Essays

Zeitgenössische Lyrik in Shillong - ein Sonderfall!

Die rasant wachsende Stadt ist schon seit langem ein Knotenpunkt im Bereich Bildung und als solche ein Schmelztiegel der Kulturen und Wissenschaften.

Shillong war schon immer ein Nährboden für die Künste im Nordosten Indiens. Ob in der Musik oder in der Literatur, viele bekannte Künstler und Schriftsteller aus der ganzen Region haben zwangsläufig irgendeine Beziehung zu Shillong. Die rasant wachsende Stadt ist schon seit langem ein Knotenpunkt im Bereich Bildung und als solche ein Schmelztiegel der Kulturen und Wissenschaften. Lyrik konnte hier gut gedeihen, und so wurde auch die Halle, in der alle größeren Veranstaltungen stattfinden, nach dem berühmten Barden der Stadt benannt: U Soso Tham. Viele prominente Autoren, die die Lyrik des Nordostens von hier aus mitgestaltet haben, haben eine Beziehung zu dieser Stadt: entweder sind sie hier geboren oder haben hier gelebt oder studiert. Dazu gehören bekannte Dichter wie Mamang Dai, Temsula Ao, Robin Ngangom, Desmond Kharmawphlang, Kynpham S. Nongkynrih, Esther Syiem, Mona Zote und viele andere. Vielleicht haben sie jüngere Generationen inspiriert, denn immer mehr Menschen entscheiden sich für Lyrik als künstlerische Ausdrucksform.

Vor allem jüngere Autoren aus Shillong veröffentlichen ihre Lyrik gerne online - auf Webseiten, Blogs, und in den sozialen Medien. Der leichte Zugang und die große Reichweite hat viele junge Autoren ermutigt, ihre Werke online zu veröffentlichen. Die digitalen Medien ermöglichen ihnen, immer schnell auf die neusten Trends zu reagieren, was sie für die jüngere Generation umso attraktiver macht. Als Bühne für den eigenen lyrischen Auftritt mag das eine sehr moderne Präsentationsform sein, aber die Gedichte stehen dennoch in einem Spannungsverhältnis zu ihr: verbreitete Themen sind Verwurzelung, Geschichte und der Widerstand gegen die Auflösung von Kulturen und Sprachen angesichts der Angriffe durch unkontrollierte Modernisierung, skrupellosen Kapitalismus und Machtpolitik.

Ein interessanter Aspekt von Dichtung ist hier die Sprache. Die Geographie bringt es mit sich, dass die meisten Dichter hier mehrsprachig sind und in mindestens zwei Sprachen schreiben - ihrer Muttersprache und Englisch. Der verbreitete Gebrauch und die Kenntnis des Englischen in Shillong ist der Tatsache geschuldet, dass es die erste Fremdsprache ist, die an Schulen gelehrt wird. Außerdem sind in Shillong seit langem unterschiedliche ethnische Gruppen und religiöse Gemeinschaften beheimatet, was die Entwicklung des Englischen zur lingua franca begünstigte. Englisch ist für Viele, die die Sprache schon in ihrer Kindheit gelernt haben, das natürliche Medium für kritisches und kreatives Denken. Die meisten indigenen Sprachen werden nur in den jeweiligen Bundesstaaten unterrichtet. Die spannungsreiche Geschichte dieser Randregion in ihrer Beziehung zum Zentrum führte dazu, dass das Englische anstelle des Hindi, das als Sprache des Festlands gilt, als Amtssprache eingeführt wurde. Es ist deshalb nicht unüblich, dass Autoren ihre Gedichte zweimal schreiben, einmal auf Englisch und in ihrer Muttersprache.

Einer der ersten Dichter, die von dieser digitalen Plattform Gebrauch machten, war Baruk Jacob. Sein Blog Bottlebroke und später seine Webseite Feddabonn erreichte eine breite Leserschaft in Assam und anderen Staaten. Seine Gedichte “in your language, not mine” ("in Eurer Sprache, nicht in meiner") und "I will not floss" (Ich werde keine Zahnseide benutzen) sind schöne Beispiele für die Themen Verwurzelung und Widerstand, die bei sehr vielen Lyrikern in Shillong auftauchen. Das Gedicht "In eurer Sprache, nicht meiner" ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zu den indigenen Sprachen und würdigt das in diesen Sprachen verankerte, kulturelle Gedächtnis:

...
In your language, not mine
will tear at your histories
...
And when this well of anger
has boiled away
....
we will sit
and eat
and drink
together.


and laugh and even talk,
maybe
though in your language,
not mine.
(in your language, not mine – Baruk)


...
In Eurer Sprache, nicht in meiner
werde an Euren Geschichten zerren
...
Und wenn dieser Wutbrunnen
verkocht ist
....
werden wir
zusammen
sitzen
und essen
und trinken.


und lachen und sogar sprechen,
vielleicht
aber in Deiner Sprache,
nicht in meiner.
(in your language, not mine – Baruk)

Ein anderer Dichter ist Reuben Lulam. Tagsüber unterrichtet er Kampfsport und bloggt seine Gedichte auf der Seite Happy Red Rooster. Manche seiner Gedichte sind gedruckt und online erschienen, unter anderem in der Zeitschrift The Caravan. Sein Gedicht "Meine Leute" handelt von der Besessenheit vieler Zeitgenossen von westlichen Luxusgütern und der Missachtung unserer eigenen Schätze.

My people said there is meaning in the movement of trees.
They said there is meaning in the flight of the eagle,
meaning in the mood of these streams.
When swallows fly, rain is sure to follow.
But, fettered to the comforts of wide-screen-mode,
my people have forgotten;
and for twenty years now,
the swallows have stopped coming, flying in from across Barsati’s house.
(My People – Reuben Lulam)


Meine Leute sagten, die Bewegung der Bäume hat einen Sinn.
Sie sagten, der Flug des Adlers hat einen Sinn,
Die Stimmung dieser Flüsse hat einen Sinn.
Wenn Schwalben fliegen wird es Regen geben.
Aber: Gefesselt an die Bequemlichkeit des Breitwandbildschirms
haben meine Leute vergessen;
Und jetzt sind es schon zwanzig Jahre, dass die Schwalben nicht mehr
kommen, von Barsatis Haus hereinfliegen.
(Meine Leute - Reuben Lulam)

Avner Pariat, der Autor des Blogs From Mawlai ist ein bekannter Autor und Aktivist. Sein ergreifendes Gedicht 'Zuerst Khasis' handelt von den Veränderungen im Land, die mit wirtschaftlichem Wachstum einhergehen, wie das Zurückdrängen von Landschaften und Wäldern, oder von traditionellen Weltanschauungen und Werten, um den Weg frei zu machen für 'Entwicklung' und 'Fortschritt':

And as children, elders told us never to disturb the stones –
That is, the flat dolmen and the upright monoliths around it.
So we revered the stones, gave thanks to them, remembered.
We were Christians, but Khasis first.
...
Now the sacred stones are strewn aside, waiting to be ground;
Sacred woods are now in the way of progress and bulldozers.
Now we can explain away the fears, the tales of magical events
We are hardly Christians and no longer Khasis.
(Khasis First – Avner Pariat)


Und als wir Kinder waren sagten uns die Erwachsenen wir sollten
nie die Steine stören -
Also die flachen Dolmen und die aufrechtstehenden
Monolithen um sie herum.
Also verehrten wir die Steine, sagten ihnen Dank, erinnerten.
Wir waren Christen, aber zuerst Khasis.
...
Jetzt sind die heiligen Steine beiseite geworfen, sie warten darauf,
zermahlen zu werden;
Jetzt können wir die Ängste wegerklären, die Erzählungen von
märchenhaften Begebenheiten
Wir sind kaum noch Christen und keine Khasis mehr.
(Khasis First – Avner Pariat)

Bei den Gedichten von Jobeth Warjri handelt es sich um einzigartige Nacherzählungen mündlich überlieferter Volkssagen und traditioneller Bräuche. Gedichte wie “Pahsyntiew”, “Die Fischerin (Ka Lidakha)” und “Shad Suk Mynsiem” beziehen sich auf Mythen und traditionelle Vorstellungen und verwenden diese als Metaphern und Analogien für den Überlebenskampf einer Volksgruppe, eines Individuums, oder genderspezifischer Gruppen in einem modernen Kontext:

...
It wells up inside me, a scream
Against a dance that seems
Futile.
It was only yesterday that shots
Were fired in the marketplace
And I watched
Blood becoming one with soil.

But the memory is erased-
Eclipsed by the necessity to preserve a custom
Of hope
As I witness the Dance of Peace
In a world that has none.
(Shad Suk Mynsiem – JobethWarjri)


...
Es quillt in mir hoch, ein Schrei
Gegen einen Tanz,
der vergeblich erscheint.
Erst gestern wurden Schüsse
auf dem Marktplatz abgefeuert
Und ich sah
Wie Blut und Boden eins wurden.

Aber die Erinnerung ist getilgt -
Überschattet von der Notwendigkeit, einen Brauch der Hoffnung zu
bewahren,
Während ich dem Tanz des Friedens beiwohne
in einer Welt, die keinen hat.


In dem Gedicht "Eine Khatduh zu sein" schreibt Amanda Basaiawmoit über die Komplikationen, die es mit sich bringt, eine "khatduh" zu sein - die jüngste Tochter in einer Familie, der traditionsgemäß die Verantwortung zukommt, das Haus, die Familie und den Clan zu betreuen. Sie untersucht diese Zwangslage und die häufig mit der Pflege solcher Traditionen einhergehende Scheinheiligkeit, während die Gesellschaft auf dem Weg ist, sich moderneren Konzepten von Familie zuzuwenden.

Yes, even falling in love and marriage
Had conditions
The first was a case of
If you take me, you must accept two
Perhaps an emotional blackmail.
The second which frightened many
Was that I was a Khatduh
I inherit a houseful of responsibility
Family and the clan.

Here suitors’ negotiations began
Modernity demanded change
....
(On being a Khatduh - Amanda Basaiawmoit)


Ja, sogar für das sich Verlieben und die Ehe
gab es Bedingungen
Das erste war ein Fall von
Wenn Du mich nimmst, musst Du zwei akzeptieren,
vielleicht emotionale Erpressung.
Das zweite, das Viele ängstigte,
war, dass ich eine Khatduh war,
Ich erbe ein ganzes Haus voller Verantwortung,
Familie und Klan.

Hier fingen die Verhandlungen der Bewerber an,
Die Moderne verlangt Veränderung
...
(Eine Khatduh zu sein - Amanda Basaiawmoit)


Donboklang Ryntathiang ist Dichter und Musiker. Er schreibt Gedichte, die sich mit der Identität der Khasi beschäftigen, und mit den Versäumnissen, die er dieser Volksgruppe zur Last legt. Seine Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft äußert sich in gewitzter, heiterer Satire. In seinem Gedicht “Maram Sahbiej from Wahrit” schreibt er über die Vorurteile, die verwestlichte Städter den Bewohnern ländlicher Gegenden entgegen bringen:

Here in Mawlai I am clad in the infamous garb of a Maram.
"Go back to your Wild West Khasi Hills, you son of a maram", the customary reprimand of my father's kin, the original inhabitants of Mawlai.


Hier in Mawlai trage ich die schändliche Tracht eines Maram.
"Geh zurück in deine Wild West Khasi Berge, Du Maram-Sohn", so der übliche Tadel an der Sippe meines Vaters, der ursprünglichen Bewohner von Mawlai.


Er schreibt auch über seinen Großvater, einen traditionellen Heiler, dessen Ansehen in der Gesellschaft rasant an Bedeutung verliert.

The wise Doctor from civilized Shillong comes on a Friday only.
Do they miss my grandfather, a quack, an ignorant man who showed them patience and the
'Tiew lily in his garden when they broke a leg?
(Maram Sahbiej from Wahrit-Donboklang Ryntathiang)


Der weise Herr Doktor aus dem zivilisierten Shillong kommt nur am Freitag.
Fehlt ihnen mein Großvater, ein Quacksalber, ein unwissender Mann, der ihnen Geduld
entgegenbrachte und die
Lilie in seinem Garten, wenn sie ein Bein gebrochen hatten?
(Maram Sahbiej from Wahrit-Donboklang Ryntathiang)


Amanda Tongpers Gedichte wecken Erinnerungen mit all der Einzigartigkeit und Besonderheit, die die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk mit sich bringt, samt seiner spezifischen Eigenarten:

Marbles.
And our voices rose up with the dust at sunset. Your mother wailed your name like an effective abuse. She said she would beat you up with a broom. You continued…3, 9, 12, 16, 8, fif, pot. We won. (Signs)


Murmeln.
Und unsere Stimmen erhoben sich mit dem Staub im Sonnenuntergang. Deine Mutter jaulte Deinen Namen wie ein wirkmächtiges Schimpfwort. Sie sagte sie würde dich mit einem Besen verprügeln. Du machtest weiter... 3, 9, 12, 16, 8, piff, eingelocht. Gewonnen.


Obwohl sie sagt, dass ihr ihre eigenen Gedichte höchst peinlich sind, hat sie das Gefühl, dass sie schreiben muss - für etwas in ihr, für etwas um sie herum:

I cannot write without losing my mind. I cannot write without breaking. If I wake up one memory, the others wake up. His name is just a house built on a hill-top of inheritance. We can tear that house down, you and I, but the hill remains.
(Objections – Amanda Tongper)


Ich kann nicht schreiben ohne meinen Verstand zu verlieren. Ich kann nicht schreiben ohne zusammenzubrechen. Wenn ich eine Erinnerung wecke, wachen andere mit auf. Sein Name ist nur ein Haus, das auf der Hügelspitze einer Erbschaft steht. Wir können das Haus niederreißen, du und ich, aber der Hügel bleibt.
(Einwände – Amanda Tongper)


Jenseits digitaler Plattformen trifft sich die wachsende Gemeinschaft von Dichtern in Shillong oft um 'sha' (Tee) zu trinken und Texte und Ideen auszutauschen. Man trifft sich am liebsten am örtlichen Teestand oder zuhause. Die meisten Dichter sind sehr gebildet, einige arbeiten an Universitäten, aber sie verorten sich außerhalb des Mainstream. Das wird deutlich an dem ausgeprägten sozialen Gewissen und an der Menschlichkeit, die diese Gedichte durchdringt. Obwohl die meisten Autoren auf Englisch schreiben und ihre Gedichte online publizieren hat sich ihre Verwurzelung in Kultur und Tradition und ihre Haltung zum Menschsein nicht geändert. Der Hügel bleibt.

Lalnungsanga Ralte unterrichtet englische Literatur und ist derzeit Doktorand an der Northeast Hill University (NEHU). Er ist Mitglied des North East Writers Forum und hat seine Arbeiten in zahlreichen literarischen Veranstaltungen in ganz Indien präsentiert. Seine Gedichte und Schriften wurden in mehreren Online-Magazinen veröffentlicht. Er hat auch an literarischen Übersetzungen gearbeitet (von Mizo ins Englische).
Lalnunsanga Ralte (Sanga )
Übersetzung: Claudia Richter