Gesellschaft

Mode im Irak

Strassenbild in Erbil, lachicaphoto CC BY-(NC-ND2.0)
Strassenbild in Erbil, lachicaphoto CC BY-(NC-ND2.0)

Der Irak. Terroranschläge, Entführungen und Krieg. Das Bild der Frau – unterdrückt, unterlegen, verschleiert, in Schwarz gehüllt?

Diese Frauen findet man auch im Stadtbild von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Außerdem sind aber auch viele junge, für westliche Verhältnisse ‚modisch‘ gekleidete Frauen im Stadtbild Erbils zu sehen. Zum Beispiel an den Universitäten.

 
Neben dem Studieren geht es darum, zu sehen und gesehen zu werden. Schließlich finden sich hier die meisten Pärchen, die später heiraten. Daher wird ein Outfit äußerst selten an zwei Tagen nacheinander getragen wird und ruft Verwunderung, vielleicht sogar so etwas wie Mitleid aus. Das versichern mir jedenfalls meine acht Mitbewohnerinnen in Erbil. Seit zwei Monaten bin ich nun in dieser Stadt, und jeden Morgen gespannt, was meine acht Mitbewohnerinnen heute wohl tragen werden.

Heute ist meine Zimmergenossin , Rojin als erste bereit um in die Uni zu gehen. Sie trägt weiße High Heels, eine eng anliegende rote Röhrenhose, dazu ein weißes enges Oberteil mit kurzen, zusammengerafften Ärmeln. Kombiniert hat sie das Ganze mit einem breiten roten Gürtel an der Taille. Ihre langen Haare fallen gelockt auf ihre Schultern. Passend zum Rest steckt eine rote Schleife darin. Ihr Lippenstift hat den gleichen roten Farbton wie die Röhrenhose.

Das Outfit hat sie sich nicht an diesem Morgen ausgesucht. Am Abend vorher beginnen meine Mitbewohnerinnen verschiedene neue oder altbewährte Kleidungsstücke auszuprobieren. Dann begutachten wir uns gegenseitig. Ich mache jetzt auch schon mit. Mein Urteil lautet meistens: „zor cane“ – sehr schön.

Kleidung und Mode werden häufig als etwas Oberflächliches und Nichtssagendes betrachtet. Menschen, die sich zu sehr damit beschäftigen was sie anziehen und wie sie aussehen, werden damit auch als oberflächlich abgestempelt. Aber jeder von uns, egal ob in Deutschland, im Irak oder sonstwo auf der Welt, muss die Entscheidung treffen, was er oder sie anzieht. Mit dieser Kleidung beabsichtigen wir uns in der Öffentlichkeit auf bestimmte Weise selbst darzustellen. Arbeitet jemand als Direktor einer Bankfiliale, so sind in Deutschland und im Irak Anzug und Kravatte angemessen. Die Intention ist ganz einfach die, seriös zu wirken.

Aber um auf die Frauen in Kurdistan zurückzukommen: Welche Absicht verbirgt sich hinter welcher Kleidung? Was sagt sie über diese Frauen, und vielleicht auch über ihre Position in der kurdischen Gesellschaft aus?

Innerhalb der kurdischen, überwiegend muslimisch geprägten Gesellschaft tritt eine Frau idealerweise mit Kopftuch, in dezenten Farben oder in einen schwarzen Umhang gehüllt, auf. Körperformen sollen möglichst unsichtbar sein. Eine bewusste Betonung des weiblichen Körpers richtet sich gegen dieses Ideal. Frauen nehmen sich damit das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Auch die bewusste Entscheidung, einen schwarzen Umhang zu tragen, ist als Akt der Selbstbestimmung, als ein Stückweit mehr Freiheit zu betrachten. Es kommt auch mal zu widersprüchlichen Kleidungsstilen. Auf dem Campus sieht man Mädchen in enger, figurbetonter Kleidung und starkem Makeup. Dazu tragen sie (aber) das Kopftuch.

„Weißt du, dass die Mädchen mit Kopftuch häufig die schlimmsten sind? Die haben dann meist was mit Jungs am Laufen.“ Zitat einer Mitbewohnerin.
Vielleicht dient das Kopftuch daher auch dazu, sich (männerdominierte) Räume und Rechte zu erkämpfen. Das Kopftuch kann auf die Religiosität und moralische Integrität einer Frau hinweisen und so ihr Auftreten in bestimmten Männerdomänen rechtfertigen. Es kann vor männlicher Anmache schützen. Natürlich bedeutet das nicht, dass es nicht gleichzeitig aus tiefer religiöser Überzeugung getragen wird.

Aus meinen täglichen Erlebnissen weiß ich, dass eine Frau in figurbetonter Kleidung nicht fortschrittlicher sein muss als eine traditionell verschleierte. Auch die Entscheidung der Frau, ein Kopftuch zu tragen, kann emanzipatorisch sein. Wichtig ist nur, dass Frauen das Recht haben über ihre Kleidung und damit ihren Körper, und die Botschaft die sie senden wollen, selbst zu bestimmen. Dass wir heute im Stadtbild von Erbil sowohl vollverschleierte, als auch Frauen in figurbetonter Kleidung sehen, zeigt, dass immer mehr verschiedene Kleidungsstile und damit verbundene Lebensweisen akzeptiert werden. Diese Entwicklung zeigt sich in meinen Augen in den drei kurdischen Städten Erbil, Dohuk und Suleimania gleichermaßen. Sich ganz den gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen, ist wohl nirgends auf der Welt möglich. Aber vielleicht ist das auch gut so. Wen freut es nicht zu hören, dass man „zor can“, sehr schön aussieht.

Schluwa Sama ist Politikwissenschaftlerin und aus Berlin. Gerade ist sie für drei Monate in Erbil, im Norden Iraks, und macht ein Praktikum am Goethe-Institut.

Copyright: Zuerst veröffentlicht bei Li-lak 

Juni 2011

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