Chronik

Aufgefädelte Worte in der Stadt der Perlen – eine Begegnung in Hyderabad

Foto: Goethe-Institut / Vivek Muthuramalingam

Die Stadt ist so bekannt für die Spezialität Biryani, dass der deutsche Lyriker Tom Schulz beim Frühstück alle im Scherz fragte, ob sie das Gericht auch zum Frühstück essen würden. Dies und Weiteres über die achte Begegnung im Rahmen des Projekts Poets Translating Poets.

Der indische Dichter Jeet Thayil hüpfte am zweiten Morgen der Poets Translating Poets-Begegnung in Hyderabad geradezu ausgelassen herum. Er und die ebenfalls englischsprachige indische Dichterin Sridala Swami hatten den Großteil des ersten Tages mit der deutschen Lyrikerin Sylvia Geist verbracht, ganz versunken in der gemeinsamen, von Jeet als „inspirierend“ beschriebenen Arbeit.

Gegenseitig nahmen sie dabei den Hauch des Zauberhaften in ihren Gedichten wahr, öffneten Türen zu einer neuen Welt und erhellten auch neue Aspekte an den eigenen Gedichten.

Foto: Goethe-Institut / Vivek MuthuramalingamAus dem produktiven Miteinander ergab sich die Idee, nicht nur die Dichtung des jeweils anderen zu übersetzen, sondern auch die eigenen Gedichte umzuschreiben. Die Begegnung miteinander ließ die eigenen alten Gedichte neue Züge annehmen, und so entschieden sich die zwei, eigene Gedichte für eine Veröffentlichung neu zu bearbeiten. Jeet verriet, er würde die neue Fassung für eine kommende Veröffentlichung verwenden. Irgendetwas hatte sie beide angesprochen. „Es war da das Gefühl eines gegenseitigen Verstehens. Es gab da nichts, was man dem anderen noch hätte erläutern müssen,“ so Sylvia.

Während bei ihnen die übersetzten Worte zu einer Halskette aus einander vertrauten anglo-deutschen Zusammenhängen gereiht wurden, rieben an anderer Stelle zwei einander komplett fremde Sprache ihre Köpfe vor dem neuen Horizont aneinander. Die bekannten Telugu- and Urdu-Dichter Jayaprabha und Jameela Nishat stießen Buddhas und Burkhas aus anderen weltlichen Versen auf die Seiten des deutschen Lyrikers Tom Schulz.

Es war die achte Begegnung im Rahmen des PTP-Projekts, und diese war eine besonders einmalige, da das Deutsche und zwei indische Sprachen auf einander trafen, die im Laufe des letzten Jahrtausends zu heimischen Sprachen geworden sind: Urdu und Englisch. Dieses Nebeneinander der sprachlichen Zusammenhänge formte einige überraschende Eigenschaften aus, ließ den Schmuggel von vielfältigen poetischen Formen und Ausdrucksweisen in all ihrem Glanz und Wildheit deutlich werden und offenbarte in dieser intensiven Begegnung die Herrschaft von globalen Sprachen wie dem Englischen.

Urdu, Englisch, Telugu und Deutsch

Foto: Goethe-Institut / Vivek MuthuramalingamDer indische Subkontinent besitzt eine sprachliche Vielfalt, die beeindruckt – allein in Indien gibt es 28 offizielle Sprachen mit 1200 Dialekten. Ein Projekt im Umfang von PTP musste sich der herausfordernden Aufgabe stellen, eine passende Auswahl aus diesen Sprachen zu treffen – und dies nicht nur vor dem Hintergrund des gegebenen Reichtums der Literatur, sondern mittels der Infrastruktur und organisatorischen Hilfe anderer Goethe-Institute und Zentren sowie passender Interlinearübersetzer, die diese Sprachen wie das Deutsche meisterhaft beherrschten.

Da das Goethe-Zentrum in Hyderabad als einer der Veranstalter fungierte, hatte die Vorgabe, drei Sprachen miteinander korrespondieren zu lassen, besondere Folgen. Hyderabad, die heutige Hauptstadt von Telangana, war seither die Hauptstadt eines Staates mit einer Telugu-sprechenden Mehrheit. Da Urdu die am zweithäufigsten gesprochen Sprache vor Ort ist, fiel die Wahl so natürlich auf Telugu und Urdu als den zwei Korrespondenzsprachen. Das Englische, das auf dem Subkontinent ganz zweifelsohne eine große Rolle spielt, bekam ebenfalls seinen Platz, so dass sich eine einmalige Gemengelange für diese Begegnung ergab.

Die komplizierte Grundstruktur des sprachlichen Pluralismus in Indien kam bei dieser Begegnung ganz offen zum Ausdruck. Die deutschen Dichter übersetzten zunächst die ihnen geläufige alphabetische Schrift und deren kulturellen Kontexte der anglophonen Dichter und sahen sich dann versetzt in die für sie vollkommen unvertraute Kontexte, Schriftsysteme und Klänge des Teluguischen und Urdu.

Eine Kapitulation

Alle beteiligten Dichter waren gefragt, sich auf die Welt, in die sie sich hineinbegaben oder zu der sie Zugang boten, vorzubereiten. Jayaprabha beispielsweise zeigte sich im Vorhinein befangen im schwierigen Umgang mit der fremden Sprache. „Also entschied ich mich für Gedichte, die komplex sind, dabei aber für jemanden, der die Arbeiten und Sprache nicht kennt, doch leicht nachvollziehbar sind.“ Auf der anderen Seite präsentierten auch die deutschen Dichter Gedichte, von denen sie annahmen, dass diese sich in die gegebenen Zusammenhänge bringen ließen. Wie Toms Mantra, von dem er annahm, „daß die indischen Schriftsteller damit etwas anfangen könnten – wegen des Titels und der Struktur.“ Solche Vorüberlegungen schufen dann tatsächlich ein gegenseitiges Miteinander und halfen, mit den jeweiligen dichterischen Techniken bekannt zu machen.

Das schuf untereinander Vertrauen. Während sie ihre Gedichte erläuterte, gab Sylvia den Übersetzern freie Hand bei der Übersetzung ihres Gedichts Schatzsucher und erklärte, diese könnten nach eigenem Ermessen Entscheidungen treffen. Ihrerseits waren die übersetzten Dichter dann überrascht, wie sich der Tonfall in der Übertragung veränderte – das galt für Tom, der sehr klare Vorstellungen von seinen Arbeiten vermittelte, wie auch für Sylvia, die sie als eine leere Leinwand präsentierte. „Deine Sprache ist mir komplett fremd. Ich muss es einfach versuchen und verstehen, was ich kann, und mich Dir bei allem übrigen anvertrauen.“ So ihre Erklärung. Sie gingen diese Herausforderung mit Elan an.

Was Tom dabei erfahren konnte, barg einen noch erhöhten Grad von Komplexität. Die produktive Auseinandersetzung mit den beiden älteren Dichtern in den zwei Sprachen, die ihn mit einer Fülle von Fragen versahen, die sie in dem von härteren, runden Konsonanten geprägten Telugu und dem weicheren, lang gezogenen Urdu formulierten, nahm ihn vollkommen ein. „Klänge, Vokale, rhythmische Strukturen, die Denkweisen der Dichter, Aussagen – es gab so viele Ebenen, mit denen man sich auseinanderzusetzen hatte,“ erläuterte er. „Am Ende erlaubten wir den anderen, ein vollkommen neues Gedicht zu liefern – in einer vollkommen neuen Sprache,“ so Tom. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die indischen Dichter bereits mit seiner Arbeitstechnik vertraut gemacht. „In seiner Dichtung werden eine Reihe von blitzartigen Bildern und Ideen vorgestellt, die alle einander entgegengesetzt werden,“ beschrieb es Sharayu Ghurye, der Interlinearübersetzer für Deutsch-Telugu.

Von poetischen Formen und der Schlinge

Foto: Goethe-Institut / Vivek MuthuramalingamDie Begegnung übertraf die Erwartungen, die vorab von einer von Sprachgrenzen vorgegebenen Vorstellung bestimmt waren. Von der indischen englischsprachigen Dichtung wurden Sonette, freie Versformen und lyrische Rede erwartet. „Das alles kenne ich gut,“ sagte Sylvia. Aber es gab da auch Formen, die die Dichter aus anderen Sprachen entführt hatten. Das lyrische Gedicht, das Sonett, die freie Versform… sie entstammen einer hegemonialen Kultur, sind nach und nach in unsere eigenen lokalen Kulturen eingesickert. Und dann gibt es Gegenbewegungen und Anleihen von beiden Seiten. Sridalas No Thirteen Ways About it besitzt die Form des Ghazals – eine Urdu-Form, die aus Reimpaardichtung mit einem Refrain besteht, bei der jede Zeile das gleiche Metrum aufweist. Die Form wird zur Forderung an das Publikum, den Refrain selbst zu komplettieren. Etwas, was gerade Sylvia faszinierte. „Das ist ganz einmalig. Ich werde das vielleicht in meinen Arbeiten verwenden,“ erklärte sie später am Abend. Ergebnis eines solches Projekts ist eben auch ein Austausch der Kulturen und die Vorstellung, wie ein solcher Prozess das eigene Werk und die eigene Produktion in Zukunft beeinflussen kann.

Doch die Grenzen einer Form ermöglichen es auch und ermuntern dazu, eine neue Freiheit in der Kunst zu entdecken. Mit Sylvias Worten: „Eine Form ist wie ein Seil, das in bestimmter Weise um meine Beine geschlungen ist, so dass ich auf eine bestimmte Weise nicht laufen kann. Aber ich kann tanzen…“

Und sie tanzten tatsächlich – die englischsprachigen Dichter mit ihren eigenen Gedichten, während sie in den ihnen neuen deutschen Worten Altbekanntes entdeckten (Sridala fiel auf, dass das deutsche Wort Nabelschnur dem Wort nabhi in Sanskrit ähnelt). Der Urdu-Dichter feierte die Elastizität der Sprache, die eine freiere Bewegung in der Übersetzung zulässt („Urdu mein lachkiya hai… bahut gunjayishein hain“ – „Urdu erlaubt eine große Elastizität und ist voller Möglichkeiten,“ erklärte Salman Abbas, der Urdu-Deutsch-Übersetzer). Der Telugu-Dichter spielte mit den Seilen aus neuen Bilder und Entgegensetzungen. Und die deutschen Lyriker taten dies mit der Kurvenlinie der drei Sprachen, die zwei ganz unterschiedlichen Öffentlichkeiten im Goethe-Zentrum Hyderabad und beim Kalaghoda Arts Festival in Mumbai nahegebracht wurden.
Rashmi Dhanwani
Übersetzung : Nils Plath