Aber von vorn: Ein Schauplatz in Kloebles nächstem Roman wird das Leipziger Hotel Fürstenhof sein, eine Traditionsherberge, die – lange vor dem Mauerbau – einmal von dem aus dem Rheinland stammenden Urgroßvater dieses heute 32-jährigen Autors geführt wurde; dieser Urgroßvater, war zuvor Pächter des Löwenbräukellers in München gewesen und hatte dort, wegen angeblich zu knickerigem Bierausschank, auch einmal im Gefängnis gesessen – eine Episode, die von niemand geringerem als Feuchtwanger literarisch verewigt wurde, und zwar als Musterbeispiel bayerisch blasierter Hartherzigkeit.

Aus der Provinz

Die Geschichte des Leipziger Hotels Fürstenhof, das in der DDR enteignet, umbenannt und dem Tourismusministerium zugeschlagen wurde (welches wiederum der berüchtigten Staatsicherheitsbehörde unterstand), – damit also, und wie all dies mit der Geschichte seiner eigenen Familie zusammenhängt, beschäftigte sich Christopher Kloeble nun also aus Recherchegründen. Entlang der Orte Bayern, Leipzig (und heute Berlin) lässt sich aber auch seine eigene Biografie nachzeichnen. Christopher Kloeble kommt aus der Nähe des bayerischen Bad Tölz, das ein malerisch gelegenes Provinznest in den deutschen Bergen ist und weltberühmt geworden durch seinen Knabenchor, dem (natürlich) auch Christopher Kloeble angehörte, bevor er mit elf Jahren in den Stimmbruch kam.

Also aus Bayern stammend, zog es ihn direkt nach dem Abitur nach Leipzig, wo sich das namhafte Deutsche Literaturinstitut befindet, welches die erste Ausbildungsadresse des literarischen Nachwuchses in Deutschland ist. Kloeble war früh dran, weil er früher als viele anderen wusste, dass er Schriftsteller werden wollte. Er lernte, und er schrieb. Und so entstanden Erzählungen, ein Roman, Drehbücher. Gerade arbeitet er an einer Adaption seines Buches „Meistens alles sehr schnell“ fürs Fernsehen, und das ist überhaupt der Grund, warum er sich zu dieser Zeit in Deutschland aufhält. Eigentlich sollte Christopher im Winter in Indien sein.
 

Ein halbes Jahr in Indien

Indien? Das schält sich, während wir hier im Hotel Begaswinkel und ganz allmählich die vielen Schichten seiner ja noch gar nicht mal so langen Biografie freilegen, dann als jüngster und vielleicht wichtigster Lebensabschnitt dieses Autors heraus: Vor vier Jahren nämlich hat Christopher Kloeble seine heutige Frau, die Schriftstellerin Saskya Jain, kennengelernt, die als Tochter deutsch-indischer Eltern in New Delhi aufgewachsen ist, Hindi, Deutsch und Englisch wie Muttersprachen spricht und ihre Literatur auf Englisch schreibt. Im Jahr 2012 war Kloeble zum ersten Mal in Indien, heute wohnt er das halbe Jahr dort und die andere Hälfte des Jahres in Berlin, nur eben sonst eher während der wärmeren Monate des Jahres.

Also aus Gründen des halben Heimwehs und Linderung akuten Herzschmerzes (Kloebles Ehefrau ist zurzeit in Indien) vielleicht ein kleiner Abstecher zur indischen Botschaft? Na gut, aber nur kurz. Das Gebäude liegt auch im Tiergarten, der in Berlin überhaupt das Botschaftschaftsviertel ist, und es ist genauso groß wie die gleich daneben platzierte Botschaft des Bundeslandes Baden Württemberg. Aber so ist es eben mit Bedeutungsdimensionen zwischen Deutschland und Indien: Auch aus indischer Perspektive erscheint Deutschland ganz schön weit entfernt, und nicht nur weiter weg, als es die ehemalige Kolonialmacht England alleine aus historischen Gründen ist – eigentlich ist nämlich ganz Europa aus Sicht dieses auf tausenderlei Ebenen komplexen Landes mit seinen vielen Sprachen und Ethnien eben vor allem ein relativ uninteressanter Kontinent – und dies einzusehen, sagt Kloeble, während wir nun im schneidenden Winterwind vor diesem roten Bruchsteinbau stehen, das sei doch manchmal auch eine ganz heilsame Erfahrung.

Das berühmteste Orchester der Welt

Ein paar hundert Meter weiter: die Berliner Philharmonie. Dieser Bau des Architekten Hans Scharoun ist der Heimspielort des womöglich besten und berühmtesten Orchesters der Welt. Die Berliner Philharmoniker? „Als Kinder hatten wir doch keine Ahnung!“, lacht der Schriftsteller. „Als Kind willst Du immer nur wissen, wann es das nächste Mal wieder eine Fanta gibt. Oder etwas zu essen.“ Dass da die Berliner Philharmoniker sitzen, und dass Claudio Abbado den Taktstock schwingt, regt einen Zehnjährigen nicht weiter auf. Bei dieser Gelegenheit ist Christopher Kloeble aber tatsächlich zum ersten Mal nach Berlin gekommen, also als Sänger, das war vor über zwanzig Jahren und kurz, bevor er in den Stimmbruch kam und aus dem Tölzer Knabenchor ausschied. Kloeble erinnert sich auch an Auftritte in Köln, München Florenz oder Montreux, aber nicht mehr daran, bei welchem Stück er damals in Berlin mitgesungen hat. Wagners Tannhäuser? Das Weihnachtsoratorium? Egal.

Wichtiger sei eine grundlegende Erfahrung, die er damals gemacht habe. Wenn man schon als Kind musikalisch arbeiten müsse, und zwar unter so disziplinierten Bedingungen wie in diesem Chor, dann lerne man dabei gewissermaßen das Lernen selbst. Man bekomme ein Begriff davon, dass dem Erfolg, auch dem künstlerischen, Arbeit und Mühe vorausgesetzt seien. Werden Chorknaben schneller erwachsen? Noch heute, gesteht der Schriftsteller, habe er mit seinem Vater, dem ehemaligen Schauspieler, einen immer wiederkehrenden Traum gemeinsam: „Du wirst nach vielen vielen Jahren – also als längst pensionierter Schauspieler oder ehemaliger Chorknabe – noch einmal auf die Bühne geschubst, und das mit der einen und einzigen Frage auf den Lippen: ‚Welches Stück? Was wird hier überhaupt gespielt?’“ Den Drill und die Aufführungssituationen je zu vergessen, ist offenbar nicht leicht.

Curries, Chutneys, Thosais und Idlis in Kreuzberg

In der tamilischen Kantine, in der wir uns danach aufwärmen, ist jedenfalls klar, was gespielt wird. Indien wird gespielt! Es gibt hier, im Stadtteil Kreuzberg, nicht wenige asiatische Lokale, aber keines ist wie dieses: Die Obstauslagen auf der Straße, die Kasse gleich hinter der Eingangstür, dies ist kein Restaurant, sondern eher ein kleiner Supermarkt, und doch stehen in einer Ecke eines Raumes zwei Tische, an denen man sitzen und essen kann. Solche Geheimtipps hat zu bieten, wer mit einer Inderin verheiratet ist. Denn, dass das Essen hier, also die Curries, Chutneys, Thosais und Idlis so ausgezeichnet sind, hat seinen Grund: Normalerweise, erklärt Kloeble, gibt es in Deutschland vor allem von Bangladeschis geführte Lokale mit nordindischer Küche, die zudem noch einmal sehr auf den europäischen Geschmack angepasst sei. Das beste Essen aber gebe es im Süden Indiens. Meistens vegetarisch, meistens scharf, und nie besonders ölig.
 

Erstaunlich sei es doch, wie wenig die Deutschen über Indien in der Regel wüssten. Ob sie auf dem Elefant zu ihrer Hochzeit geritten sei, habe man seine Frau hier einmal allen Ernstes gefragt. Oder das weit verbreitete Klischee von einer durch und durch frauenfeindlichen Gesellschaft. Kloeble bestreitet zwar nicht die Vergewaltigungsfälle, von denen auch hierzulande in den Nachrichten zu hören war. Andererseits gebe es in Indien viel mehr Frauen in Führungspositionen als zum Beispiel in Deutschland. Dass die Frau per se unterdrückt werde, könne man nicht gerade sagen.

Berge in der Hauptstadt

Andererseits: Gibt es nicht überall Klischees von Leuten, die woanders her stammen? Immer wieder kommt Christopher Kloeble auf seine bayerische Herkunft zurück. In Königsdorf, also jenem Nest in der Nähe von Bad Tölz, da sei, auf seiner Reise nach Italien, zwar auch Goethe einmal abgestiegen, wie aber steht es heute um den Horizont der Einheimischen? Obwohl der Ort nur eine Dreiviertelstunde von München entfernt ist, kennt Kloeble doch immer noch Leute in seinem Alter, die in ihrem ganzen Leben vielleicht nur zwei oder drei Mal in der großen Stadt gewesen sind. Und steht nicht in irgendeinem alten Lexikon, die Bayern seien ein zwergenwüchsiges und hinterhältiges Bergvolk? Zwergenwuchs und Hinterhältigkeit sind – ganz offenbar – keine Eigenschaften, die auf den Schriftsteller Christopher Kloeble zutreffen. Aber die Berge? Die vermisst er in Berlin manchmal dann doch. Und verschafft sich dann als Spaziergänger schwache Abhilfe. So erklimmen zum Abschluss auch wir gemeinsam jenen Kreuzberg, der dem Stadtteil seinen Namen gegeben hat. Und wie er da nun steht, ganz oben und vor dem neugotischen Nationaldenkmal für die Befreiungskriege, und wie dann hinter ihm der in goldenen Lettern angeschlagene Schriftzug „Leipzig, den 18. Oktober 1813“ hervorscheint, da ist es wirklich klar: Man ist mit diesem Schriftsteller nie nur an einem Ort zur selben Zeit.
 
 
 
Dr. Ronald Düker
ist Kulturwissenschaftler und Journalist. Er schreibt für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen und Magazine. Seit Anfang 2008 ist er Redaktionsmitglied von Literaturen und dort für Sachbücher zuständig.


Übersetzung: Ritu Khanna
© Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi
Januar 2015

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Die Serie im Deutschland-Indien Magazin. Unsere Autoren treffen Menschen, die etwas bewegen oder bewegt haben. Menschen, über die man spricht oder sprechen wird. Menschen, die kreativ sind und uns oder andere inspirieren. Sie zeigen uns ihre Stadt, ihre Lieblingsplätze, Orte, die sie geprägt haben. Und sie verraten uns ihre ganz persönlichen Geheimtipps.

Heute:

Unterwegs mit Christopher Kloeble in Berlin.

Christopher Kloebles Top 3 für Berlin:

  • Das Jüdische Museum: Die umfangreiche und teils verspielte Ausstellung könnte einen wochenlang beschäftigen. Aber wirklich einprägsam ist Libeskinds Architektur. Dafür muss man keine Zeile lesen. Nicht umsonst zählt es zu den meist besuchten Museen Deutschlands.
  • Spreepark: Ein verwunschener Freizeitpark, den die Natur sich seit dessen Schließung 2001 wieder einverleibt. Danach mit Currywurst im Tretboot die Spree erkunden.
  • Reichstagsgebäude: Den Bundestag von oben begutachten und das lichte Haar mancher Politiker ausmachen. Sich daran erinnern, was an diesem Ort schon alles passiert ist. Bei Käfer einen Kaffee trinken. Und nicht zuletzt: Frau Merkel im Bundeskanzleramt gegenüber winken.

Warum man meine Bücher lesen sollte?

Weil ich hoffe, dass die Geschichten so viel Freude machen wie mir das Erzählen macht.