Essays

Südasiatische Lyrik 1947 - 2000

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland zunächst wenig Interesse an zeitgenössischer Literatur aus Südasien. Dies galt auch für die Universitäten. Die Indologie konzentrierte sich fast ausschließlich auf altindische Sanskrittexte. Übersetzungen aus Sprachen wie Hindi, Bengali oder Tamil gab es so gut wie nicht.

Eine Neuorientierung bedeutete die Gründung des Heidelberger Südasien-Instituts im Jahre 1962. Zum einen wurde hier schon im Namen des Instituts die gesamte Kulturregion „Südasien“ und nicht nur das größte Land „Indien“ genannt. Zum anderen wurde nun auch das moderne Südasien zum Forschungsschwerpunkt erklärt. Neben Sanskrit wurden am Heidelberger Südasien-Institut auch moderne südasiatische Sprachen wie Hindi, Tamil, Bengali und Urdu unterrichtet.

Von weitreichender Bedeutung war die Ernennung des Philologen Lothar Lutze (1927-2015) zum Hindi-Lektor in Heidelberg im Jahre 1965. Lothar Lutze war der Erste, der literarisch anspruchsvolle Direktübersetzungen vom Hindi ins Deutsche schuf. Sein besonderes Interesse galt der zeitgenössischen Hindi-Lyrik. Es waren Gedichte von Hindi-Autoren wie Sachchidandanda Vatsyayan (Ajneya), Raghuvir Sahay, Shrikant Verma, Kailash Vajpeyi, Kedernath Singh, Vishnu Khare, Vishnu Nagar und Girdhar Rathi, die von Lothar Lutze erstmals ins Deutsche übertragen wurden.

Entscheidend beteiligt war Lothar Lutze auch an der Neuen indischen Bibliothek, die 1983 ins Leben gerufen wurde. Dies war eine Reihe von Direktübersetzungen südasiatischer Literatur ins Deutsche, die im Freiburger Wolf Mersch Verlag veröffentlicht wurden. In der Neuen indischen Bibliothek erschienen wichtige Titel wie Der Ochsenkarren. Hindilyrik der siebziger und achtziger Jahre sowie Unterwegs zum Fluss von Ajneya. Leider konnten in dieser Reihe nur etwa ein Dutzend Werke veröffentlicht werden.

1972 wurde mit Alokeranjan Dasgupta ein bedeutender Bengali-Lyriker zum Gastprofessor nach Heidelberg berufen. Er kann als der Pionier der Direktübersetzungen vom Bengalischen ins Deutsche angesehen werden. 1974 gab er (zusammen mit Lothar Lutze) den Band Gangesdelta. Bengalische Gegenwartslyrik aus Indien und Bangladesh heraus. 1979 erschien mit Terrakotta eines Schlafes erstmals eine Anthologie seiner eigenen Gedichte in deutscher Übersetzung. Es folgte 1999 die Gedichtsammlung Die mystische Säge (übersetzt von Hans Harder).

Ab den 1970er Jahren gab es dann in Deutschland ein verstärktes Interesse an außereuropäischer Literatur. Eine Rolle spielte dabei auch die Entscheidung der Frankfurter Buchmesse, jedes Jahr die Literatur eines bestimmten Landes besonders hervorzuheben. Für das Jahr 1986 wurde Indien als Gastland bestimmt. Für kurze Zeit interessierten sich auch die Mainstream-Medien für die indische Literatur.

Von den Büchern, die 1986 erschienen, soll ein Werk besonders hervorgehoben werden: Gelobt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart, hg. v. Alokeranjan Dasgupta (Schneekluth Verlag / Münchner Edition). Diese Anthologie enthielt 169 Gedichte von 67 indischen Autorinnen und Autoren. Die Originalgedichte waren in 11 Sprachen verfasst (Assamesisch, Bengali, Gujarati, Hindi, Kannada, Malayalam, Marathi, Oriya, Punjabi, Tamil und Urdu). Eine so umfassende Sammlung von hochwertigen Übersetzungen indischer Lyrik ins Deutsche hatte es bisher nicht gegeben.

Nach 1986 stellte sich die Situation dann folgendermaßen dar: Einige wenige indische Autoren (wie Salman Rushdie und Vikram Seth) waren auf dem deutschen Buchmarkt erfolgreich. Bei ihren Werken, die in großen und bekannten Verlagen erschienen, handelte es sich ausschließlich um Romane, die auf Englisch verfasst waren.

Lyrikübersetzungen – und generell Übersetzungen aus südasiatischen Sprachen – erschienen ausschließlich in kleinen Verlagen. Zu nennen ist hier insbesondere der Berliner Lotos Verlag, der schön gestaltete Bändchen mit Gedichten von Dilip Chitre, Gagan Gill und Alokeranjan Dasgupta veröffentlichte.

Wichtig war dabei, dass sich in dieser Zeit in der akademischen Südasienforschung weitreichende Veränderungen vollzogen. An den meisten indologischen Instituten wurden inzwischen Hindi-Kurse angeboten, und in Städten wie Köln (Tamil), Halle (Bengali) oder Würzburg (Kannada) konnte man auch andere moderne südasiatische Sprachen lernen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts erschien dann unter dem Titel Living Literature. A Trilingual Documentation of Indo-German Literary Exchange (hg. v. Barbara Lotz und Vishnu Khare) noch ein ganz besonderes Werk. Diese Anthologie enthielt Prosatexte und Gedichte von 29 indischen und 12 deutschen Autoren und Autorinnen, und zwar jeweils in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und eine indische Sprache). Ermöglicht wurde diese umfangreiche Publikation durch eine Zusammenarbeit des Goethe-Instituts und des Heidelberger Südasien-Instituts.

Christian Weiß studierte in Heidleberg Germanistik, Geschichte und Indologie. Nach dem Studium arbeitete er als Lektor und Übersetzer für verschiedene Verlage. 2003 gründete er den Draupadi Verlag.
Christian Weiß, 2015
Links zum Thema