Jenseits der Liebhaberei – Impulse für die Chormusik

In Dortmund fand vom 22. bis zum 25. September 2011 zum ersten Mal die Fachmesse chor.com statt, die zum Treffpunkt einer vitalen Szene in Deutschland und Europa werden soll. Ein Rundgang durch die Halle zeigt, ob die Veranstaltung halten konnte, was sich Sänger, Chorleiter und Organisatoren davon versprachen. Hier eine Melodie von Brahms, da ein wenig Jazzgesang, dort zeitgenössisch Komplexes – die Workshops auf der chor.com erfreuten sich nicht nur eines regen Interesses, sondern zeigten bereits durch ihre thematische Ausrichtung, wie vielfältig die deutsche Chorszene inzwischen agiert. Ungefähr 2,4 Millionen Chorsänger gibt es hierzulande. Mit der chor.com haben auch sie jetzt ein eigenes Forum, das alles auf einmal ist – Weiterbildungseinrichtung, Kontaktbörse, Kongress, Konzertveranstaltung und sogar Marktplatz für Chorartikel aller Art: vom richtigen Menthol-Balsam für die Stimme, bis hin zur Anstecknadel oder Chorsängerkrawatte.
Schöne, bunte Chorwelt
Aber wie soll sich jemand orientieren, wenn in drei Tagen allein 120 Workshops angeboten werden? „Es gab ja so vieles: Kinder- und Jugendchor, Erwachsenenchor, Kirchenchor, Männerchor, Jazz- und Gospelchor, südamerikanische oder afrikanische Chormusik. Da war es schwierig sich zu entscheiden“, bemerkte ein Chorleiter. Und selbst wer sich beispielsweise nur auf moderne Chormusik festlegen wollte, musste überlegen, welche der gleichzeitig laufenden Veranstaltungen wohl am lohnendsten sein könnte. Da stand „Zeitgenössische Musik und Improvisation“ in Konkurrenz mit „Probentechniken für zeitgenössische Chormusik“ und anderen grundlegenden Themen. Viele Anregungen also, um sich auch grundsätzliche Gedanken über die eigene Kunst zu machen.
Zwar war die Messe in erster Linie eine Veranstaltung für Fachleute, aber auch die Dortmunder profitierten von dem Chorspektakel. In der „Nacht der Chöre“ fanden in der ganzen Innenstadt Konzerte statt. Viele angereiste Chöre sangen Programme, die ebenso vielfältig waren wie das Angebot der Workshops. Da wurde „Ein Vorgeschmack des Himmels“ für diejenigen versprochen, die sich mehrchörige geistliche Musik aus dem 17. Jahrhundert anhören wollten. Man konnte sich aber auch an skandinavischer Chormusik erfreuen oder ein Konzert besuchen, das eine musikalische Reise „In 40 Minuten um die Welt“ offerierte.
Zuhören war eine Seite, Praxis eine andere. Hobbysänger konnten zusammen mit dem Rundfunkchor Berlin unter Leitung des charismatischen und humorvollen Dirigenten Simon Halsey im mondänen wie modernen Dortmunder Konzerthaus konzertieren. Hierfür brauchte man „nur“ den eintägigen Workshop „Mitsingkonzert: Johannes Brahms – Ein deutsches Requiem“ besuchen. Die Teilnahme an allen anderen Workshops, die an diesem Tag stattfanden, war damit freilich passé, aber wo sonst hat man die Gelegenheit, als Amateur mit einem der besten Chöre der Welt eines der bedeutendsten Chorwerke aufzuführen? Mit diesem Konzert wurde ein wenig auch das verwirklicht, was Simon Halsey an der Chormusik generell so begeistert: „Chormusik ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Diese Kunstform ist praktizierbar und offen für alle. Sie verbindet verschiedene Gemeinschaften und Nationalitäten in einer großen, internationalen Bewegung.“
Praxis und Perspektiven
Die zahllosen Workshops und Konzerte liefen ab wie am Schnürchen. Auch deshalb konnten die Teilnehmer eine Fülle an Anregungen für ihre eigene Arbeit mit nach Hause nehmen. Chorleiter konnten lernen, wie sie ihre Probenmethoden effektiver gestalten, welche gesangsfördernde Wirkung das Üben ohne Noten hat und welche große Bedeutung der eigenen Ausstrahlung zukommt. Und die chor.com hat auch gezeigt, dass kein Bereich der Chormusik zurzeit so viel Aufwind erfährt wie Jazz und Pop. In den vielen Workshops ging es zum Beispiel um die Technik des „Vocal und Body Percussion“ oder Jazz-Improvisationen. Die deutsche Chorszene hat sich längst von ihrem verstaubten Image befreit. Mehr noch: Mittlerweile gibt es auch hierzulande vorzügliche Jazz- und Popchöre, denen es gelingt, die aufblühende Jazzszene weiter zu motivieren.
Darüber hinaus hat die Messe noch andere Impulse gesetzt. So wurde unter dem Titel Visions – gebt uns Noten ein Kompositionswettbewerb für Chorliteratur im Jazz, Pop und Rock ausgeschrieben. Von den etwa siebzig eingereichten Kompositionen hat eine Jury neun Gewinner ermittelt. Deren Stücken wurden von den Fabulous Fridays, dem JazzPopChor der Universität der Künste Berlin, im Jazzclub „domicil“ einem begeisterten Publikum präsentiert. Und damit auch die interessierten Laienchöre in Zukunft etwas davon haben, werden die Gewinnerstücke von einem Verlag veröffentlicht. So bekommen die Jazzchöre neue Literatur und die Szene wird gefördert. Das Konzept, alle wichtigen Akteure zusammenzuführen, um auf diese Weise neue Impulse zu setzen, hat sich bewährt. Die nächste chor.com wird daher in zwei Jahren diese Arbeit fortsetzen.
arbeitet als Journalist und Autor unter anderem für Deutschlandradio Kultur.
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Oktober 2011
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