"Ich will von Rassen, Nationalitäten und Grenzen nichts wissen!"
"Ich will von Rassen, Nationalitäten und Grenzen nichts wissen!“
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Black Music Fans |
Das Tanzen hat Metin gerettet, und das ist keine Übertreibung. Mit 15, 16 Jahren stand er "auf der Kippe", wie er sagt. Mit seinen Kumpels machte er die Kleinstadt Ahrensburg unsicher: Sie ließen CDs mitgehen, klauten Fahrräder und waren richtig gut im "Abziehen". Das heißt, sie bedrohten Kinder, meist Jüngere, auf dem Schulweg, die sich mit Geld, ihrer Jacke oder Baseballkappe freikaufen mussten. Wer nicht spurte, bezog Prügel. "Da fand ich gar nichts bei", sagt der heute 26-Jährige.
Doch irgendwann, als es so aussah, dass er an der Hauptschule scheitern würde, hat es "klick" gemacht bei Metin. Als ob ein Schalter umgelegt wurde. Da hat er kapiert, dass es so nicht weitergehen kann. Die Aggressionen blieben, aber er konnte sie nun beim Tanzen abbauen. Oder besser gesagt: in Kreativität umwandeln. Metin hat sein Ding gefunden: HipHop.
Anerkennung ist das Wichtigste
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Graffito |
Metin lobt die Kinder. Anerkennung sei mit das Wichtigste, sagt er und streicht seine kinnlangen Haare hinters Ohr. Deshalb tritt er mit seinen Schülern auch auf Straßenfesten auf.
Anerkennung hat er auch selber durch das Tanzen gefunden. Man sieht es seinem muskulösen Körper an, dass er jeden Tag zwei bis sechs Stunden trainiert. Im Jahr 2000 wurde er mit seiner Gruppe Hamburg Allstars für einen Werbespot ausgesucht, der danach ständig im Kino lief. Ein Clip für die Gebühreneinzugszentrale GEZ, die bei den Rundfunkteilnehmern das Geld zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einnimmt. Metin spielt einen HipHopper, der sich als GEZ -Mitarbeiter entpuppt und ein paar Jungs in einer Fabrikhalle mit einem nicht angemeldeten Ghettoblaster überführt. Werbung und HipHop – passt das zusammen? "Das GEZ-Ding war eine Chance, es hat mir viele Türen geöffnet", sagt Metin. Der Spot ermöglichte ihm, sich als Tänzer und Tanzlehrer selbstständig zu machen. Damals ging er zur Handelsschule und hatte nicht gerade die beste schulische Perspektive.
Seitdem ist er viel gereist und beinahe in ganz Europa aufgetreten. Was seine Einstellung verändert hat. "Früher, in meiner Clique, habe ich mich vor allem als Türke gefühlt", erzählt er. Dabei sind schon seine Eltern als Kinder nach Deutschland gekommen. Er hatte kaum Kontakt zu Deutschen und wollte ihn auch nicht. Mit seinen Kumpels sprach er Türkisch. "Wir waren zwar keine Gang, aber manchmal haben wir uns so gefühlt." Keine Frage: Sie standen am Rande der Gesellschaft, sie waren geächtet und gefürchtet. Einige seiner damaligen Freunde sind inzwischen drogensüchtig, andere stehen ständig mit einem Bein im Gefängnis.
"Ich will von Rassen, Nationalitäten und Grenzen nichts mehr wissen!“ sagt Metin heute: „Ich fühle mich mal deutsch, mal türkisch, aber eigentlich grenzenlos. Ich finde es blöd, Grenzen aufzustellen, mit Grenzen komme ich nicht gut klar.“ Seine Gruppe, die Hamburg Allstars, das sind ein Indonesier, ein Portugiese, ein Pole, einer von den Kapverden, ein Inder, ein Deutscher und ein Halb-Amerikaner. "Die HipHop-Szene ist eine Familie. Woher man kommt, interessiert nicht", meint Metin.
HipHop - Heimat für Migranten?
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DJ Set |
Allerdings gibt es noch einen nahe liegenden Grund: Anfang der 1990er-Jahre begannen Sozialarbeiter in städtischen Jugendzentren, HipHop-Events für Jugendliche anzuregen. Die öffentlichen Jugendtreffs werden von sehr vielen Einwandererkindern besucht, deren Eltern kein Geld für Tennis- oder Klavierunterricht haben. Metin kann die Theorie von HipHop als Ausdrucksform von Einwandererkindern nicht nachvollziehen. Das sei schon wieder so ein Stempel, den er nicht mag. Er gibt auch Kurse in Tanzschulen und da "haben Anwaltssöhne genauso Spaß an HipHop".
Metin will HipHop leben, dazu gehört der Style, der dreckige Slang, das Rebellische. Dazu gehört auch, sein Wissen weiterzugeben. Ein Vorbild zu sein für Jugendliche, die auch auf der Kippe stehen wie er damals. Mit der türkischen Kultur setzt er sich zur Zeit kaum auseinander. Aber das sei vielleicht auch eine Gegenreaktion, meint er: "Meine Mutter ist Sängerin – türkische Folklore – und mein Vater schreibt die Texte dazu. Davon hatte ich in der Kindheit genug".
In beiden Welten zu Hause
Dagegen hören andere Jugendliche türkischer Herkunft mit Begeisterung türkische Popmusik und gehen zu speziellen Parties. Aus dem deutschen Alltag tauchen sie einmal im Monat in "ihre türkische Welt" ein. Bei den Oriental Grooves wird türkische Popmusik, aber auch viel Black Music gespielt. Bedo – bürgerlich Bülent Kayaturan – legt bei solchen Events als DJ auf. Außerdem moderiert er fünf Mal in der Woche die Late-Show Oriental Night im Lokalfernsehen Hamburg 1. In der Sendung zeigt Bedo Videoclips türkischer Popstars, in seinen Moderationen wechselt er ständig zwischen Deutsch und Türkisch. "Ich will zwischen Deutschen und Türken vermitteln und um mehr Verständnis füreinander werben", sagt Bedo, der in Hamburg-Veddel, einem Stadtteil mit 70 Prozent Ausländeranteil, aufgewachsen ist.Etwa 50 Prozent der jungen Deutschtürken, schätzt er, sind in ihrer Freizeit, so wie er selbst, mal mit Deutschen, mal mit Türken unterwegs. 25 Prozent blieben privat unter Türken, 25 Prozent wollten mit der türkischen Kultur überhaupt nichts mehr zu tun haben, "um nicht abgestempelt zu werden". Bedo ist gern mit seinen türkischen Freunden unterwegs. "Wir haben eine eigene Sprache, fangen einen Satz auf Türkisch an und hören ihn auf Deutsch auf. Man benutzt das Wort, was einem zuerst einfällt, mal ist das deutsch, mal türkisch." Bedo genießt die türkischen Parties, zu denen mittlerweile etwa zehn Prozent Deutsche kommen. Auch durch den Film Gegen die Wand, für den Fatih Akin den Goldenen Bären der Berlinale 2004 gewann, interessierten sich plötzlich mehr Deutsche für die türkische Kultur und den türkischen Lebensstil, beobachtete er. Und nach der Berlinale 2005 sorgte der Dokumentarfilm Was lebst Du? von Bettina Braun über eine Truppe Jugendlicher ausländischer Herkunft im Kölner Jugendzentrum Klingelpütz für Aufmerksamkeit. Einerseits freut das Bedo, andererseits kommt es ihm manchmal nur wie eine oberflächliche Mode vor: "Nach dem Motto: Ein orientalischer Freund im Bekanntenkreis ist schick."
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türkische Jugendliche |
Für Bedo hat eine Party, auf der türkische Popmusik gespielt wird, nichts mit Abschottung zu tun. Aber es ist eine kleine Flucht aus einer Welt, in der einen ausländisch aussehenden Mann oftmals misstrauische Blicke treffen.
"Es ist ein tolles Gefühl, wenn man auf die Tanzfläche sieht, und da sind nur dunkelhaarige Köpfe", sagt Bedo. Da ist dann ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Zuhause: "Das ist meine Musik, das ist meine Umgebung, das sind meine Menschen."
Imran Ayata: Hürriyet Love Express. Kiepenheuer & Witsch 2005. ISBN-Nr.: 3462034898.
Aysegül Alevit/Birand Bingül: Was lebst Du? Jung, deutsch, türkisch – Geschichten aus Alemanya. Droemer Knaur 2005. ISBN-Nr.: 3426777975.
Ayhan Kaya: Sicher in Kreuzberg. Constructing Diasporas: Tukish HipHop Youth in Berlin. Transcript 2001. ISBN-Nr.: 3933127718.
Cornelia Spohn (Hg.): zweiheimisch. Bikulturell leben in Deutschland. edition Körber-Stiftung 2006. ISBN-Nr.: 3896840639.
arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Hamburg und Hannover.
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Mai 2004
Aktualisierung Oktober 2006
Links zum Thema
- Dossier on the Key Subject: Cultures on the Move


- Sendung Oriental Night

- Deutsch? Türkisch? Oder deutsch-türkisch? Wie Jugendliche in Berlin mit zwei Sprachen leben

- Krach um den Couchtisch. Ein Interview mit der Ethnologin Ayse Çaglar in der Berliner Zeitung

- Türkisch für Anfänger


- Zentrum für Türkeistudien








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