Bildende Kunst

Datenstrukturen – eine Ausstellung des Berliner Architekten Jürgen Mayer H.

Die Berlinische Galerie, das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, zeigt nach vier Jahren wieder einen Vertreter zeitgenössischer Berliner Architektur: Jürgen Mayer H., Grenzgänger zwischen Architektur, Design und Bildender Kunst.

Magische Pilze

Für Jürgen Mayer H. müssen es am 15. Mai 2011 Bilder gewesen sein, die er sich anders kaum hätte wünschen können: unter der von ihm errichteten architektonisch-skulpturalen Großstruktur versammeln sich, nur wenige Wochen nach deren Einweihung, spontan hunderte von Menschen. Es ist, als ob sie einen demonstrativen Beweis der Funktionalität des Gebäudes erbringen wollen: sie gebrauchen es, nehmen es an.

Der Metropol Parasol, die an eine Gruppe von Pilzen erinnernde Multifunktionsarchitektur auf der Plaza de la Encarnacíon im spanischen Sevilla, gehört unter den vielgestaltigen Bauten des von Jürgen Mayer H. 1996 in Berlin gegründeten Architekturbüros J. MAYER H. zu den spektakulärsten. Die mitunter als „größte Holzstruktur der Welt“ bezeichnete Konstruktion (gleichzeitig ist sie vermutlich die größte Struktur der Welt, die mit Klebstoff zusammengehalten wird) wurde im April 2011 fertiggestellt. Der mehrstöckige Metropol Parasol vereint neben einer über große Treppen erreichbaren Plattform unter anderem eine Stätte archäologischer Ausgrabungen, eine Markthalle, ein Restaurant und einen Aussichtspfad mit Blick auf die Dächer der Altstadt von Sevilla.

Gegen die „Kritische Rekonstruktion“

Der 1965 in Stuttgart geborene Jürgen Mayer H. (eigentlich Jürgen Hermann Mayer), der in seiner Geburtsstadt und den USA studierte, zählt durch Bauten wie den Parasol mittlerweile nicht nur zu den bekanntesten Architekten seiner Generation aus Deutschland. Sein Büro wird auch zunehmend als eine jener spezifisch Berliner Ideenschmieden wahrgenommen, die sich eigenwillig und mittlerweile erfolgreich gegen die in den 1990er-Jahren für die deutsche Hauptstadt festgelegte Leitlinie der „Kritischen Rekonstruktion“ und ihrem Resultat einer Architektur aus Steinfassaden mit Rasterelementen zur Wehr setzen.

Nicht zuletzt dies dürfte für die Berlinische Galerie, das Berliner Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Grund genug gewesen sein, nun eine Ausstellung mit dem auch als Designer und Bildendem Künstler hervorgetretenen und vielfach ausgezeichneten Architekten zu organisieren: Bei RAPPORT – Experimentelle Raumstrukturen, so der Titel der Ausstellung, erstreckt sich in der Eingangshalle des Museums raumgreifend bis zu 8,5 Meter Höhe an Wänden und Boden ein schwarz-grauer Teppich. Dessen Farbstruktur besteht aus jenen alltäglichen aber meist wenig beachteten, repetitiven Datensicherungsmustern, die man aus dem Inneren von Briefumschlägen oder vom Äußeren von Gehaltsmitteilungen kennt.

Die von Museumsdirektor Thomas Köhler als „architektonische Intervention“ bezeichnete Arbeit, als „Architektur, ohne dass etwas gebaut wurde“, soll nicht nur die in der Berlinischen Galerie vergleichsweise vernachlässigte Komponente eines auch Architektur ausstellenden und sammelnden Museums stärken. Als vornehmlich räumlich-grafisches Werk, das mit Sitzplastiken, einigen dreidimensionalen Kleinskulpturen und einer recht bescheiden inszenierten DV-Dokumentation der Arbeiten von Jürgen Mayer H. ergänzt ist, soll bei RAPPORT auch der „grafische Ursprung“ seiner Architekturen, die Genese seiner Entwürfe aus dem Zwei- ins Dreidimensionale hervorgehoben werden.

Von der Kunst her denken

Tatsächlich dienen Strukturen wie jene Datensicherungsmuster dem Architekten nicht nur als visuelles Thema für Gestaltung (1998 gewann er den Wettbewerb der S-Bahn Berlin für das seitdem bekannte Innendesign der Züge mit ähnlich gemusterten Antigraffiti-Folien), sondern auch als Ansporn, neue Materialien und Formen in der Architektur zu erproben: Auch etwa die 2006 realisierte und zu großen Teilen aus mit Polyurethanen behautetem Holz bestehende Mensa Moltke, die Mensa für Fachhochschule, Pädagogische Hochschule und Kunstakademie in Karlsruhe, generiert sich in ihrer formalen Struktur weitestgehend aus solchen Mustern.

Doch es sind nicht nur Strukturen, die den, wie er sagt, „von der Kunst her“ denkenden Architekten interessieren, sondern auch die technische Beschaffenheit von Oberflächen. Sein Büro experimentiert mit wärmeempfindlicher Farbe und Thermooberflächen, die etwa gespeicherte Körperwärme optisch wiedergeben und so kurzzeitige Farbmarkierungen der entsprechenden Körperteile an gerade benutzten Möbeln oder Bettwäsche ermöglichen. Indem man bei RAPPORT in der riesigen Musterstruktur des (eher harten) Teppichs optisch geradezu versinkt und doch nach dem Subjekt im Datengitter sucht, visualisiert die Ausstellung das grafische Ursprungsmoment des für Jürgen Mayer H. wichtigsten architektonischen Experiments, dem Dialog zwischen Körper und Objekt.

„RAPPORT. Experimentelle Raumstrukturen von J. MAYER H.“, Ausstellung in der Berlinischen Galerie, 16. September 2011 bis 9. April 2012
Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin und lehrt Visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.

Fotos „Metropol Parasol“ und „Mensa Moltke“: David Franck, DavidFranck.de

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Oktober 2011

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