Jugend

Mehr als nur Fernsehen
Die Jugend zwischen Gegenwart und Zukunft

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Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass sich nicht nur das Fernsehen verändert hat, sondern auch sein jugendliches Publikum.

Die Kinder und Jugendlichen von heute stehen der ihnen angebotenen breit gefächerten multimedialen Palette an Anreizen und kommunikativen sowie soziokulturellen Anregungen mit gestiegener Offenheit gegenüber. Unter inhaltlichem Aspekt hat das Fernsehen heute zweifellos an Qualität verloren und spielt eine weniger zentrale Rolle im Konsumverhalten der Zuschauer: Das „TV-Fieber“ ist generell gesunken, und vor allem die jüngeren Generationen zeigen deutlich weniger Interesse am traditionellen Fernsehen, eine Tendenz die jedoch durch den – oft faszinierenden – Zugriff auf ein breites „Netzwerk“ alternativer digitaler Plattformen kompensiert wird, wie Satellitenfernsehen, Mobile-TV und die Neuen Medien im Allgemeinen.

© colourboxZweifellos wirkt sich die Vervielfältigung des Programmangebots positiv auf die Auswahlmöglichkeiten der Zuschauer aus. Dennoch sollte das Fernsehen der Zukunft in der Lage sein, mit seinem jugendlichen Publikum zu kommunizieren – andernfalls ist sein Erziehungsauftrag unwiderruflich zum Scheitern verurteilt. Die neuen Generationen bedürfen nicht in erster Linie einer Vielfalt differenzierter Anreize, sondern eher fester Bezugspunkte und eines Wertsystems, welches ihnen hilft, sich in ihrer zukünftigen Realität zurechtzufinden, deren Herausforderungen anzunehmen und deren Gelegenheiten zu nutzen.
Letztendlich nimmt das Fernsehen heute unbewusst die Rolle eines Erziehers ein, der den jugendlichen Zuschauern die Werte und die Mängel jener Gesellschaft vermittelt, in der sie leben. Und somit bleibt es – wieder einmal – den Eltern und der Schule überlassen, sie an einen konstruktiven Umgang mit diesem Medium, d.h. an eine bewusste Unterscheidung zwischen der tatsächlichen Realität und deren medialer Darstellung heranzuführen. Dies sollte allerdings nicht mittels Zensur oder anderer restriktiver Methoden der Kontrolle geschehen, sondern vielmehr durch einen kontinuierlichen Dialog mit den Jugendlichen, der sie dazu erzieht, das, was ihnen das Fernsehen bietet, mit ihrem realen Lebenskontext in Bezug zu setzen, und der ihre angeborene Neugierde fördert.

© colourboxIn einem Land, in dem die zahlreichen Kritiker der sog. TV-Abhängigkeit der jungen Generation nur allzu leicht Gehör finden, fällt es schwer, den innovativen Charakter der neuen und differenzierten Formen des Medienkonsums zu erkennen und zu akzeptieren. Trotz der ständigen Hiobsbotschaften all jener, die das Fernsehen heute als „schlechten Lehrmeister“ verdammen, bleibt festzuhalten, dass der zunehmende TV-Konsum der Popularität anderer Medien keinesfalls Abbruch getan hat, dass diese im Gegenteil in jüngster Zeit erheblich an Zuspruch gewinnen konnten.
Sicher stellt das Fernsehen nach wie vor ein äußerst wichtiges Instrument dar, um mit unseren Kindern zu kommunizieren und ihre Stimmungslage zu sondieren. Aus den jüngst erhobenen Daten geht jedoch ein völlig unerwartetes Bild der jungen Generation hervor, welches dem gängigen Klischee deutlich widerspricht: Die Kinder und Jugendlichen von heute sitzen keinesfalls Tag und Nacht passiv vor dem Bildschirm, hilflose Opfer qualitativ oft minderwertiger Programme. Entgegen aller Befürchtungen ist ihr kulturelles Interesse weit größer als das ihrer Eltern, und sie konnten den Einfluss des Fernsehens assimilieren, ohne sich von dessen scheinbar allgegenwärtiger und allumfassender Einflussnahme manipulieren zu lassen.

© colourboxIn der zeitgenössischen Gesellschaft, in der die traditionellen Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule zusehend an Bedeutung verlieren, wendet sich das Interesse der Kinder und Jugendlichen verstärkt den Medien zu. Sie werden als gleichwertige, privilegierte Kommunikationspartner angesehen, die in der Lage sind, mit ihren spezifischen sprachlichen und außersprachlichen Codes einen Einklang zwischen nicht primär bildungsorientierten Inhalten und den individuellen Erwartungen der jugendlichen Konsumenten herzustellen und diesen so differenzierte Wege zu einer eigenständigen Entwicklung zu eröffnen. In unserer modernen Welt sind sowohl die Medienkonsumenten, die Kinder und Jugendlichen, als auch die Erziehungsinstanzen, Familie und Schule, überfordert und gleichzeitig orientierungslos: Problematisch gestaltet sich die Situation vor allem für die Lehrer, die sich jener soliden Plattform beraubt fühlen, jener festen Bezugspunkte zur Definition menschlicher, zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Werte, auf denen das Konzept der „Erziehung“ selbst beruht. Eine Programmgestaltung mit Qualitätsanspruch und ein Fernseh- bzw. Medienangebot mit einem erzieherischen Postulat müssen somit darauf abzielen, in den Jugendlichen die Fähigkeit zu fördern, den Sprachgebrauch der Medien zu entziffern, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen und so zu einem bewussten und selektiven Konsumverhalten zu gelangen.

Mario Morcellini 

Prof. Mario Morcellini
Dekan der Fakultät für Kommunikationswissenschaften und Leiter des Fachbereichs für Kommunikation und Sozialforschung, Universität La Sapienza, Rom

Copyright: Goethe-Institut Italien, Web-Redaktion
November 2010

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