Europa

Im Dienste der Verständigung – Dolmetsch- und Übersetzungsdienste der EU

© colourbox© colourboxWas vor gut vier Jahrzehnten mit vier Sprachen begann, ist längst einem babylonischen Sprachengewirr gewichen. Die Europäische Union, das sind seit der sechsten Erweiterung 2007 eine halbe Milliarde Menschen aus 27 Ländern, die abgesehen von unzähligen nationalen, regionalen und lokalen Idiomen 23 verschiedene Amtssprachen sprechen und sich dabei Schriften aus drei Alphabeten bedienen. Reichlich Arbeit, um in diesem Chaos für Verständigung zu sorgen.

Bestimmt nicht zufällig hat die allererste Verordnung, die sich die erste europäische Gemeinschaft „Montanunion“ 1958 gegeben hat, der Sprachregelung zwischen ihren sieben Grünungsmitgliedern gegolten. Miteinander multipliziert ergaben Deutsch, Französisch, Italienisch und Niederländisch damals ein Dutzend mögliche Sprachkombinationen. Eine überschaubare Größe verglichen mit den 506 Paarungen, auf die man mit den 23 Amtssprachen von heute kommt. Und ein Ende ist nicht absehbar. Schon stehen gut ein halbes Dutzend weiterer EU-Beitrittskandidaten in den Startlöchern. Gleichzeitig verlangen baskische, katalanische, galizische und korsische Sprachminderheiten Gleichbehandlung mit dem als EU-Amtssprache anerkannten Gälisch. Mit einiger Berechtigung, wenn man sich vor Augen hält, dass nur mehr jeder Hundertste in Irland und Schottland dieser Mundart der britannischen Kelten mächtig ist.

Babylonische Sprachverwirrung

© colourboxDie längst an die babylonische Sprachverwirrung gemahnende Multilingualität in der Europäischen Union ist von jeher Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen – und manch kurioser Vorschläge. Gerade wenn es um sprachlich so sensible Bereiche wie das Recht geht, warnen Kritiker immer wieder vor möglichen Missverständnissen, Ungereimtheiten und Fehlinterpretationen, die mit Übersetzungen einhergehen. Zur Lösung dieses Dilemmas wurde sogar schon die Wiederbelebung des Lateinischen als neutrale europäische Universalsprache ins Spiel gebracht.

Nach offizieller Lesart ist jedoch die Vielsprachigkeit getreu dem Leitspruch „In Vielfalt geeint“ nicht nur Ausdruck der ethnischen und kulturellen Toleranz, die das europäische Einigungsprojekt kennzeichnen soll, sondern auch von Prinzipien wie Demokratie, Egalität und Transparenz. Und um aus der Not eine Tugend zu machen, hält man es sich in der EU gerne zugute, dass hier jeder gewählte Volksvertreter das Recht haben muss, in seiner Muttersprache zu reden und zu hören, zu lesen und zu schreiben.

Fluch und Segen

Was den einen als Fluch erscheint, ist für andere ein Segen. Zu den Hauptprofiteuren der „innerfamiliären“ Verständigungsschwierigkeiten in der EU gehören all diejenigen, die sich professionell mit der Überwindung von Sprachbarrieren beschäftigen. Gemeint sind Dolmetscher und Übersetzer, von denen im Schnitt mehr als 2.500 tagtäglich für die Institutionen, Organe und Behörden der EU im Einsatz sind.

Der weltweit größte Dienst seiner Art ist dabei die Generaldirektion Dolmetschen (GD Dolmetschen) der Europäischen Kommission. Diese sorgt alljährlich auf rund 11.000 Sitzungen für eine reibungslosen Kommunikation und ist darüber hinaus für die Organisation zahlreicher Konferenzen und Großveranstaltungen verantwortlich. Je nach Sprachregelung erfolgt dort die mündliche Übersetzung in Form von Konsekutivdolmetschen in zwei Sprachen, für das nur eine Person erforderlich ist, bis hin zum symmetrischen Simultandolmetschen, für das aufgrund der üblichen Dreifachbesetzung mindestens 69 Dolmetscher benötigt werden. Die GD Dolmetschen wird auch vom Rat der Europäischen Union, dem Ausschuss der Regionen, dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss sowie der Europäischen Investitionsbank in Anspruch genommen.

Zunehmend exotisch

© colourboxFerner unterhält die Kommission eine Generaldirektion Übersetzung (GD Übersetzung), die Rechtsvorschriften und Strategiepapiere, die von besonderer öffentlicher Bedeutung sind, in sämtliche Amtssprachen überträgt. Bei allen übrigen Dokumenten, darunter Schriftwechsel mit Behörden und einzelnen Bürgern, beschränkt man sich in der Regel auf eine Übersetzung in die jeweilige Landessprache. Demgegenüber bedient man sich bei der Verfassung interner Papiere grundsätzlich der drei EU-Arbeitssprachen Englisch, Französisch und Deutsch.

Auch das Europäische Parlament verfügt über eine Generaldirektion Dolmetschen und Konferenzen. Sie beschäftigt momentan 430 mündliche Übersetzer im Beamtenstatus und kann zur Verstärkung bei Bedarf auf rund 2.500 externe Freiberufler zurückgreifen. Die größten Herausforderungen bilden für sie die Plenarsitzungen. Da diese abwechselnd in Straßburg und Brüssel stattfinden, wird das Parlament regelmäßig von einem Tross von bis zu 1.000 Dolmetschern begleitet. Ursprünglich sollten ausschließlich Muttersprachler zur mündlichen Übersetzung von fremdsprachigen Redebeiträgen zum Einsatz kommen. Da sich dies nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Zahl exotischer Idiome – zu nennen sind beispielsweise das finno-ugrische Ungarisch, Finnisch und Estnisch oder das mit dem Arabischen verwandte Maltesisch – immer schwieriger gestaltet, bedient man sich immer häufiger eines Systems mit Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und Polnisch als „Relaissprachen“.

Gewaltiger Aufwand

Diese Methode ist inzwischen auch bei der DG TRAD, dem Übersetzungsdienst des Europaparlaments, Usus. Um den EU-Bürgern den ungeheuren Ausstoß an Papieren, Protokollen, Tagesordnungen, Entwürfen, Berichten, Anträgen, Anfragen, Stellungnahmen, Entschließungen, die der parlamentarische Alltag mit sich bringt, so zeitnah wie möglich in ihren Landessprachen zugänglich machen, stehen dort rund 700 Übersetzer in Lohn und Brot. Neben der Übertragung des gesamten internen und externen Schriftverkehrs sind diese obendrein für die Dokumentation der Gemischten Parlamentarischen Versammlungen aus Mitgliedern des Europaparlaments und Abgeordneten nationaler Volksvertretungen sowie der Europäischen Bürgerbeauftragten zuständig.

Zur Arbeitsentlastung der überforderten Dienste wurde 1994 das interinstitutionelle Übersetzungszentrum für die Einrichtungen der Europäischen Union mit Sitz in Luxemburg geschaffen. Es stellt seine Dienstleistungen in erster Linie den dezentralen spezialisierten EU-Einrichtungen zur Verfügung und beteiligt sich an der Verwirklichung groß angelegter Gemeinschaftsprojekte, wie etwa einer Interaktiven Terminologiedatenbank für die Europäische Union (IATE).

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

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Dezember 2009

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