Essays

Das Heilige im Alltag besingen

Priya Sarukkai Chabria findet das Außergewöhnliche und Spirituelle dort, wo man es am wenigsten erwarten würde.

Spirituelle Untertöne findet man überall in unserem größtenteils säkularen Lebensalltag. Aber wenn wir in Banalitäten und Alltagsroutinen gefangen sind, ist uns das oft gar nicht bewusst. Wenn das Erhabene aber plötzlich über uns hereinbricht, dann verändert diese Kraft den Augenblick und vergoldet die Wirklichkeit. Gedichte haben diese besondere Qualität, die ich „das alltägliche Heilige“ nenne, eine Schönheit, die sich an den ungehörigsten Orten findet, schimmert aus den Versen hervor. Sie lassen Dankbarkeit entstehen, streifen das Mysteriöse und machen Mut. Dies ist die Dichtung von Schlicker und Seele, untrennbar miteinander verbunden.

Solcherart vergoldete (und vergoldende) Gedichte sind in den vielen Sprachen Indiens und der Welt weiter verbreitet, als man sich vorzustellen vermag. Wir bieten im Folgenden eine Zusammenstellung mit Gedichtauszügen, ein Kaleidoskop der glühenden Spiritualität, die sich in der zeitgenössischen Lyrik in den Sprachen Tamil, Englisch, Khasi, Sindhi, Urdu, Hindi und Malayalam verbirgt.

In diesem fantastischen Gedicht verortet Manushyaputhiran (Pseudonym des tamilischen Dichters S. Abdul Hamid) das Wundersame, das in unsere DNA eingeschrieben ist.

Tief unten im Speicher
keimt leise
eine Zuneigung

Sie sieht kein Licht
Fühlt keinen Wind
Hat nicht mal eine Hand voll Erde
zum Festhalten…

… und doch

wächst sie unaufhaltsam weiter
hin zum Licht.

(Übersetzt von Lakshmi Holmstrom. In The Rapids of A Great River, The Penguin Book of Tamil Poetry, hg. v. Lakshmi Holmstron, Subashree Krishnaswamy und K. Srilata, Penguin Books India, 2009)

Der inzwischen verstorbene Dichter Arun Kolatkar, der seine Werke in Marathi und englischer Sprache verfasste, schuf wohl den bekanntesten Gedichtzyklus in Englisch über „das alltägliche Heilige“ in seinem Lyrikband Jejuri über den gleichnamigen Hügel, der von Schäfern in Maharashtra verehrt wird. Seine klare Sicht reißt Schranken ein:

Was ist Gott
und was ist Stein
die Trennlinie
ist sehr dünn
falls sie existiert
in Jejuri
und jeder zweite Stein
ist Gott oder sein Cousin

(In Jejuri – Zweisprachige Ausgabe, Verlag Wolf Mersch, 1984)

Die klare Kürze der Haiku-Dichtung ermöglicht den mitfühlenden Blick auf das Gemeine und Hässliche. Selten findet man in der zeitgenössischen Dichtung die Schärfe, die Lebendigkeit der Bilder und den Humor eines Kynpham Sing Nongkynrih wie in diesen in Khasi verfassten Haikus, die der Dichter selbst ins Englische übersetzt hat.

Geniesel in der Sonne –
am Ende des Regenbogens
ein dreckiger Fluss

Goldene Biene
Ausgestreckt auf schneebedeckten Pflaumenblüten
Das ist alles, was es braucht


Und in den Bergen von Shillong, seinem Wohnort:

Die bevorzugte Farbe der Stadt –
Graue Flechten und dunkler Monsun
Pilz mit grünem Moos
(In Ka Jingiapein Jong Ka Por – Ki Haiku Bad Senryu/Time’s Barter – Haiku and Senryu,
Harper Collins India, 2015, 1958)

Die Stadt verschimmelt, aber Nongkynrih feiert lachend das blühende nicht-menschliche Leben. In einem anderen Winkel des Landes begrüßt die tamilische Dichterin Salma die groteske Erscheinung eines Wurms in ihrem Essen und heißt das Unbekannte willkommen.

… in den Jahren, die noch kommen
wächst er, verändert seine Gestalt,
klettert auf mich drauf und kriecht umher
saugt sein Essen von meinem Körper

Ängstigt mich
mit seinem Würgegriff
der Möglichkeiten

Die Tamilin Sukritharani, eine weitere gefeierte feministische Lyrikerin, schließt ihr Gedicht mit einem Bild, in dem ihr Körper zum Schauplatz der Kraft des Heiligen wird. Sie knüpft damit an Konventionen an, die wir von südindischen Mystikerinnen des Mittelalters kennen:

Ich selbst will werden
Erde
Feuer
Himmel
Wind
Wasser
Je mehr du mich einengst, umso mehr werde ich überschwappen.
Der Urquell der Natur.


(Salmas und Sukritharanis Gedichte wurden übersetzt von Lakshmi Holmstrom: Wild Girls, Wicked Words, hg. v. Lakshmi Holmstrom, Kalachuvadu Publications und Sangam House,
Bangalore, 2012)

Ganz ähnlich verweist der Sindhi-Dichter Mohan Gehani auf das Wunder des Mütterlichen, das sein kosmisches Avatar enthüllt. Vom Dichter selbst übersetzt führt die scheinbare Ein-fachheit des Gedichts die rasante Magie der Verwandlung vor.

Mama
Ich sage Dir
Wie Sterne gemacht sind.
Der Tag an dem Du
den kleinen Bruder füttertest
Sammelte er Milch in seinem Mund
Und
Spuckte sie mit voller Kraft wieder aus
Und Dein Gesicht war voller Milch
Tropfen.


(Zuerst veröffentlicht in Popata Pakdinde (1993), dann in Brittle Ice, Copper Coin Publishing, 2015)

Liebe verwandelt einen Fremden in einen Geliebten, und in diesem Sinne könnte man auch die meisten Liebesgedichte als vom „alltäglichen Heiligen“ durchdrungen sehen. Danish Husain, Schauspieler und Urdu-Dichter, der sich selbst übersetzt, lenkt unsere Aufmerksamkeit über den Störfaktor Zellophanpapier auf eine mit Potentialität aufgeladene Immanenz.

Nein, nein! Bitte sag’s mir nicht!
…Das Unschuldige
Ist ganz tief innen versteckt
Wenn es nur beiläufig geäußert würde
Wäre sein Bann gebrochen
…Und wie manchmal hauchdünnes Bonbonpapier
Zwischen Zähnen stecken bleibt
Wird dieser mein Zauber brechen
Und wie eine Binsenweisheit flottieren.

Zahlreiche Dichter huldigen der Kraft der Poesie, die selbst ein Tor zum „alltäglichen Heiligen“ ist.

Der Rest des Gedichts
ist nicht in Worten geschrieben
Zieht seine ganze Existenz wie einen Punkt
Er wird überall hinterlassen …

erklärt Kunwar Narain, eine Lichtgestalt in der zeitgenössischen Hindi-Dichtung. Geheimnisvoll und umgreifend deutet dieser Abschnitt auf seinen Wunsch hin, „nur Mensch zu werden“. Noch einmal verweist er mit Demut und Dankbarkeit auf die Zerbrechlichkeit dieser Brücke aus Worten:

…wenn ich auch nur durch ein einziges Gedicht
irgendwie verbunden geblieben bin
mit allem…


(Aus Kisi aur ne nahin/No One Else. Übersetzt von Apurva Narain. In No Other World, Se-lected Poems, Rupa & Co., New Delhi, 2008)


Wir beschließen diese kleine Auswahl mit Beispielen des „alltäglichen Heiligen“ mit einem Vers des bekannten Malayalam Dichters K. Satchidanandan, der sich selbst ins Englische übersetzt. Er singt hier sein künstlerisches Manifest: Die Götter übersehen das Gleißen der Wörter nicht, sondern…

Leser fragen sich ob
das Gleißende
Stimme oder Stille ist,
Auch sie sehen diesen Gott
Auch sie begreifen die Grenzen
der Sprache und des Selbst.

Dichtung ist meine Religion
Der Glaube der Ungläubigen.


(Stammer and Other Poems, Konark Publishers, New Delhi, 2005

Priya Sarukkai Chabrias experimentelle, genreübergreifende Werke umfassen die Bereiche Fantastik, Sachbuch, Roman, Lyrik und Übersetzung. Zeitschriften/Anthologien: Anglophone Poems from Around the World, Caravan, IQ, Language for a New Century, Southerly, The British Journal of Literary Translation, The Harper Collins Book of English Poetry, Translating Bharat etc. Außerdem ist sie Lyrikredakteurin bei Poetry at Sangam. www.priyawriting.com/
Priya Sarukkai Chabria
Übersetzung: Claudia Richter